Kolumne

Musik als verbindende Weltsprache – wichtiger denn je


(nmz) -
Beim Stöbern in meiner Plattensammlung stieß ich kürzlich auf eine alte Aufnahme von 1959 des ersten Cellokonzerts von Dmitri Schostakowitsch mit Mstislav Rostropowitsch und dem Philadelphia Orchestra unter Eugene Ormandy.
Ein Artikel von Ulrich Nicolai

Auf dem Cover der Platte sind Komponist, Solist und Dirigent in bester Stimmung zu sehen; sie verstehen sich offensichtlich prächtig. Diese Aufnahme entstand mitten im sogenannten „kalten Krieg“; das Verhältnis vor allem zwischen USA und UdSSR war äußerst gespannt und die Kriegsgefahr permanent vorhanden. Trotzdem trafen sich ein amerikanischer Exil-Ungar, der aus seiner ursprünglichen Heimat geflohen war, ein russischer Komponist, der bei jedem seiner Werke zittern musste, ob es politisch genehm ist oder ob er wieder Ärger mit der Staatsmacht bekommt, und ein ebenfalls russischer Cellist, der damals noch „Vorzeigeküns­tler“ der Sowjetunion war, in den USA mit einem amerikanischen Spitzenorchester, um russische Musik zu musizieren und aufzunehmen. Mitten in einer der politisch gespanntesten Phasen der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg schaffte es die Musik, scheinbar Unmögliches möglich zu machen.

Daran muss ich derzeit oft denken. Es war fast immer die Kunst und hier vor allem die Musik, beziehungsweise waren es die Künstler*innen und Musiker*innen, die sich auch in finstersten Zeiten den Zwängen entgegenstellten und deshalb nicht selten aus den eigenen Reihen angefeindet wurden. So erging es zum Beispiel Yehudi Menuhin, als er bereits 1947 wieder nach Deutschland kam und mit Wilhelm Furtwängler musizierte, was ihm nicht nur Dank, sondern auch viel Kritik einbrachte.

Und so geht es derzeit manchen ukrai­nischen Künstler*innen wie der Dirigentin Oksana Lyniv, die dafür kritisiert wird, dass sie trotz der russischen Aggression zum Beispiel Musik von Peter Tschaikowsky aufführen möchte, die sie zu Recht als „Weltkunst“ bezeichnet. So verständlich es ist, dass der ukrainische Botschafter Melnik derzeit „keinen Bock auf „große russische Kultur“ hat (Äußerung anlässlich der Einladung zu dem Benefizkonzert des Bundespräsidenten am 27. März 2022), so wichtig ist es andererseits gerade in Zeiten wie diesen, zu differenzieren – auch, wenn das für direkt Betroffene nahezu unmöglich scheint.

Kritische Kunst ist fast immer auch politisch. Aber es gibt kaum einen anderen politischen Bereich, der über die Zeiten so positiv und verbindend wirken kann wie die Kunst. Und das gilt in ganz besonderem Maße für die Musik.

Prof. Ulrich Nicolai, 1. Vorsitzender Tonkünstlerverband Bayern e.V.

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