Kastriert Kapitalismus Kreativität ? – Julia Cloot

Umfrage der nmz


(nmz) -
Unter dem Titel „Wieviel Ökonomie braucht die Musik?“ findet am Freitag, 20. Oktober 2017 der öffentliche Teil der Mitgliederversammlung des Deutschen Musikrats statt. Im Rahmen der Veranstaltung soll vor allem das Zusammenwirken von kultur-, markt- und gesellschaftspolitischen Aspekten beleuchtet werden. Im Zentrum steht unter anderem folgende Frage: „Inwiefern kann die zunehmende Ökonomisierung unserer Gesellschaft mit künstlerischer Kreativität vereinbart werden?“ Die nmz-Redaktion ließ sich vom Thema zu einer Umfrage unter Kreativen inspirieren. Etwas verschärft fragten wir „Kastriert Kapitalismus Kreativität?“
Ein Artikel von Julia Cloot

Wieviel Kapitalismus verträgt Kreativität?

So oder so bewegt sich Kreativität am Boden des Existenziellen und bezieht daraus ihren Impuls. Eine in ihrem ursprünglichen Sinn als Schöpferkraft verstandene Kreativität sollte also durch nichts zu beschneiden und von einem sozialen System vollkommen unabhängig sein. Nein, Kapitalismus muss Kreativität nicht kastrieren. Eine Gesellschaftsordnung kastriert per se nichts, was sich ihrem institutionellen Zugriff entzieht, und bringt auch nichts zum Blühen, weil es sich schlicht außerhalb ihres Radars ereignet. Eine Gesellschaftsordnung kann allerdings Tendenzen der Gesellschaft, mit Kreativität umzugehen, ungut verstärken, anstatt sie abzumildern. Und zwar überall dort, wo ihre Maximen, in diesem Fall Profitoptimierung und eine am Kommerz orientierte Haltung, auch gegenüber der Kunst handlungsleitend werden.

Dort, wo inhaltliche Vorgaben von Geldgebern dazu führen, dass Künstler/-innen nur auf konformes Verhalten schielen und ihre schöpferischen Impulse dementsprechend anpassen, kann Kapitalismus Kreativität kastrieren. Denn in diesem Fall führt die pure Geldnot dazu, dass Projekte entwickelt werden in einem ganz bestimmten Segment, das nicht das von den Kunstschaffenden gewünschte ist, dass Konzepte keinen Widerhall finden, weil die Geldgeber fehlen.

Kapitalismus sollte Kreativität daher als schützenswertes Kulturgut deklarieren. Ihr den Rücken freihalten, anstatt sie Moden und zyklischen Wellen zu unterwerfen. Sie gezielt mit Initiativen fördern, die ein freies, schöpferisches Handeln ermöglichen.

Julia Cloot, Präsidentin der Gesellschaft für Neue Musik

Julia Cloot. Foto: Uwe Nölke

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