Irre Relevanz

Uraufführungen 2019/07-08


(nmz) -
Um 1800 begannen Komponisten, verstärkt Auskünfte über die von ihnen komponierten Werke zu geben. Sie sprachen oder schrieben über Ideen, Techniken, Deutungen und erhoben Ansprüche. Sie hofften auf bessere Resonanz und Wirkung ihrer Arbeit bei Publikum, Mäzenen, Zeitgenossen und Nachwelt. Daran hat sich bis heute wenig geändert. Und dennoch gibt es gegenwärtig fundamentale Verwerfungen. Akteure der neuen Musik geben sich nicht länger zufrieden, ihre Arbeit zu erklären, damit diese besser gehört sowie an andere Kontexte und Lebenserfahrungen angeschlossen werden kann. Statt Hörerinnen und Hörer sich eigene Meinungen über Wert und Bedeutung des Erlebten machen zu lassen, reklamiert man immer ausdrücklicher und lauter Aufmerksamkeit, Wichtigkeit und Aktualität.
Ein Artikel von Rainer Nonnenmann

Das inflationär gebrauchte Modewort „Relevanz“ ist in vieler Munde, bei Komponisten ebenso wie bei Interpreten, Veranstaltern, Journalisten, Publizisten, Zeitungs-, Rundfunk- und Zeitschriftenredakteuren. Neben Ästhetischem geht es dabei primär um Gesellschaft, Politik und Moral, wie schon bei der alten Trias vom Wahren, Schönen, Guten. Vor allem aber gleicht das Gerede von Relevanz dem berühmten Pfeifen im Walde.

Relevanz beanspruchen gerade diejenigen, die sie gerne hätten, aber nicht haben. Die Versicherung ist daher in höchstem Maße verunsichernd, was den Verdacht nahelegt, sie speise sich aus Angst vor Irrelevanz. Das vielstimmige Relevanz-Getön ist ein Symptom der Krise. Die für neue Musik lebenswichtigen Institutionen, Rundfunkanstalten, Konzerthäuser, Ensembles, Festivals, kommunalen Finanziers und privaten Stiftungen sehen sich von außerhalb wie innerhalb der Szene einem wachsenden Legitimitätsdruck ausgesetzt. Fragen nach „Mehrwert“, „Engagement“, „Aussage“, „Haltung“, mithin nach gesellschaftlicher „Relevanz“ werden nicht selbstbewusst und trotzig mit Verweisen auf die Freiheit, Unabhängigkeit, Rätselhaftigkeit, Menschlichkeit und Sinnlichkeit von Kunst beantwortet. Stattdessen kapituliert man vor den kapitalistischen Maßstäben der Aufmerksamkeit, Verwert- und Konsumierbarkeit.

Obwohl nichts und niemand in der Nische der neuen Musik auch nur ansatzweise den Popularitätswerten von Popstars, YouTubern und Influencern nahezukommen vermag, macht man sich auch hier das funktionelle Zweck- und Zielgruppendenken der Business- und Marketingwelt zu Eigen, indem es auch hier um Reichweiten, Trefferquoten, Klicks, Links, Likes und Follower gehen soll, im Reiche der Kunst allesamt ungedeckte Schecks. Es bleibt jedoch die Hoffnung, den im Sommer anstehenden Uraufführungen gehe es nicht um messbare Quantitäten, sondern um die Qualität möglichst in- und extensiver ästhetischer Erfahrung im Vertrauen darauf, auch diese habe etwas mit Leben und Welt zu tun.

Weitere Uraufführungen:
03.07.: Philipp Mainz, septimus angelus für Orgel solo, Internationale Orgelwoche St. Sebald Nürnberg
05.07.: Miroslav Srnka, „Speed of Truth“ für Soloklarinette, Chor und Orchester, musica viva München
07.07.: Martón Illés, Víz-szín-tér für Orchester, Liederhalle Stuttgart
27.07.: Mikis Theodorakis, Zorbas für Soloflöte und Orchester, Konzerthaus Berlin
18.08.: Arne Gieshoff, Die Konferenz der Kinder für 150 Kinder aus Dres-dner Schulen sowie die Ensembles El Perro Andaluz, transit place und AuditivVokal, Frauenkirche Dresden
19.08.: Dieter Ammann, Klavierkonzert, Royal Albert Hall London
23.08.: Charlotte Seither, Neues Werk für Flöte und Live-Elektronik, Kunstfest Weimar; Detlev Glanert, Idyllium für Orchester, Concertgebouw Amsterdam

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