Künstler versus Lehrer

Der ewige Kampf zwischen Gleichen


(nmz) -
Ein Problemfeld durchzieht die Musik­landschaft des Landes, die Spalten dieser Zeitung und die Verbandsarbeit seit einigen Jahren. Das ist die absurde Diskussion darüber, wer der „richtige“ Musikschullehrer ist, der Pädagoge oder der Praktiker, der eben auch ein bisschen unterrichtet. Immer schärfer werden die paar vorhandenen Gesetze ausgelegt und eine immer mehr wachsende Kulturbürokratie pocht immer penetranter auf die Einhaltung der Bestimmungen.
Ein Artikel von Walter Thomas Heyn

Das sind natürlich alles keine Fachleute, und deshalb wird in den Verwaltungsbüros gerne vergessen, dass jeder Musiker pädagogische Erfahrungen aus hunderten Stunden Unterricht als Kind, Jugendlicher und Student hat, egal, welches Papier er hinterher vorweisen kann. Die Fähigkeit, ein Musikinstrument spielen zu können, wird seit Jahrhunderten von einem Erwachsenen an einen Heranwachsenden weitergegeben, und das schon zu Zeiten, in denen es keinerlei Hochschulen gegeben hat. Das Ganze ist ein Scheinproblem, angezettelt von Behörden und Ministerien, die keine Ahnung von der praktischen Materie der Musikvermittlung haben. Grundsätzlich muss vorangestellt werden, dass der freiberuflich tätige Instrumental- oder Gesangslehrer – im folgenden Musiklehrer genannt –, einen freien Beruf ausübt, der nicht geschützt ist. Jeder kann zum Beispiel Gitarren­unterricht anbieten und die Honorare frei verhandeln. Jeder kann auch eine private Musikschule gründen.

In den früheren Zeiten verstanden sich die Musikhochschulen als Ausbildungseinrichtungen für die Theater und Orchester. Nur die Instrumente, die dort nicht gebraucht wurden, hatten von Anfang an keine andere Wahl, als Musikpädagogen zu werden. Der heute so wichtig genommene Unterschied zwischen Künstlern und Lehrern existiert in dieser Schärfe erst seit zehn Jahren und ist Folge des Bologna-Prozesses (Bachelor und Master statt Diplom). Bachelor-Studiengänge sind fast immer pädagogisch ausgerichtet.

Der anschließende Master-Studiengang dient dann der Solisten-Ausbildung. Im Gegensatz zu „regulären“ Berufen hat aber ein Musikstudent der klassischen Musik (also alle Orchesterins­trumente, Klavier, Gitarre), wenn er das Studium antritt, schon acht is zehnJahre Instrumentalunterricht gehabt, und zwar als Schüler. Das sind circa 500 Stunden Erfahrung, die schon mal „per se“ da sind. Dazu kommen langjährige Erfahrungen im Ensemblespiel und Orchesterarbeit, vertiefte Kenntnisse in Gehörbildung und Theorie.

Im Prinzip kann man solchen Absolventen sofort die Lehrbefähigung ates­tieren, verbunden mit der Auflage, innerhalb von drei Jahren die pädagogischen Fächer ebenfalls abzuschließen. Denn es sind nur zwei Module, die zusätzlich belegt werden müssen, die Methodik (das ist eine Vorlesung über methodische Besonderheiten bei der Vermittlung von instrumentalen Fähigkeiten über ein oder zwei Semester), und die Lehrpraxis, das ist Probeunterricht mit einem Schüler in Beisein der Lehrkraft mit Auswertung pro Stunde, einer „Lehrprobe“ am Ende und einem Testat.

Ein Sonderfall sind die Lehrkräfte im Bereich Popmusik. In diesem Bereich, der an den Musikschulen immer stärker nachgefragt wird, gibt es kaum akademisch verfestigte Studiengänge. In den Bundesländern Berlin und Brandenburg (zusammen fast acht Millionen Menschen) kann man Popularmusik nur noch als Lehramt an der UdK Berlin, an den beiden Fachhochschulen  oder am Berliner Jazz-Institut studieren.

An die Musikschulen im Flächenland Brandenburg wird davon keiner gehen.  Die Situation in meinem Bundesland Brandenburg wird immer prekärer. Weiter entfernte Landesteile wie die Prignitz, die Uckermark, Schwedt, der Spreewald, suchen händeringend Musikschullehrer und finden keine. Für die zahlreichen Berliner Musiker sind die Entfernungen zu weit und die Bezahlung zu schlecht (die Differenz der Honorare zu Berlin beträgt sechs bis acht Euro pro Stunde!). Es wird sich gar nicht vermeiden lassen, externe Studiengänge einzurichten, Quereinsteiger-Modelle zu etablieren und jeden Weg auszuprobieren, der ein bisschen dazu beitragen kann, diesen Engpass zu verkleinern. Und bitte, es müssen bundesweite Lösungen der Zertifizierung für alle die her, die nicht ganz den richtigen Abschluss haben, aber in der Praxis dringend gebraucht werden! 

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