Jugendförderung als Avantgarde


(nmz) -
„Folk Songs“: Unter diesem Titel präsentierte das „jugendensemble für neue musik bayern“ JU[MB]LE mit seinem Leiter Johannes X. Schachtner und der Solistin Salome Kammer im Gasteig München ein vielseitiges Programm, darunter auch ein neues
Ein Artikel von Konstantin Esterl

Neue Musik mit jungen Instrumentalisten zu erarbeiten und aufzuführen, das ist das Ziel von JU[MB]LE. Das bay ernweit einzigartige Projekt wendet sich an 14- bis 23-Jährige, die (noch) nicht Vollstudierende an einer Musikhochschule sind, und es beweist, dass Jugendförderung und Avantgarde sich nicht ausschließen müssen, sobald begabte Musiker mit Neugier an sie herangehen. Berührungsängste abbauen, Interesse wecken – die Aufgaben des Dirigenten und künstlerischen Leiters Johannes X. Schachtner sind hier umfassender als gewöhnlich, und das Konzert zeigt, wie sehr sich dieses Engagement lohnt. Mit Luciano Berios „Folk Songs“ eröffnete gleich ein „Klassiker“ das Programm. Volksweisen aus verschiedenen Ländern bilden (nebst zwei Eigenkompositionen) die Grundlage des Zyklus. Klar und fasslich in der Struktur präsentiert er das Populäre in raffinierten Klangmischungen, brüchigen Texturen, zuweilen filigranen Details. Zum Erlebnis wird dies besonders durch den fantastischen Ausdrucksreichtum der Gesangssolistin Salome Kammer. Souverän vermeidet sie den glatten Wohlklang und legt näselnd, murmelnd, schmeichelnd, klagend, auch Dialoge nachzeichnend den Reichtum an Nuancen und Charakteren frei, die diese Musik bereithält. Ein kurzes Intermezzo boten Dieter Dolezels „Duettini“ für zwei Violinen: Stücke für fortgeschrittene Laien, gedacht jeweils auch zur Bewältigung bestimmter musikalischer und technischer Probleme. Den anarchischen Kontrast zu diesem didaktischen Konzept lieferte Stephanie Haenslers Ensemble-Komposition „dann und wann“. Was im Instrumentalunterricht verboten ist, ist hier gefordert: Das Spiel im Innenraum des Flügels, der zu fest angedrückte Streicherbogen oder Blasgeräusche sind nur einige der Effekte, aus denen sich der filigrane Kosmos des Stücks zusammensetzt, ergänzt durch Folien- Rascheln, gestrichene Sektgläser und Vogelpfeifen. Mit Hingabe widmen sich die Spieler diesem „klanglichen Karussell“, in dem geräuschhafte Gesten sich immer wieder zu flüchtigen oder pulsierenden Figuren verdichten. Beschlossen wurde das Programm mit einer Uraufführung: „Buenos Aires“ für Gesang und zwölf Instrumentalisten von Jan Müller-Wieland. Ein Bekenntnis zur Unbeschwertheit des Tango sollte es werden. Dass der Komponist hierfür das Göttliche in frühen Rilke-Gedichten durch „Tango“ und „ewige Luft“ ersetzt hatte, wirkt jedoch eher bemüht. Auch verleiht das illustrative Entlang- Komponieren am Text der Musik zuweilen einen Zug ins Rezitativische, Amorphe; von der Klarheit der „Folk Songs“ – laut Müller-Wieland einer der Inspirationsquellen – hätte man ihr mehr gewünscht. Schade ist zwar ebenfalls, dass die erstklassige Solistin hier unterfordert wird, doch umso erfreulicher fällt dadurch auf, dass es Müller-Wieland gelungen ist, das Stück den jungen Musikern tatsächlich auf den Leib zu schreiben. So endete der Abend mit einer hervorragend gespielten Uraufführung, in der sich die Musiker des JU[MB]LE von ihrer besten Seite zeigen konnten, und mit großem Applaus für alle Beteiligten.

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