Künstlerin mit „Musik in sich selbst“

Einige Neuerscheinungen zum 200. Geburtstag von Clara Schumann im Überblick


(nmz) -
Am 8. Dezember 1957 gab Clara Schumann in Zürich ein Konzert mit Werken von Beethoven, Mendelssohn-Bartholdy und Robert Schumann. Eine Zeitung schrieb darüber: „Es wird gleich nach einigen Akkorden schon zur Evidenz gewiss, dass Frau Schumann zu der kleinen Zahl jener Künstlernaturen zählt, die in der That ,Musik haben in sich selbst‘.“ Dieser Lobeshymne könnte man unzählige andere anschließen; mehr als sechzig Jahre hat Clara Schumanns Bühnenkarriere gedauert, die von Anfang an von Erfolgen und Beifallsstürmen begleitet war.
Ein Artikel von Dirk Klose

Eigentlich nur 13 Jahre hat die intensive, ebenso glückliche wie mitunter spannungsreiche Ehe mit Robert Schumann gedauert. Acht Kinder sind aus dieser Ehe hervorgegangen, für die Clara ab 1856, nach dem Tod Roberts, alleine sorgen musste. Wie sie ihr Leben als Hausfrau und Mutter, als ständig konzertierende und auch komponierende Künstlerin zusammenbrachte, ist noch heute faszinierend zu sehen und hat denn auch immer wieder biografische Darstellungen angeregt.

Biografisches, Tagebücher

Am 13. September 1819 wurde Clara Wieck in Leipzig geboren (ihre Geburtsstadt richtet ihr mit „Clara 19“ ein ganzjähriges Festival aus). Zwei neue Biografien gesellen sich zu zahlreichen früheren. Die Musikwissenschaftlerin Irmgard Knechtges-Obrecht ist durch lange Editionsarbeit mit Leben und Werk beider Schumanns vertraut;  sie erzählt Claras Leben von den Anfängen als vom Vater angetriebenes Wunderkind über dessen unglaublich böse Intrigen gegen eine Heirat Claras mit Robert, deren gemeinsame Jahre, Schumanns Tod, und dann – das ist eine sogar noch längere Lebensspanne – die lange Phase des Reisens, der Freundschaften mit Brahms und Josef Joachim, die Tätigkeit am Hoch’schen Konservatorium in Frankfurt und schließlich die letzten Jahre, als sie den enormen Belastungen durch all die Zeit Tribut zollen musste. Das sehr warmherzig und mit Anteilnahme für Claras erfolgreiches, durch familiäre Schicksalsschläge auch schweres Leben geschriebene Buch enthält sich – wohltuend nüchtern – aller Spekulationen etwa zur Beziehung Claras zu Johannes Brahms, der ihr nach Roberts Tod der engste Vertraute wurde und zeitlebens blieb. Vor allem gefällt an dem Buch, dass die zweite Lebenshälfte nicht unter dem Motto „Robert ist tot, nun härmt seine Frau dahin“ steht (wie etwa die wenig glückliche Biografie von Eva Weisweiler, Hamburg 1990), sondern zeigt, wie intensiv künstlerisch auch durch viele prägende Begegnungen sie gewesen ist.

Nur hingewiesen kann im Moment auf das Buch der Hamburger Musikwissenschaftlerin Beatrix Borchard „Clara Schumann. Musik als Lebensform. Neue Quellen – Andere Schreibweisen“, das wohl noch vor dem Jubiläumstag im Olms-Verlag, Hildesheim erscheinen wird. 

Gewissermaßen eine Fallstudie vor Ort ist Wolfgang Seibolds Buch über Clara Schumann in Württemberg. Erstmals 1838, zuletzt 1888 hat sie insgesamt neunmal in Stuttgart konzertiert. Jedes Mal gab es Beifallsstürme und begeisterte Kritiken, und der Autor hat nicht nur an Hand vieler Quellen alle Auftritte in den folgenden Zeitungsartikeln gespiegelt, sondern zugleich zahlreiche Künstlerpersönlichkeiten porträtiert, die das hohe intellektuelle Milieu zeigen, in dem sich Clara bewegte. Dem heutigen Leser zeigt sich eine oft außergewöhnliche Qualität in der Kritik und im Musikverständnis – offenbar gab es dafür eine gebildete Leserschaft!

