In welcher Kulturwelt wollen wir leben?

Studierende diskutierten beim „SyncTank“ in Weimar über Kulturentwicklung


(nmz) -
Das WLAN-Passwort ließ es bereits vermuten. Der Name des Intervalls, welches lange Zeit als dissonant galt, heute jedoch von den meisten als konsonanter Klang wahrgenommen wird, verband die Teilnehmer/-innen der Konferenz „SyncTank“ mit dem Internet. Verbundenheit bildete auch deren ständiges Nebenziel, denn vom 21. bis 23. Oktober 2016 kamen Studierende, überwiegend aus dem Bereich des Kulturmanagements, zusammen, um über die großen Fragen des Kulturmanagements zu diskutieren und sich über ihre Erfahrungen auszutauschen.
Ein Artikel von Holger Kurtz

Nachdem am ersten Tag über die Definitionen der Begriffe „Kultur“ und „Kunst“ reflektiert worden war, entstanden am zweiten Tag Utopien darüber, wie eine Kulturwirtschaft in dreißig bis fünfzig Jahren aussehen sollte. Dazu wurden kleinere Gruppen gebildet, welche sich mit den Themen „Kultur und Gesellschaft“, „Kulturpolitik“ und „Kulturfinanzierung“ beschäftigten. Als inspirierenden Input organisierten die Gründer/-innen von SyncTank (David Chazarenc, Lisa Harborth und Sophie Mehner) Redner/-innen aus der Praxis: Siegwald Bütow vom WDR Sinfonieorchester, Stefanie Jerger, die das Fundraising des Rheingau Musik Festivals leitet und Prof. Dr. Steffen Höhne, der an der Hochschule für Musik Weimar lehrt.

Dr. Höhne bot einen Überblick über Tendenzen und Fragen des Kulturmanagements, welcher von den beiden anderen Referierenden mit Praxisbeispielen angereichert wurde. Siegwald Bütow, der seit 2007 als Orchestermanager des WDR Sinfonieorchesters fungiert, sprach über seine täglichen Herausforderungen und Erfahrungen. Dabei wurde ein Thema, welches für die meisten Studierenden bereits als Grundlage für erfolgreiches Musikmanagement gilt, zeitlich relativiert: „Musikvermittlung sei nicht die Aufgabe der Münchner Philharmoniker“, rezitiert Siegwald Bütow stellvertretend das Selbstverständnis der Deutschen Orchester in seinen Anfangsjahren: „Erst als die Berliner Philharmoniker damit anfingen, wollten es auf einmal alle machen“.

Zwischen Kunst und Kommerz

Das Spannungsverhältnis zwischen Kunst und Kommerz, welches dem Kulturmanagement innewohnt, wurde an folgendem Beispiel von ihm dargestellt: Als das WDR Sinfonieorches­ter auf Anregung des Dirigenten einen Bartók-Zyklus veranstaltete, „verlor man etwa 100 Abonnenten“. Durch einen Beethoven-Zyklus könne man etwa die gleiche Anzahl wieder reinbekommen. Ob man bei solchen Rechnungen zu dem Ergebnis kommt, nur noch Beethoven-Zyklen zu spielen, wird perspektivisch in der Verantwortung derer liegen, die sich seinen Vortrag in der Notenbank in Weimar anhörten.

Ein weiteres Thema war die Frage nach der Zukunft der Orchester. Mit Blick auf die Fusion, welche die SWR Orchester gerade durchlitten, sprach Bütow von der Abhängigkeit eines Rundfunkorchesters von dessen Sendeanstalt. Man könne einen guten Job machen, das eigene Profil schärfen, und doch liege es bereits strukturell nicht im Machtbereich des Orchesters, was mit ihm geschehe.

Wer einen Blick in die Zukunft der Hochkultur wirft, schaut meist nicht auf die Bühne, sondern von der Bühne in die Gesichter des Publikums. So auch Siegwald Bütow, indem er die Frage, ob das Interesse für Hochkultur einem Generationenzyklus oder einem Lebensabschnittszyklus unterliegt (also, ob Klassik etwas ist, das man mit dem Alter zu schätzen lernt oder nicht) ironisch herunterbricht auf die Lebenssituation des Publikums: „Beruf gesettled, Haustier tot“.

Dieser Vorstellung widersprach Bütow und stellte Projekte seines Orchesters vor, die für junge Menschen initiiert wurden: darunter das Format „Klassik und Kölsch“, bei dem nach dem hochkulturellen Genuss die Kronkorken zischen. Dieses Format werde von einem Moderator der Pop-Welle WDR2 moderiert und auch dort beworben, um gerade nicht (nur) die Hörer der Klassikwelle zu erreichen.

