In den virtuellen Raum und zurück

Der „Netzwerk-Musiker“ Martin Tchiba im Porträt


(nmz) -
„Ich bin schon immer ein Sinnsuchender gewesen. Ich mache grundsätzlich Projekte, die ich interessant finde und selbst gerne hören würde“, bekennt Martin Tchiba, Pianist, Komponist, und Improvisator. Gerade wurde er mit dem Förderpreis für Musik der Landeshauptstadt Düsseldorf ausgezeichnet.
Ein Artikel von Stefan Pieper

Für riesige öffentliche Resonanz haben vor allem seine „Netzwerk-Konzerte“ gesorgt. Bei diesen ließ Tchiba sich musikalische Ideen über die sozialen Netzwerke zuspielen. Die ästhetische Gegenwart von heute brauche einfach eine solche gesellschaftliche Relevanz, lautet das Credo des gebürtigen Ungarn. Beim Konzert „Wireless“ in der Düsseldorfer Tonhalle und ein Jahr später beim „Netzwellen“-Projekt für den Saarländischen Rundfunk hat er dieses in wilder Zufälligkeit geborene und über das World Wide Web eingefangene Material zu einer großen, sinnlichen Programmkomposition auf dem Konzertflügel vereint. Am Ende stand also wieder ein „analoges“ Produkt. Denn genau darum geht es Martin Tchiba: mit dem „analogen“ Handwerkszeug seiner erstaunlich flexiblen Pianistik schließlich wieder im Real Life anzukommen.

Am Anfang solcher Prozesse mag vielleicht eine Zahlenkombination, etwa aus einer Facebook-Timeline stehen. Sie bilden Bausteine für modale Tonreihen, schließlich wieder mächtige Klangfarben für das Hier und Jetzt. Übrigens sind nicht nur Spezialisten aufgerufen, Tchiba mit Material zu versorgen. Man kann bei ihm auch unmittelbare Emotionen „bestellen“. Beim „Netzwellen-Konzert“ wurde das Publikum aufgefordert, ihm Adjektive zu schicken. In Echtzeit schöpfte er daraus hochkomprimierte Miniaturen, in denen Stilzitate aus der Romantik, Zwölftonmotive oder Clusterklänge einen rasch geschnittenen, aufregenden Hörfilm evozierten.

In seinen interaktiven Netzwerk-Konzerten werden künstlerische Prozesse „sozialisiert“ und das Internet zum universellen Handwerkszeug für die Ideen seiner mündigen Nutzer erhoben. Hier kommen wieder Utopien aus den Gründertagen des Internets ins Spiel: herrschaftsfrei Inhalte demokratisieren, Menschen verbinden und diese vor allem zu Akteuren machen. Tchiba will mit solchen Projekten alle Chancen nutzen und damit für die gestalterischen Potenziale der Netz-Öffentlichkeit wachrütteln: „Ich möchte alle kreativen Potenziale ausschöpfen und nicht bei der ersten Stufe stehen bleiben. Diese erste Stufe wird von den meisten Musikern heute genutzt. Sie läuft über Facebook und setzt bei der Selbstvermarktung an. Die zweite Stufte baut darauf auf: Man tauscht sich aus über Sachen, verbleibt aber in den Netzwerken.“ Tchiba denkt aber weiter, um jeder drohenden illusionären Blase des Online-Daseins entgegen zu wirken: „Die dritte Stufe ist eine Überwindung der Viralität. Es geht darum, aus den Netzwerken heraus und wieder auf die Bühne des realen Lebens zurückzufinden. Ich finde es schade, wenn die experimentelle Kunst nur im Digitalbereich stehen bleibt. Das ist dann auch wieder eine Insel!“

Für einen spielfreudigen Musiker wie Tchiba heißt dies – vor allem live und gerne sehr spontan – Schnittstellen, Gemeinsamkeiten und Überschneidungen zwischen musikalischen Formen, Epochen und Genres auszuloten. Sein Anliegen ist dabei die Berührung zwischen musikalischer Gegenwart und klassisch-romantischem Repertoire, in welches Tchiba sich ebenso einfühlsam zu versenken weiß. Einem solchen Unterfangen kommt Tchibas spielerische Gabe entgegen, Stücke in einen fließenden durchgängigen Bogen zu bringen. Ohne Pausen etwa für Zwischenapplaus, der ja meist die Stücke durchschneidet. „Wenn ich Musik aufführe, gehe ich eigentlich fast wie ein Komponist vor,“ Egal, ob bei Liszt oder Lachenmann, Brahms oder Schönberg: Martin Tchibas Sache ist vor allem die Spürnase für strukturelle Verwandtschaft.

Tchibas leichtfüßige Gabe, denkbar „open minded“ auf vielfältige Möglichkeiten zu reagieren, resultiert aus einem in der „E-Musik“ gar nicht so selbstverständlichen Umstand: Am Anfang von Martin Tchibas musikalischen Gehversuchen stand eine riesige Lust zu improvisieren. Und so wie auch zwei Schulklassen bei den Netzwerkkonzerten als aktive Teilnehmer und Lieferanten für kompositorisches Material begeistert mitwirkten, so richtet Martin Tchiba auch einen engagierten Appell an Lehrende und Lernende: „Es ist heute ganz wichtig, sich einen Weg zu suchen, der echt und authentisch ist. So etwas lässt sich nicht in Lehrplänen ausdrücken!“


Konzert in Trier
Am 17. Februar 2019 gibt Martin Tchiba in Trier ein Solorecital bei „Opening! – Internationales Festival für aktuelle Klangkunst“. Bei diesem Konzert sind viele der im Rahmen der Social-Media-Klavier-Projekte komponierten und geposteten Klavierstücke als „digitale Albumblätter“ zu hören. Sie werden klassisch-romantischen Albumblättern gegenübergestellt. Zudem gibt es Performance-Stücke und partizipative Elemente für die Zuhörer/-innen.

Das könnte Sie auch interessieren: