Kampf der Knöpfe mit Winden und Böen

Virtuoses und jazziges Balgen auf dem Akkordeon – eine aktuelle Literaturempfehlung


(nmz) -

Horst Lohse: „Turm der Winde“ für Akkordeon-Orchester (2005).
Edition Gravis, EG 970

Ein Artikel von Maximilian Schnurrer

Die Dosierungen und Verästelungen des Spielwindes in ihren unendlichen Varianten samt den beiden Windrichtungen beim Akkordeonspiel könnten Horst Lohse, auch Freund antiker Mythen, inspiriert haben, eine Komposition für Akkordeon-Orchester als Beschreibung, „Be-tonung“ der typisch griechischen, auch in der Mythologie verankerten Windcharaktere einschließlich ihrer Strömungsrichtungen zu schaffen.

Mit „Atmungen – Beatmungen“ von Clemens Kremer wurde Ton- und Geräuschmalerei über gasförmig Strömendes für siebzehn Akkordeons und Elektronium 1970/71 schon vorgegeben, vielleicht für dieses Windinstrument begonnen. Horst Lohse gelang mit dieser achtsätzigen, etwa siebzehn Minuten dauernden Komposition ein Wurf, bei der besonders die Differenziertheit in der Ausführung besticht.

Kennzeichnend dafür ist die zwölfstimmige Anlage der Komposition mit geteilten Stimmen für Akkordeon eins bis vier, zwei Bassakkordeons sowie als farbliche Belebung und für besondere Aufgaben Elektronium eins und zwei. Deshalb ist zur Realisierung auch abzuwägen, ob die jeweils einfache Besetzung jeder Stimme in kammermusikalischer Art zu Gunsten der klanglichen Transparenz und Agilität gegenüber der orchestralen Mehrfachbesetzung nicht die bessere Alternative wäre.

„Zephyros“, der warme, milde Westwind, zeigt schon im ersten Satz sein vielgestaltiges Naturgesicht: Aus allmählichem Erspüren eines Windhauches mittels eines dreitönigen Terz-Sekund-Motivs in verschieden imitierenden Varianten zu Minimalböen im „dolce“-Ausdruck und nur zwei kurzen Forte-Ausbrüchen aus dynamischer Entwicklung, beziehungsweise aus einem General-Sforzato, bleibt die feingliedrige Mildheit dieses Windes die dominierende Aussage. Kurzböig, mit unvorhersehbarem Verlauf geriert sich der sagenhaft böse Mann „Skiron“, der seine Gäste mit Fußwaschung lockend die Klippen hinunterstürzt, als robuste Westwind-Variante, vielakzentuiert und eher mit oberen Lautstärken gezeichnet, so abrupt einsetzend wie auch wieder in die Stille enteilend.

Der Nordwind am Ägäischen Meer – „Boreas“ – liest sich als scharfer Geselle mit beißenden Ausreißern, die mit kleinclustrigen Bellow-Shakes-Stellen verwirklicht scheinen. Er geht abklingend zu abwärtsgerichteten Legato-Achteln über, hin in eine längere Endphase aus statischen Klängen mit beschließenden Strömungs-Geräuschen aus der Luftklappe. Das vielköpfige und vielfüßige Ungeheuer der griechischen Mythologie, Typhon, dessen Kampf mit Zeus, der den Ätna auf das Monster schleudert, gebiert den wilden, destruktiven Nordostwind „Kaikias“. Dieser Hintergrund bildet sich in diesem vierten Satz ab, der mit vielen Sforzati, Synkopen, Balgschüttelphasen aus Tönen wie Luftgeräuschen und Balgpochern in wuchtigem 2/2-Takt aus zentrifugaler Kraft daherkommt. Der zartere Südostwind „Apeliotes“, in individuell agierenden leisen Stimmen ausgedrückt, verhaucht äolsharfengleich vor leisestem Luftgeräuschende. In Sechzehnteln und Achteltriolen kräuselnd ist bei sparsamem Gebrauch der Bassakkordeonlage der Ostwind „Euros“ zu hören, der sich mit einem rasch aufblähenden ff-Schwall verabschiedet.

Der südwindliche „Notos“ legt sich verspielt ins Geschehen: Das sonst beim Zusammenmusizieren lästige Klappern aus ungenauen Einsätzen wird hier gezielt durch verschieden unterteilte Schläge über die Stimmen hinweg etwa mit gleichzeitigen Achtel-Triolen gegen Sechzehntel gegen solche in Quintolen und Sextolen erzeugt. Die Elektronien erzählen zwischendurch das Lied des Notos‘. Schließlich hat der Südwester „Lips“ noch das Sagen. In Staccato-Zweiunddreißigsteln, stellenweise quintolisch, piekst er quer durch die Stimmen seine Ziele. Die kleine Coda – mit „quasi senza mesura“ überschrieben – entlässt die Winde im Turm unruhig flatternd ins „Diminuendo al morendo“-Ende.