Neue Wege zu gehen war auch das Thema des dritten Vortrages. Stefanie Jerger stellte dar, wie sich Hochkultur auch ohne öffentliche Förderung stemmen lässt. Das Rheingau Musikfestival finanziert sich nämlich nicht über öffentliche Gelder, sondern etwa zur Hälfte aus Kartenverkäufen und zur anderen Hälfte aus Sponsoring. Neben Einblicken in die Sponsorenpakete, die das Festival anbietet und sogenannten „Complience“-Regelungen der Unternehmen, die das Spenden erschweren, wurde auch über den Einfluss gesprochen, den Unternehmen auf die Kultur nehmen. Allein aufgrund der Reihenfolge der Arbeitsschritte, durch die das Musikfestival organisiert werde, sei der Einfluss auf das Programm nicht gegeben, so Jerger. Zuerst werde von der künstlerischen Leitung das Programm konzipiert, dann erst komme ihre Abteilung ins Spiel („Ich ziehe los und präsentiere die einzelnen Projekte an Unternehmen“). Dennoch machte sie klar, dass Unternehmen nicht in der Tradition des Römers Gaius Maecenas stehen (der als Namensgeber des „gegenleistungslosen“ Mäzenatentums gilt), indem sie offen ansprach, dass in manchen Fragen sehr wohl ein Einfluss erkennbar sei: Den meisten Unternehmen sei es wichtig, dass das Festival unter einem positiven Motto stehe. Ein Jahresmotto wie „Wahnsinn“, sei zu negativ konnotiert und daher nicht förderlich für die Drittgelderakquise gewesen.

Wer sich für die Berliner Intendanten-Frage rund um die Volksbühne interessiert, mag gleich einen Aufschrei von Claus Peymann im inneren Ohr vernommen haben, der bekanntlich der „Reißzahn im Arsch der Mächtigen“ sein will und nicht der Zahnstocher nach einem faserigen Kantinenschnitzel. Dem Rheingau Musikfestival lässt sich dadurch kein Vorwurf machen, da es sich per se durch eine „schöne Atmosphäre, gepaart mit gemeinsamem Kulturgenuss“ identifiziert und kein politisches Festival sein will.

Dauerthema Finanzierung

In der anschließenden Diskussionsrunde mit allen drei Referierenden wurden die angesprochenen Themen durchaus kritisch hinterfragt und vertieft. Mit diesen Erkenntnissen ging es in die Gruppenarbeitsphase. Im intimeren Rahmen wurde zum Thema „Kulturfinanzierung“ an allerlei gezielt utopischen Ideen geschraubt und man arbeitete sich unter anderem an folgenden Fragen ab: Wie ließe sich die Bezahlung von Künstlerinnen und Künstlern verbessern? Welche Rolle soll der Staat in Zukunft einnehmen und wer entscheidet über die Gelder? Dabei wurde über die Sinnhaftigkeit einer „Kulturflatrate“ diskutiert, die es jedem ermöglichen würde, kostenlos ins Theater zu gehen. Besonders erfreulich war die Tatsache, dass sich die Gruppe nicht in eine starre Pro- und eine Kontra-Fraktion aufsplittete, sondern die Diskutanten durchaus in der Lage waren, das Thema von beiden Seiten zu beleuchten. Wie es möglich sein könnte, Künstler fair zu bezahlen, war ein Thema, welches die Teilnehmenden besonders umtrieb. Die Idee einer Art Grundeinkommen für Künstler kam auf und wurde durch den Hinweis auf ein vergleichbares Modell in Frankreich untermauert.

Danach wurden die Gruppen neu verteilt, um sich der großen Utopie – der „Kulturbranche der Zukunft“ – zu widmen. Die Ergebnisse der Finanzierungs-, Politik- und Gesellschaftsgruppen wurden vorgestellt und erneut diskutiert. Dabei zeigte sich die enge Verzahnung der Themen darin, dass in den Teilgruppen über ähnliche Probleme und Ideen räsoniert wurde.

Am letzten Tag wurde von den Organisatoren die eigene Arbeit kritisch hinterfragt, um das Feedback zu nutzen, denn es zeigte sich: SyncTank soll fortbestehen. Wo, wann und unter welchem Thema, wird sich im Laufe des Jahres zeigen. Eines jedoch bleibt sicher: Es wird wieder groß gedacht werden.
  

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