Klingende Tagebücher aus dem Lockdown

Die Ergebnisse des Projekts „Hör.Forscher!“ wurden online präsentiert


(nmz) -
Das bundesweit in elf verschiedenen Städten durchgeführte Projekt „Hör.Forscher!“ ist eine Kooperation des Projekts KLANGRADAR vom netzwerk junge ohren und des Projekts „Klang.Forscher!“ der Stiftung Zuhören. Beim Projekt regen professionelle Komponist*innen Schüler*innen zwischen der fünften und zehnten Klasse an, nach Klängen zu forschen, mit ihnen zu experimentieren, zu spielen und schließlich ein Stück oder Hörspiel zu komponieren. Begleitet wird das Projekt von Mediencoaches und Lehrkräften.
Ein Artikel von Till Dahlmüller

Auch hier grätschte Corona in den Lauf des Prozesses. Statt das Projekt abzubrechen, entschied man sich aber, die Klangforschung in die eigenen vier Wände der Schüler*innen zu verlagern. Dabei entstanden audiovisuelle Kompositionen, Hörspiele und Klangstücke. Einige fragmentarisch, experimentierend, einige linear eine Geschichte erzählend, mit Klängen illustriert. Die Ergebnisse des dreimonatigen Prozesses hatten Mitte Juni auf der Website von Hör.Forscher! Premiere und sind seitdem dort zu hören und sehen.

Das übergeordnete Thema „Nachhall – Echo unserer Zukunft“ hat die Klassen zu sehr unterschiedlichen Werken inspiriert. Wiederkehrendes Motiv ist dabei – wen wundert‘s? – die Corona-Pandemie. „Schlafen, essen, zocken – das geht so die ganze Zeit“ – Die Kinder und Jugendliche sprechen über ihr Erleben und ihre Gefühle in der Zeit des Lockdowns. Es geht um den einsamen Blick aus dem Küchenfenster, Traurigkeit, Langeweile, Abgeschiedenheit und die Freude schließlich wieder Freund*innen zu sehen. In einem Stück bedroht das Coronavirus die Zuhörer*innen mit dem Tod und es wird brutal vertont: Husten, Schnauzen, Röcheln. Andere Stücke drehen sich um Digitalisierung, Handygebrauch, Klimawandel; es sind humorvolle Mehrgenerationen-Gespräche oder Zeitreisen mit „Moral von der Geschicht“: Rettet die Umwelt, rettet die Erde. Nicht zuletzt sind auch Klangstücke entstanden, die höchstens abstrakt Bezug auf den Titel des Projekts nehmen und ohne Visualisierung arbeiten. Sie setzen sich in erster Linie mit erforschten Klängen und deren Arrangement auseinander.

Eine ausführliche Dokumentation des Prozesses auf der Website zeigt, dass die Komponist*innen viel über Visualisierungen arbeiten. Die Schüler*innen malen Klangkarten. Jeder Klang bekommt ein selbstgemaltes Bild: Haare kämmen, Buch zuschlagen, mit einem besockten Fuß über den Boden streifen. Diese werden dann aneinandergereiht, daraus entsteht eine Partitur. Während vor dem Lockdown noch mit Dirigent*innen im Klassenraum gearbeitet wurde, mussten die Komponist*innen später auf digitale Arbeitsweisen zurückgreifen: Ausführlich und sorgfältig erklärten die Komponist*innen in Videobotschaften, ihren Schüler*innen das Tool MobMuPlat und geben ihren Schulklassen Hör-Hausaufgaben. Toll zu sehen, mit wie viel Engagement hier gearbeitet wurde, denn sicher gab es für die Schüler*innen und Eltern nicht wenig zu tun in diesen Zeiten.

Neben dem Reiter „Kino“ mit den Produkten der Schulklassen und „Doku“ gibt es auf der Hör.Forscher!-Website ein weiteres schönes Feature: das „Labor“. Hier lässt sich unter anderem ein Klang-Quiz spielen, mit einem Step-Sequenzer eigene Klang-Loops erzeugen, und an einem Delay-Tool herumschrauben. Das ist eine schöne Ergänzung, weil es interaktiv hinter die Kulissen blicken lässt – einige Geschwister, Eltern, Freunde oder Verwandte der Schüler*innen werden damit ihren Spaß haben. Vielleicht war die Corona-Krise – wie für so viele – ja auch für die Hör.Forscher! ein guter Anlass die Möglichkeiten des Digitalen auszuloten?

Viele innovative Projekte wie Hör.Forscher! finden in Großstädten statt. Vor dem Hintergrund ist es besonders schön, experimentelle Klangspiele aus kleineren Städten in ländlicheren Regionen wie dem tiefsten Thüringen oder Sachsen-Anhalt (Köthen, Geisa) zu hören. Einzig schade, dass die Schüler*innen nicht die Gelegenheit hatten, in die Hauptstadt zu reisen und ihr Stück zusammen mit den anderen teilnehmenden Städten dort zu präsentieren.

Die Aufführungen sowie eine umfangreiche multimediale Dokumentation des Prozesses kann auf der Website www.hoer-forscher.de aufgerufen werden. Die Zugangsdaten hierfür können unter kontakt@jungeohren.de angefordert werden.

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