Der früher in Leipzig ansässige Breitkopf & Härtel-Verlag feiert gleich doppelt. Anlässlich seines 300. Gründungstages und mit Blick auf das Clara-Schumann-Jubiläum hat er deren Blumentagebuch aus den Jahren 1857 bis 1859 wieder aufgelegt. Der liebevoll aufgemachte, durch biografische und botanische Abbildungen und Erläuterungen gleichermaßen bibliophile Band dokumentiert auf 23 Blättern den damals beliebten Brauch, sich mittels Blumen Erinnerungen wachzuhalten und ein ständiges Gefallen an ihnen zu finden. Clara hat gesammelt, was sie gerade am Wege fand, Klee, Begonien, Klatschmohn, Stiefmütterchen und – von ihrem ersten Konzert in London am 7. Mai 1859 – einen Strauß Maiglöckchen, den sie Johannes Brahms zu dessen 26. Geburtstag schickte. Das Konvolut wird heute in der Berliner Staatsbibliothek aufbewahrt; das Buch gibt die sorgfältig konservierten Blätter in Originalgröße wieder. Erinnert sei, dass Clara zwischen 1854 und 1856 ihrem in Bonn dahindämmernden Mann auch ein Blumentagebuch „verfasst“ hat.

Das wohl schönste Buch zum Jubiläum – und eine editorische und verlegerische Großtat obendrein – sind Clara Schumanns Jugendtagebücher von 1837 bis zur Eheschließung im September 1840. Bislang gab es sie in Auszügen, jetzt hat sie der langjährige Direktor des Zwickauer Robert-Schumann-Hauses Gerd Nauhaus mit der (Anfang des Jahres verstorbenen) US-Wissenschaftlerin Nancy B. Reich vollständig ediert. Es ist ein Kaleidoskop der damaligen Welt, was künstlerische, gesellschaftliche und persönliche Angelegenheiten betrifft. Die vielen Konzertreisen durch all die Jahre sind ebenso wiedergegeben wie Begegnungen mit Fürstlichkeiten, einflussreichen Kulturmanagern und vor allem mit Künstlern und Musikern. Fast alle großen Namen der damaligen Zeit sind präsent, aber auch viele heute weniger bekannte Komponisten wie etwa Johann Peter Pixis, Ludwig Wilhelm Maurer oder Jozef Lipinski. Claras „Götter“ sind Beethoven („mit jedem Mal Hören der Beethovenischen Symphonien erhöht sich mir der Genuß“) und Mozart, von den Zeitgenossen Mendelssohn und Liszt, auch Moscheles und Hummel. Die Tagebücher, insgesamt neun Kladden, sind in den ersten Jahren meist von Vater Wieck geschrieben, was manch gehässige Urteile über andere Musiker und Konkurrenten erklärt. Die Herausgeber haben die kaum zu überblickende Zahl der erwähnten Personen und Orte geradezu akribisch aufgelistet und bei den Komponisten nochmal nach Werken unterteilt, dazu die überaus detaillierten Anmerkungen, für den Leser oft eine Entdeckungsreise – eine wirklich fabelhafte editorische Leistung!

Großes Vorhaben Briefedition

Zu den großen Editionsvorhaben in Deutschland gehört die auf 50 Bände angelegte Schumann Briefedition. Etwa die Hälfte der Bände ist „geschafft“, möchte man angesichts der oft schwierigen Finanzierung sagen; bis 2025 soll die ganze Edition vorliegen. Sie ist unterteilt in drei Serien und einem Supplement. Aus der ersten Serie mit Briefen der Familie Schumann werden in diesem Jahr drei Bände erscheinen (Briefe mit Verwandten in Zwickau und Schneeberg sowie der Briefwechsel mit Kindern und Enkeln), womit diese Serie vollständig ist. Aus der zweiten Serie – Briefe mit Freunden und Künstlerkollegen – kommt die Korrespondenz mit Joseph Joachim heraus; die dritte Serie enthält den nach 1854 allein von Clara geführten Verlegerbriefwechsel – eine einzigartige, fast den Briefen zwischen Goethe und Cotta vergleichbare Korrespondenz. Von den drei Bänden des Supplements wird als erstes ein Briefkonzeptbuch herausgebracht. Claras wichtiger Briefwechsel mit Breitkopf & Härtel ist für 2020 vorgesehen.