Turm der Winde ist ein markantes Werk für Akkordeonensemble, fordert hohe Fähigkeiten der Instrumentalisten/-innen im Bereich der Balgtechnik und auf dem Manual eins, rhythmische Genauigkeit sowie musikalische Reife – eine reizvolle Aufgabe auch für gute Dirigenten/-innen. Als Gradmesser mag das Spitzenensemble der Uraufführung (2005), das „Nürnberger Akkordeon-Orchester Willi Münch“ unter Stefan Hippe, herhalten.

Klaus Paier: „Tango For Five“ für Bandoneon und Streichquintett, mcv 1632.
„Three + Four“ für Akkordeon und Streichquintett, mcv 1634.
„Scenes“ für Akkordeon und Streichquartett, mcv 1631.
„Invencíon 1998“ für Akkordeon und Streichquartett, mcv 1630.
„Tres sentimientos“ für Akkordeon und Streichquintett, mcv 1633.
Musikverlag Christofer Varner, München

Der österreichische Akkordeonist und Komponist Klaus Paier leuchtet mit seinen Kompositionen die jazzige Seite des Akkordeons aus. Ausgebildet am Klagenfurter Konservatorium in Jazz und Komposition ließ er sich in seinen Stücken von Keith Jarret, Bill Evans, Charles Mingus und Thelonious Monk inspirieren, bleibt formal in Manchem der Tradition verbunden, nicht ohne dem Improvisatorischen Raum zu lassen. Allgemeine Attribute dieser Kompositionen sind bei Vorherrschen des Vierermetrums ein – wenn auch noch so latenter – Bezug zum Tangohaften einschließlich dessen Impro-Element, zur metrischen Gestaltung durch Akzente und dem Drive durch die Unterlage von oft akzentgetriebenen Achtel-, Sechzehntel- oder schnelleren Viertelkaskaden.

Das Akkordeon, beziehungsweise Bandoneon, umgibt sich in seiner Behandlung manches Mal mit einem argentinischen Flair, das sich im klanglichen Streichergegensatz profiliert. „Tango For Five“ kann in gewisser Weise als Referenznummer herhalten. Das Bandoneon solistisch, im rechts-links-Unisono, in zweistimmiger Polyphonie oder – balgsensibel in seinem Element – als akkordische Begleitungsschläge in akzentuierten Synkopen, macht sein Ding auf einem Streichersound, der arteigen scharf wie pp-lieblich Paroli bietet. Erwartend, man hätte es mit „Three + Four“ mit einem Siebener-Metrum zu tun, pulsiert der Vierer mit einem nahezu ostinaten Rhythmusmotiv aus vier Sechzehnteln mit anschließender Sechzehntelpause vor drei Sechzehnteln und weiteren taktergänzenden Sechzehntelgruppen durch das Stück. Dieser Baustein erscheint im Unisono wie in Verzahnung zwischen Akkordeon und Streichern ohne vordergründige Melodiewirkung mit Ausnahme eines in Phrygisch einzugrenzenden Improvisationsteils, der eher Riff-like sich anbietet.

Das Akkordeon wird ausschließlich auf dem Manual eins gespielt. Virtuos-wirkungsvoll stellen sich die „Scenes“ im Vierviertel bei 240er- und 140er-Tempo dar. Achteltriolen in unterschiedlicher Aufteilung als vorherrschendes Element durch alle Stimmen, zum Teil mit Vierteltriolen und Sechzehnteln im Dialog werden abgesetzt durch eine Akkordeonkadenz und einen Impropart. Viele Taktwechsel der Szene eins pushen die Rhythmuswirkung. „Bach-inventional“ zweistimmig eingeleitet durchzieht ein quart-quint-durchsetztes Mollthema die Nummer „Invencíon 1998“.

Der polyphone Ansatz wird im Verlauf mehr und mehr akzent-ryhthmisch zum schnellen (MM 150) Tangocharakter hin homophon gewandelt. Laufende Akkordbezeichnungen über dem Akkordeonpart ordnen die Klangabläufe zu und machen für weitere instrumentale Beteiligungen offen. „Allegro energico“ als Carioka-unterteiltes 8/8-Metrum, „Lento“ mit Kadenz als Überleitung zu einem 3+2+2-strukturierten 7/8-Teil als bulgaresker Schlusssatz stellen die Gliederung von „Tres Sentimientos“ dar.

Dem Akkordeon – auch mit Impro-Einschüben – wiederum nur das Manual eins zu Akkordsymbolen zugestanden, erhalten die Streicher – außer im klangbetonten zweiten Satz – ausschließlich rhythmisch-akzentuierende Begleitaufgaben. Der körperliche Musikanteil wirkt bei diesem Stück am deutlichsten.

Klaus Paier lässt sich über die betrachteten Stücke hinweg immer leicht identifizieren. Sein Stil fußt auf von rhythmisch-metrischen Einheiten getragener Motorik und scheint auf entsprechende Zuhörerwirkung aus zu sein. Für entsprechend passende Gelegenheiten sind diese Kompositionen die Animierer schlechthin. Die musikalischen Aufgaben an die Musiker/-innen erfordern Feeling für Jazziges im traditionellen Sinn, halten sich in ihrer Differenziertheit jedoch in Grenzen. In den ansprechenden Notenausgaben aus Partitur und Instrumentalstimmen wird jeweils auf bestehende Aufnahmen der Kompositionen hingewiesen.

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