JeKi-Lehrer am Rande des Nervenzusammenbruchs

Zum anonymen Leserbrief „Die Unzufriedenheit zieht weite Kreise“, nmz 11/09, Seite 10


(nmz) -
Das Thema JeKi brennt Vielen unter den Nägeln, wie die folgenden Leserbriefe unterstreichen. Ein Diskussionsforum zum Thema bietet ab Anfang Dezember die nmz-Webseite mit dem Weblog „JeKi oder nie“. Die Debatte wird angestoßen von Evelyn Beissel (Hof), Barbara Petzold (Gelsenkirchen), Ulrike Tervoort (Essen) und, als Moderator, Christian de Witt (Essen):
Ein Artikel von Leserbrief

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge habe ich den anonymen Leserbrief unter der Überschrift „Die Unzufriedenheit zieht weite Kreise“ gelesen – Kompliment für Mut und Spontaneität, die aus diesen Zeilen sprechen, wenn auch leider Ihre Stimme nicht zu hören ist. Der nmz-Redaktion ist zu danken, dass sie in der Novemberausgabe diesen Text gedruckt hat, ich wünsche Ihnen und uns offene Ohren, Anteilnahme erfahrener Musiker und Musikpädagogen und seitens vieler Schülereltern! Zum Schmunzeln erzähle ich meine JeKi-Erfahrungen: Man bat mich, langjährige Querflötenlehrerin mit Staatsexamen und künstlerischem Diplom, JeKi-Unterricht im Fach Klarinette zu erteilen. Da ich noch nie eine Klarinette zum Klingen gebracht hatte, habe ich mich geweigert und erhielt von einer im gleichen Haus (Gymnasium) unterrichtenden Studienrätin die Empfehlung: Dann nehmen Sie eben eine Klarinette und tun so als ob, es wird ohnehin schlecht bezahlt. Jetzt ist das Schmunzeln zu Ende, es folgte, sicher auch noch aus anderen Gründen, ein Zuweisungsstopp für meine Klasse bei Neuanmeldungen im Fach Querflöte, bis ich schließlich mit zirka dreieinhalb Wochenstunden, auf Schülerwunsch verteilt auf zwei Wochentage mit 15 km Anreise (einfache Fahrt) – Ihre Rede – kapituliert habe und einen Auflösungsvertrag unterschrieben habe – ohne Abfindung, ohne Begründung und ohne Verabschiedung am letzten Unterrichtstag. Sie können meiner Anerkennung sicher sein, und gerne stimme ich mit ein, wenn es darum geht, unseren sehr alten, wunderbaren und für Gegenwart und Zukunft so wichtigen Beruf zu würdigen.
Eva Schmillen, Frankfurt, Mitglied im Frankfurter Tonkünstlerbund

Danke, danke, danke! Dieses Statement könnte von mir sein. Auch ich gehöre zu den misshandelten Musikschullehrern, die zum „Rudelpfeifen“ (Blockflöte) und Einfingersuchsystem auf den Tasteninstrumenten abgestellt wurden. Da ich von Haus aus Klavier im Hauptfach und Blockflöte im Nebenfach studiert habe und diese Fächer nach wie vor unterrichte, kenne ich sehr wohl den Unterschied zwischen den beiden Unterrichtsformen. Im Übrigen bin ich nicht der Meinung, dass jedes Kind ein Instrument spielen sollte, wohl aber es die Möglichkeit dazu geboten bekommen sollte. Hier könnten die Musikschulen zum Beispiel mit günstigen Schnupperkursen und Ähnlichem sinnvolle Arbeit leisten. Soviel im Moment dazu.
Ilse Bischoff, via E-Mail

Obwohl ich den abgedruckten Leserbrief nicht verfasst habe, möchte ich mich für die Veröffentlichung bedanken. Mir und vielen meiner Kollegen wurde aus dem Herzen gesprochen. Hinzuzufügen ist lediglich, dass man von uns auch erwartet, regelmäßig Fortbildungen zu besuchen. Die Kosten der Kurse, sofern denn überhaupt etwas Passendes angeboten wird (im Bereich JeKi arbeiten wir in meinem Bundesland meist ohne Fortbildung), sind erst einmal von uns selbst zu tragen. Ob und wieviel dieser häufig recht hohen Kosten, die auch schon mal den Netto-Monatsverdienst einer meiner Musikschulen verschlingen können, der Arbeitgeber bereit ist zu übernehmen, ist unterschiedlich. Zu allem Überfluss stellen wir auch unser Handwerkszeug, die Kosten für unsere Instrumente und deren Wartung tragen wir selbst, ebenso die Kosten unserer Beförderung per Auto oder ÖPNV, wenn wir für den Arbeitgeber zwischen den einzelnen Unterrichtsorten hin und her hetzen. Fortgeschrittenen Schülern, die erwägen, den an sich so vielseitigen und schönen Beruf des Musikschullehrers zu ergreifen, muss ich mit Hinblick auf unsere Arbeitsbedingungen, die sich in den 25 Jahren, in denen ich diesen Beruf ausübe, nicht verbessert haben, regelmäßig abraten. Mit freundlichen Grüßen,
Inga Stutzke, via E-Mail

Ich möchte dem anonymen Schreiber des Leserbriefes zur Situation der „JeKi“-betroffenen Musikschullehrkräfte meinen herzlichen Dank aussprechen, denn er spricht den meisten von uns wohl aus der Seele. Dieses ohne vernünftige Vorbereitung aus dem Boden gestampfte Projekt bringt viele Instrumentallehrer/-innen an den Rand des Nervenzusammenbruchs, weil es unsere Arbeitsbedingungen drastisch verschlechtert. Da sitzen plötzlich sieben (sprach die Vorgabe nicht von maximal fünf pro Gruppe?) Gitarrenkinder in einer Gruppe, die es alle toll finden, so ein Instrument in Händen zu halten, von denen aber nur die Hälfte bereit ist, auch etwas dafür zu tun. Teilzeitbeschäftigte Lehrkräfte müssen ohne vorherige Absprache an Tagen zum Unterricht erscheinen, an denen sie zuvor der Musikschule nicht zur Verfügung standen. Bei einer sehr ausgiebig mit „JeKi“-Unterricht im ersten Jahr beschäftigten Lehrkraft (elf Gruppen) summieren sich die nutzlosen Wartezeiten in den Schulen und zwischen Vormittags- und Nachmittagsunterricht auf wöchentlich 8,5 Zeitstunden! Wer zahlt uns das? Man kommt sich vor wie ein „Vertreter für Bürsten und Seifen“, der mit seinem Köfferchen unterm Arm von Schule zu Schule tingelt. In unserer Musikschule mehren sich die Gedanken vieler seit mehr als 20 Jahren angestellten Lehrkräfte, ob es nicht noch eine Möglichkeit gäbe, sich beruflich zu verändern. Die Verzweiflung nimmt zu.
Regina Pietrek, Gelsenkirchen

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