In meinem Kopf ist noch so viel Schönes

Zum 100. Todestag des Komponisten Rudi Stephan


(nmz) -
Rudi Stephan sitzt zusammengekauert im Schützengraben. Es ist Nacht, doch Stephan findet keinen Schlaf. Noch am Vortag hat seine Kompagnie einen Angriff der Russen abgewehrt, jetzt dringen die Schreie der Verwundeten durch die Dunkelheit. Plötzlich springt Stephan auf. „Ich halt‘s nicht mehr aus!”, schreit er. Ein Schuss fällt. Einer der russischen Soldaten hat ihn in den Kopf getroffen. Rudi Stephan, gerade 28 Jahre alt, ist sofort tot.
Ein Artikel von Antonia Bruns

So berichteten später Überlebende der Kompanie über die Ereignisse vor genau 100 Jahren, am 29. September 1915 in der Nähe von Tarnopol in Ostgalizien, die den jungen Komponisten Rudi Stephan so radikal aus dem Leben rissen. Als Stephan zum Frontdienst eingezogen wurde, hatte er gerade seine erste Oper vollendet und sich mit seiner farben- und kontrastreichen Musik bei Tonkünstlerfesten des Allgemeinen Deutschen Musikvereins einen Namen gemacht, wobei die Rezensionen zwischen Euphorie und Verständnislosigkeit schwankten. Während einige Musikkritiker mit Stephans „Unmusik“, diesem „inhaltlich und formell end- und uferlosen Musikmachen“ nichts anfangen konnten, beschrieben andere seine Tonsprache als „absolut“ und „von überraschender klanglicher Ausgiebigkeit“ und sahen in Stephan sogar den zukunftsweisenden Mann der Neuen Musik. Einer bestimmten Strömung oder Schule aber konnte ihn niemand zuordnen, den Sohn einer Wormser Juristenfamilie, der das Großherzogliche Gymnasium abgebrochen hatte, um sich ganz der Musik widmen zu können.

Rudi Stephan studierte zunächst am Hoch’schen Konservatorium in Frankfurt bei Bernhard Sekles, zu dessen Schülern später Theodor W. Adorno und Paul Hindemith gehören sollten. Doch schon nach einem Jahr packte er seine Sachen und ging 1906 an die Münchner Akademie für Tonkunst, um sich bei Rudolf Louis weitere Inspiration zu holen, einem Musikkritiker und Verfechter der Münchner Schule. Stephan besaß in seinem Schwabinger Zimmer zahlreiche Partituren französischer Impressionisten und russischer Komponisten, ging aber nur selten in Konzerte. Ein Eigenbrötler, der wochenlang am Klavier über einer neuen Partitur brütete, um sie dann selbstkritisch in den Papierkorb zu werfen. Und ein kreativer Geist, der in sich hineinhörte und genau wusste, wie seine Musik klingen sollte.

Sein heterogener, ungebändigter Stil erinnert mal an Expressionismus, dann wieder an Impressionismus oder Spätromantik, ohne einer bestimmten Tradition zu folgen. Genauso eigen wie seine Klangsprache sind die Titel, die Stephan seinen Kammermusik- und Orchesterwerken gab: nicht „Sonate“ oder „Symphonie“, einfach „Musik für …“. Sozusagen als Bekräftigung einer absoluten, unmittelbaren Musiksprache, die sich keinem Schema unterordnen will, keiner Programmatik oder außermusikalischer Hintergedanken. Mit seiner „Musik für sieben Saiteninstrumente“ in der außergewöhnlichen Besetzung für Streichquintett, Klavier und Harfe erregte er zum ersten Mal Aufsehen beim Tonkünstlerfest 1912.

Der Durchbruch gelang ihm ein Jahr später, als der Schott Verlag seine „Musik für Orchester“ als Taschenpartitur herausgab. Ein Stück von hoher formaler Konzentration und Straffheit, bei dem sich drei Themen in gefühlt zufälliger Reihenfolge abwechseln, immer wieder durch Pausen unterbrochen. Der Dirigent Paul Scheinpflug meinte später, die „Musik für Orchester“ sei für ihn „das Größte und Tiefste in der modernen Musik“.

Kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde Stephans aufwendigstes und zugleich umstrittenstes Projekt fertig: die Opernvertonung des Dramas „Die ersten Menschen“ von Otto Borngräber. Der hochexpressionistische Text um Adam, Eva, Kain und Abel galt als sprachlich schwierig und hatte bereits bei der Uraufführung in Berlin einen Skandal ausgelöst. Das konnte auch Rudi Stephans geschickte Instrumentation und leitmotiv-ähnliche Charakterisierung der vier „ers-ten Menschen“ nicht auffangen. Wie die Oper tatsächlich beim Publikum ankam, sollte Rudi Stephan nicht mehr erleben. Pflichtbewusst hatte er sich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet, auch wenn er sich in seinen privaten Notizen kritisch über den „schrecklichen“ Krieg äußerte.

Als er eingezogen wurde und seine Eltern ihn zum Bahnhof brachten, soll er noch gesagt haben: „Wenn nur meinem Kopf nichts passiert. Es ist noch so viel Schönes darin.“

In der Nachkriegszeit wäre Rudi Stephan wahrscheinlich sofort in Vergessenheit geraten, hätte sich nicht sein guter Freund Karl Holl für ihn eingesetzt, Dokumente und Augenzeugenberichte gesammelt, eine Biografie geschrieben und die Uraufführung seiner Oper „Die ersten Menschen“ 1920 unterstützt.

Der Applaus des Publikums galt jedoch vor allem dem Kriegshelden Stephan, nicht dem Komponisten. Erst mit der Neuen Sachlichkeit wurden Stephans Werke wieder regelmäßig gespielt, seine Oper erlebte – in gekürzter Fassung – immerhin 24 Aufführungen. Als dann der Zweite Weltkrieg ausbrach, wurde Stephan gewissermaßen zum zweiten Mal Kriegsopfer. Im Februar 1945 verbrannte sein Nachlass bei einem Bombenabwurf über Worms. Diese Tatsache und sein schmales Œuvre sind wohl die Ursache dafür, dass Rudi Stephan, eine der großen Komponistenhoffnungen der Vorkriegszeit, bis heute eine Randgestalt der Musikgeschichte geblieben ist.

Der 100. Todestag Rudi Stephans in diesem Jahr regt zu Spekulationen an: Was wäre, wenn Rudi Stephan überlebt hätte? Wie hätte er sich als Komponist entwickelt? Wäre er der zukunftsweisende Mann in der Neuen Musik geworden, wie seine Zeitgenossen ihn sahen? Doch diese Fragen übersehen, dass Rudi Stephan bereits jemand war: ein junger, willensstarker Komponist mit einer eigenständigen, spannungsreichen Tonsprache, die damals wie heute ihre Hörer fasziniert und herausfordert.
  

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