Am Ende ein Hinweis auf eine alte, gleichwohl noch immer unentbehrliche Darstellung. Marie, die älteste Tochter der Schumanns, der die Mutter das Erbe anvertraut hatte, bat im Jahr 1901 den Literaturwissenschaftler Berthold Litzmann um eine Biografie, wobei sie anbot, alle Tagebücher Claras seit den Jugendjahren bereitzustellen. Litzmann machte sich, „der Not und zugleich dem eigenen Trieb gehorchend“, nach langem Zögern ans Werk und hatte dabei ständig die argwöhnische Marie über sich. Letztlich durfte er nur aufnehmen, was sie abgesegnet hatte, und als die dreibändige Biografie dann fertig war („Mädchenjahre“ 1902, „Ehejahre“ 1905, „Clara Schumann und ihre Freunde“ 1908), hat Marie Schumann alle Original-Tagebücher vernichtet. Mithin ist die (online zugängliche) Litz-mann-Biografie bis heute eine Fundgrube für unmittelbare Äußerungen Clara Schumanns, auch wenn es gefilterte Sätze sind. 


  • Irmgard Knechtges-Obrecht: Clara Schumann. Ein Leben für die Musik, Wissenschaftliche Buchgesellschaft/Theiss, Darmstadt 2019, 256 S., Abb., € 25,00, ISBN 978-3-8062-3850-1
  • Wolfgang Seibold: Clara Schumann in Württemberg (Stuttgart und Wildbad) dargestellt anhand von Tagebüchern, Briefen, Konzertprogrammen und Zeitungskritiken (Schumann-Studien, Sonderband 7), Studiopunkt Verlag, Sinzig 2019, 157 S., € 24,00, ISBN 978-3-89564-188-6
  • Das Berliner Blumentagebuch der Clara Schumann 1857–1859, kommentiert von Renate Hofmann/Harry Schmidt, Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 32019, 135 S., Abb., € 19,90, ISBN: 978-3-7651-0285-1
  • Clara Schumanns Jugendtagebücher 1827–1840, hrsg. von Gerd Nauhaus/Nancy B. Reich, Georg Olms Verlag, Hildesheim u.a. 2019; 702 S., € 48,00, ISBN 978-3-487-08621-7
  • Schumann-Briefedition (SBE), hrsg. vom Robert-Schumann-Haus Zwickau und dem Institut für Musikwissenschaft der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden in Verbindung mit der Robert-Schumann-Forschungsstelle Düsseldorf; über die Edition informiert ein ausführlicher Flyer des Verlags Dohr, Köln (www.dohr.de), Gesamtausgabe: ISBN 978-3-86846-000-1
  • Beatrix Borchard: Clara Schumann. Musik als Lebensform, Georg Olms Verlag, Hildesheim u.a., in Vorbereitung, ca. 300 S., Abb., € 24,00, ISBN: 978-3-487-08620-0
Irmgard Knechtges-Obrecht: Clara Schumann. Ein Leben für die Musik, Wissenschaftliche Buchgesellschaft/Theiss, Darmstadt 2019, 256 S., Abb., € 25,00, ISBN 978-3-8062-3850-1
Wolfgang Seibold: Clara Schumann in Württemberg (Stuttgart und Wildbad) dargestellt anhand von Tagebüchern, Briefen, Konzertprogrammen und Zeitungskritiken (Schumann-Studien, Sonderband 7), Studiopunkt Verlag, Sinzig 2019, 157 S., € 24,00, ISBN 978-3-89564
Clara Schumanns Jugendtagebücher 1827–1840, hrsg. von Gerd Nauhaus/Nancy B. Reich, Georg Olms Verlag, Hildesheim u.a. 2019; 702 S., € 48,00, ISBN 978-3-487-08621-7
Das Berliner Blumentagebuch der Clara Schumann 1857–1859, kommentiert von Renate Hofmann/Harry Schmidt, Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 32019, 135 S., Abb., € 19,90, ISBN: 978-3-7651-0285-1

Das könnte Sie auch interessieren: