Intensität und fragile Verletzlichkeit

Die britische Pop-Ikone Dusty Springfield auf einer neuen Mercury-Compilation


(nmz) -

Mary Isabel Catherine Bernadette O’ Brien war Dusty Springfield (1939–1999). Und Dusty Springfield war neben vielen anderem (Ikone der Schwulen- und Lesbenbewegung, späte Witzfigur der britischen Gossenpresse, Diva im Mod-Look, die als „White Negress“ gelobte, beste nicht-amerikanische Motown-Sängerin etc.) vor allem eines: Die größte Sängerin des britischen Pop und nicht nur Referenzfigur des Easy-Listening- und Lounge-Sounds, als die Dusty Springfield auf einer neuen Mercury-Compilation – einer gelungenen Auswahl ihrer Aufnahmen der Jahre 1966 bis 1970 – begriffen wird.

Ein Artikel von Claus Lochbihler

Mary Isabel Catherine Bernadette O’ Brien war Dusty Springfield (1939–1999). Und Dusty Springfield war neben vielen anderem (Ikone der Schwulen- und Lesbenbewegung, späte Witzfigur der britischen Gossenpresse, Diva im Mod-Look, die als „White Negress“ gelobte, beste nicht-amerikanische Motown-Sängerin etc.) vor allem eines: Die größte Sängerin des britischen Pop und nicht nur Referenzfigur des Easy-Listening- und Lounge-Sounds, als die Dusty Springfield auf einer neuen Mercury-Compilation – einer gelungenen Auswahl ihrer Aufnahmen der Jahre 1966 bis 1970 – begriffen wird.Eine gewagte Behauptung? Nicht, wenn man die neuesten Wiederveröffentlichungen der vor knapp zwei Jahren verstorbenen Sängerin hört. Bei „Dusty. Definitely“ und „From Dusty with Love“ – in den USA 1970 als „A Brand New Me“ erschienen – handelt es sich um die beiden Alben, die das unbestrittene Meisterwerk von Dusty Springfield einrahmen: „Dusty in Memphis“, jenes legendäre Motown-Blue-Eyed-Soul-Album, das vielen leider nur mehr wegen „Son of a Preacher Man“ ein Begriff ist.

„Dusty. Definitely“, aufgenommen 1968, bietet Springfield in ihrer ganzen, stilistisch verwirrenden Bandbreite, kurz vor ihrem Trip nach Memphis. Ein Album, das mit dem von John Paul Jones (Ja, der von Led Zeppelin!) produzierten „Ain’t No Sun Since You’ ve Been Gone“ wie ein fetziges Stevie Wonder-Album anfängt und mit „Second Time Around“ (Sammy Cahn/ Jimmy Van Heusen) wie ein zu spät gekommenes Big Band-Album im Sound von Peggy Lee, Frank Sinatra und Nelson Riddle endet. Ein stilistisch sehr uneinheitliches Album also, irgendwo zwischen Motown-Groove, Easy-Listening und Cocktail-Swing, aber eines, das es in sich hat und das auf unterschiedliche Weise bereits auf „Dusty in Memphis“ verweist: Neben weiteren Motown-Nummern wie „Love Power“ und dem Irma Franklin-Janis Joplin-Cover „Piece of My Heart“, das bereits 1:1 nach dem subtilen Pop-Soul von „Dusty in Memphis“ klingt, gab es mit dem grandiosen „I Think It’s Gonna Rain Today“ erstmals auch Randy Newman zu hören, von dem Dusty Springfield in Memphis gleich zwei Songs aufnehmen sollte. Über „This Girl’s in Love With You“ erweist sich Dusty Springfield als die nach Dionne Warwick größte Interpretin von Burt Bacharach und Hal David und deren hoher Kunst der leichten Pop-Muse. Dass Dusty Springfield wie ein weiblich(-bisexueller) Frank Sinatra des Pop zwar keine Songs schrieb, sie jedoch stets so interpretierte als ob sie den Song gelebt hätte, wird auch bei dem Charles Aznavour-Cover „Who (Will Take My Place)“ deutlich: Springfield verbindet hier Bossa nova-Feeling mit einer Ausdrucksstärke, die zugleich den Eindruck größter Intensität und fragiler Verletzlichkeit vermittelt. Cooles, jazziges Understatement zeichnet „Spooky“ aus, einen groovigen Dancefloor-Schlürfer, der als einer von vier Bonus-Tracks das Originalalbum ergänzt.

Das zweite wieder aufgelegte Album, „From Dusty with Love“, hätte analog zu „Dusty in Memphis“ auch „Dusty in Philadelphia“ heißen können: Denn die 1970 in der „City of brotherly Love“ aufgenommene LP stellt nicht weniger dar als eines der ersten Alben im Philly-Sound der
70er: Raffiniert streichergetränkter Rokoko-Soul, aus dem sich später der Disco-Sound entwickeln sollte. Die Architekten des Philly International Sound, der den Motown-Sound ablöste, sind auf „From Dusty with Love“ samt und sonders vertreten: Die späteren Starproduzenten Kenny Gamble und Leon Huff, von denen sämtliche Songs stammen, Gitarrist Roland Chambers und Thom Bell als Arrangeure der Bläser- und Streicher-Charts und Musiker, und eine Hausrhythmusgruppe, deren Sound aus pumpenden Bass-Grooves, flächigen Wah-Wah-Gitarren und Hammond-Orgel den Philly-Sound der 70er so prägen sollte wie die Funk Brothers den von Motown. Das Song-Writing auf „From Dusty With Love“ erreicht zwar nicht das Niveau von „Dusty in Memphis“, ist aber dennoch fast durchweg exzellent: Cover-Versionen von den „Jackson Five“ („Bad Case of the Blues“) und Jerry Butler („Lost“, „Brand New Me“), ein „Silly, Silly Fool“, das von Aretha Franklin hätte stammen können, der Gospel-Pop von „Let’s Talk It Over“, das zerbrechliche, ohrwurmartige „Let Me Get In Your Way“. Bewährte oder neue Songs, denen Dusty Springfield dank ihrer stimmlichen Wandlungsfähigkeit und interpretatorischen Tiefe ein Leben einhauchte, das heute – im Zeitalter der blassen, langweiligen Céline Dions und Mariah Careys – genauso trägt und bewegt wie Anfang der 70er-Jahre.

Dusty Springfield: Twenty Classic Recordings. Digitally Remastered. Lounge Legends/Mercury 586 469-2
Dusty Springfield: Dusty. Definitely. Mercury 538 232-2
Dusty Springfield: From Dusty With Love. Mercury 538 232-2

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