Jugendorchester sind eigene Wesen

Im Herzen der Jeunesses Musicales Deutschland


(nmz) -
Das aktuelle Mission Statement der JMD nennt schon im ersten Satz die „Gemeinschaft engagierter junger Musiker und Musikerinnen“. Jugendorchester jeglicher Formation und Größe sind lebendige Musiziergemeinschaften und damit enorm wirkungsvolle Orte kultureller Jugendbildung. Als Organismen einer motivierenden musikalischen Nachwuchsarbeit auf jedem Niveau sichern sie immaterielles Kulturerbe durch Aneignung. Sie sind darüber hinaus ein erlebbares Sinnbild für menschliche Gesellschaftsbildung auf Basis humaner Werte, indem sie jungen Musiker*innen die individuelle und gemeinsame Erfahrung eines gelingenden Miteinanders in dem Bemühen um einen kulturellen Inhalt bieten. Für die JMD und Jeden, der es selbst erlebt hat, gehören Jugendorchester zu den Quellen von Kultur und Gesellschaft.
Ein Artikel von JMD

Bereits in einem frühen MJD-„Prospekt“ von 1955 werden als Korporative Mitglieder neben 25 Chören (darunter die Regensburger Domspatzen) 9 Jugendorchester aufgelistet, etwa das Essener Schulorchester (1953 gegründet), das Jugendorchester Wuppertal und das Frankfurter Jugend-Sinfonie-Orchester. Jugendorchester bestanden in dieser Zeit eher vereinzelt. Immerhin veranstaltete die MJD-Gruppe München schon ein „Treffen von Jugendchören und -orchestern unter dem Motto Jugend musiziert“! Das Potenzial war also da, und die Jeunesses Musicales in Deutschland bot sich als Bezugspunkt an, als mit dem Ausbau des Musikschulwesens und durch gut ausgebildete Schulmusiker an den Gymnasien mehr und mehr Jugendorchester entstanden.

Einen bemerkenswerten Sprung von 82 auf 162 Mitgliedsorchester in der JMD gab es zwischen 1987 und 1990, darunter das Bundesjugendorchester, alle Landesjugendorchester, viele Universitätsorchester, Schul- und Musikschulorchester. Persönlichkeiten im Bundesvorstand der MJD ergriffen die in dieser Form neue Initiative: Detlef Hahlweg (Münster), Hans-Josef Menke (Landesjugendorchester NRW), Claudia Klemkow-Lubda als junge und überhaupt erste Frau im Vorstand, auch Karl-Heinz Bloemeke (HfM Detmold), Hans Timm (1978–81 Generalsekretär der JMD, dann Projektleiter des BJO) und Rainer Cadenbach (Uniorchester Bonn). Ihnen ist es zu verdanken, dass sich die Arbeitsgemeinschaft Jugendorchester (AGJO) gründete und entwickelte. „Die Verdoppelung der Mitgliederzahl in den letzten drei Jahren wird sich natürlich auf die Arbeitsschwerpunkte der JMD auswirken“, forderte Hahlweg programmatisch. Man formulierte den „Anspruch, der Jugendorchesterverband in Deutschland zu sein“. Über 20 Jahre lang widmete Hahlweg, im Hauptberuf Schulmusiker in Münster, ehrenamtlich als Vorstandsmitglied und AGJO-Vorsitzender seine Leidenschaft dem Thema Jugendorchester – in seiner Privatwohnung betrieb er das AGJO-Büro, ab 1987 unterstützt von Esther Wallies auf einer ABM-Stelle. Die Aufgaben kreisten, damals wie heute, um die Themen GEMA, Noten leihen, kaufen, kopieren, ein Handbuch Jugendorchester mit allen relevanten Aspekten des Jugendorchestermanagements, Orchesterreisen, Dirigierkurse und – den Notenleihverbund, eine Solidaritätsleistung der Mitgliedsorchester. „Da gab es ganz viel Traffic. Die Orches­ter haben sich ständig etwas untereinander ausgeliehen, weil man ja immer etwas Neues spielen wollte, was man nicht im Bestand hatte“, erinnert sich Klemkow-Lubda. Die AGJO lud zu einer jährlichen Tagung nach Weikersheim ein. Andreas Burger, seit 1991 Leiter des LJO Bayern, erinnert sich: „Das war eine total nette Gesellschaft und ein reger Austausch. Dabei äußerst lus­tig, und wir haben uns immer mächtig gefreut auf diese Treffen, weil es eine ganz enge, gute Gemeinschaft war.“ Thematische Schwerpunkte waren zum Beispiel Neue Musik, Selbstverwaltung, Organisation und Fördermöglichkeiten für Orchesterreisen, auch Musikverlage stellten ihr Programm vor. Es kamen Jugendorchestermitglieder, -organisatoren und zum Teil auch deren Dirigenten zusammen – eine bunt gemischte Gruppe. Zulauf und Interesse waren groß, auch zu dem Jugendangebot der „Weikersheimer Variationen“.

1990 wurden Kooperationen mit dem Verband deutscher Musikschulen und dem Verband Deutscher Schulmusiker geschlossen, dessen Vertreter Georg Kindt bis heute ein Wegbegleiter der JMD ist. Eine Palette von Mitgliederleistungen entstand, die bis heute attraktiv ist, von Sondertarifen bei der GEMA, den Musikverlagen und der Musikakademie in Weikersheim über eine Veranstalterhaftpflicht und den erwähnten Notenleihverbund bis hin zu Fördermitteln für internationale Orches­terbegegnungen. Der legendäre Silvesterkurs für Kammermusik und Orchester war der Hit über den Jahreswechsel. Der Dirigierkurs für Jugendorchesterleiter wurde etabliert. Der damalige Bundesvorsitzende Michael Jenne wagte es – extrem erfolgreich –, das Jeunesses Musicales World Orchestra mit einer regelmäßigen Winterarbeitsphase in Berlin in die Regie der JMD zu übernehmen, was später mit einem eigenen Trägerverein bis 2002 Bestand hatte. Detlef Hahlweg knüpfte Kontakte zum Jugendorchester-Sistema in Venezuela, für dessen Auswahlorchester die JMD zwischen 2000 und 2007 vier Tourneen durch die großen deutschen Konzerthäuser organisierte. „Die Jeunesses war eigentlich die AGJO.“ Klemkow-Lubdas Fazit ist für die rund 20 Jahre bis nach 2000 zutreffend – jedenfalls war es eine Hoch-Zeit auch der aktiven Mitglieder-Beteiligung.

Die Zeiten sind heute anders. Schon in den 1980er-Jahren mahnte Generalsekretär Claus Harten eine stärkere Professionalisierung an, die dann für das JMD-Präsidium unter Hans Herwig Geyer ab 2004 Programm wurde. Nicht allein die bis heute hemmungslos überbordende Bürokratisierung war zu bewältigen, auch Formen und Inhalte der Kommunikation hatten sich komplett gewandelt, und es schwanden die Zeitressourcen der Jugendorchesterleiter*innen. Die JMD ist bei allem Wandel ganz offensichtlich attraktiv für eine Mitgliedschaft geblieben. Unter Generalsekretär Uli Wüs­ter (seit 2002) wuchs ihre Zahl erneut um 50 Prozent auf heute zirka 300 Orchester, sicher auch in Folge der Einstellung von Kommunikationsreferentin Käthe Bildstein, die auch die bundesweiten JMD-Angebote für Jugend­orchesterprojekte betreut. Ab 2017 konnte die Förderung internationaler Orchesterbegegnungen durch die Versechsfachung der Mittel aus dem Bundesjugendministerium und mit einer halben Stelle erweitert werden. Geöffnet hat die JMD ihr Mitgliederspektrum auch für Sinfonische Jugendblasorchester. Der 1996 von Generalsekretär Thomas Rietschel initiierte Deutsche Jugendorchesterpreis, der im zweijährigen Turnus ebenso die musikalische Leistung auszeichnet, wie eine originelle Programmqualität und jugendliches Engagement, erfuhr 2014 eine konzeptionelle Aktualisierung. Die Konferenz der Landesjugendorchester, dereinst als „Bollwerk“ gegen das Teilnehmer*innen abwerbende Bundesjugendorchester ins Leben gerufen, bietet heute, moderiert von dessen Projektleiter Sönke Lentz, der selbst neun Jahre JMD-Vizepräsident war, einen kollegialen Erfahrungsaustausch. Bundespräsident Johannes Rau bot 2004 auf Schloss Bellevue den Rahmen bundesweiter Aufmerksamkeit der Medien, als Vertreter von JMD und Deutscher Orchestervereinigung eine Kooperation unterzeichneten, in der bis heute 55 „tutti pro“-Orchesterpatenschaften zwischen Berufs- und Jugendorchestern gestiftet und mit diesem Qualitätssiegel ausgezeichnet wurden. Die Musikakademie Schloss Weikersheim wurde konsequent als ideale Probenstätte für große Jugendorches­ter entwickelt und zählte zuletzt über 30.000 Übernachtungen im Jahr. Mit ihrem Jugendorchester-Schwerpunkt ist sie seit 2005 „World Meeting Center“ des Jeunesses Musicales Weltverbands und nutzt ab 2019 auch die neue TauberPhilharmonie.

Aktuell wirbt die JMD in ihren Mitgliedsorchestern um jugendliche „JM-Botschafter*innen“, die von der JMD Informationen, Vernetzung, Coachings und spezielle Projektangebote erhalten und als ehrenamtlich Engagierte in ihre Orchestergemeinschaft Ideen, Anregungen, Angebote und Leistungen der JMD hineintragen – es gilt, die Identifikation und Zustimmung der musikalischen Jugend von heute zu „ihren“ Jugendorchestern zu stärken: Sich vorne hinstellen, selbst aktiv sein, etwas ausprobieren und Andere motivieren – auch davon wird Jugendorchester im Sinne der JMD getragen. Vielleicht ist für die Zukunft dieser besonderen analogen Wesen die Identifikation und der Einsatz ihrer jungen Musiker*innen ein Überlebenselixier. Hoffentlich hat Claudia Klemkow-Lubda, die ihr Leben den Jugendorchestern gewidmet hat und auf 33 Jahre im Präsidium zurückblickt, recht: „Dieser Zusammenhalt in so einem Orchester, das ist einfach etwas ganz Tolles und etwas ganz, ganz Wertvolles – und das ist geblieben, auch wenn es anders ist als vor dreißig vierzig Jahren, aber DAS ist immer noch da!“

In der aktuellen Corona-Krise sind die Jugendorchester seit über einem Jahr verstummt. Die JMD hat darauf mit einem Argumentationspapier re­agiert und unterstützt einen Prozess, mit dem Orchesterleiter*innen und – was politisch noch wirksamer sein würde – die Jugendlichen selbst für das Wieder-Aufleben ihrer Orchester eintreten. Das, was den Menschen zum Menschen macht, Kultur und Sozialität, muss in der Krise, aus der Krise und nach der Krise gerettet werden. Unsere Jugendorchesterlandschaft, die auf der Welt einmalig ist, darf nicht veröden. Jugendorchester haben einen großen Symbolwert, denn in ihnen wird für glückliche Momente die „Utopie einer harmonischen Gemeinschaft“ im Zeichen der Musik Wirklichkeit.

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