Kulturgeschichtliche Räume öffnen sich

Ohne Abschottungen: zwei starke Bände zum Thema „Musik und Gesellschaft“


(nmz) -
Um es gleich anfangs zu sagen: Hätte es die beiden hier beschriebenen Wälzer bereits vor Jahrzehnten gegeben, wäre wohl bis heute ein Numerus-Clausus für das Musikstudium nötig gewesen: Vor schierer Lust, Freude und Neugierde von Studierenden nicht an der Medizin oder am Volkswirtschaftsstudium, sondern an der Musik und den gesellschaftlichen Zusammenhängen, die sie hervorbrachte, beziehungsweise die für ihre Wirkmacht stehen. Denn das ist der große Vorzug der beiden Bände „Musik und Gesellschaft“, die Frieder Reininghaus, Judith Kemp und Alexandra Ziane herausgegeben haben und in denen sie 421 Essays von 107 Autorinnen und Autoren versammeln.
Ein Artikel von Burkhard Baltzer

Es sind Aufsätze frei von akademischen Allüren, denn die Autorenschaft hat jahrelange journalistisch-publizistische Erfahrungen in Printmedien und im Rundfunk. Sie weiß deshalb fachübergreifend Bescheid, weiß über die Vorzüge des spannungsreichen Aufbaus von Texten und wie Pointen zu setzen sind. Mitunter führt das zwar zu einer zweifelhaften Flapsigkeit, in der Ursachen und Wirkungen kaleidoskophaft verhandelt werden, beispielsweise im Artikel von Reininghaus über Müllers und Schuberts „Winterreise“ (1828), die vorrangig und erwiesenermaßen eine  Reaktion war auf die politisch-ästhetischen Verhältnisse zu Beginn des 19. Jahrhunderts (Band 1: „Von den Kreuzzügen bis zur Romantik“, 1000–1839). Gewiss wird auf die Romantik auch eingegangen, jedoch nicht tiefgreifend, sondern hier unter dem Signum „Wehmut und Weltschmerz als Dauerhit“. Wer sich an die kulturpolitischen Auslassungen gegenüber der „neuen Romantik“ in der DDR erinnert (z. B. Christa Wolf „Kein Ort nirgends“), wird den Begriff „Dauerhit“ befremdlich finden. Überreichlich pop-gesättigt sind Ansichten und Sprache auch etlicher Texte über die diverse Musik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Band 2: „Vom Vormärz bis zur Gegenwart“, 1840–2020).

Ausgezeichnet ist freilich, wie grenzenlos Genres und Ereignisse miteinander verbunden und Abschottungen strukturell vermieden werden: selbstredend eine konzeptionelle Anstrengung des Herausgeber-Teams – diese Entscheidungen sind stetig herauslesbar. Und zwar gleich zu Beginn aller Essays durch Hinweise auf politische, religiöse, gesellschaftliche oder technische Ereignisse. Sodann werden die Lesenden auf Querverweise an den Rändern der Texte aufmerksam gemacht. Zudem sind die Aufsätze in große Kapitel sowie bebilderte inhaltliche Einführungen gegliedert und betitelt. So entstehen kulturgeschichtliche Räume mit einer kaum zu toppenden Übersichtlichkeit. Als Beispiele dafür seien die „Ouverture“ genannt, eine Zusammenfassung zu den Ursprüngen der Musik, hier besonders Alexandra Zianes Text „Mittelalterliche Liturgie und Vermessung der Zeit“. Ein Gewinn ist das gesamte Kapitel „Entdeckung. Renaissance. Reformation“, an dessen Ende das Wirken von Orlando di Lasso und Claudio Monteverdi stehen, an den im nächsten großen Kapitel „Konfessionalisierung. Barock. Rationalismus“ angeknüpft wird: Die Entwicklung hin zu dessen Oper „Orfeo“ ist ein schreiberisches Glanzstück der beiden Bücher – dies sind nur einige namentlich genannte Höhepunkte im ersten Band.

Mit dem fünften großen Kapitel „Res­tauration. Europäischer Aufruhr. Romantik“ zerfasert allerdings die strukturelle Stringenz, was den politischen Wirren, der Unterdrückung der Menschen durch die Zensur, ihren Antworten darauf und dem sich abzeichnenden Vormärz geschuldet ist (s.o. die Bemerkung zur „Winterreise“). Die Dispute, die in dieser Zeit geführt und ausgebreitet werden, sind weitgreifend (Schumann und später Brendel gegen Meyerbeer in der Neuen Zeitschrift für Musik), gerade was den erstarkenden Hass auf Juden und „Zigeuner“ betrifft. Aber sie sind dann eben auch theoretisch, etwa ob denn Webers „Freischütz“ die erste deutsche Oper gewesen sei, wobei gewiss der Oper in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts eine wachsende Bedeutung zukommt. Gut zu lesen und vor allem zu wissen ist auch das alles. Was mir als Lesendem in diesem 5. Kapitel fehlt, ist die Würdigung von Emanzipationsbestrebungen von Juden und von Musikerinnen, besonders von Fanny Hensel. Im Inhaltsverzeichnis wird sie unter Mendelssohn-Bartholdy genannt. Dabei war sie seit 1829 mit dem Hofmaler Wilhelm Hensel verheiratet. Ihr Gesamtwerk ist immer noch weitgehend unerforscht, obwohl rund 450 Kompositionen bekannt sind.     

Der erste Aufsatz im zweiten Band „Vom Vormärz bis zur Gegenwart“ trägt den Titel „Das ,wirre‘ Jahrhundert. Von der Restauration bis zum Imperialismus“. Wir stecken mittendrin im Imperialismus, in dieser Kultur, und die Gegenwart samt der Restauration wollen – schlicht gesagt – nicht enden. Wolfgang Schmale, der Autor dieses ersten Aufsatzes, fasst zusammen: „Das europäische Musikleben des 19. Jahrhunderts ist weitgehend ,romantisch‘ gestimmt, aber auch von der Auswanderung vor allem nach Nord- und Südamerika bestimmt; es korres­pondiert der Idylle und dem Biedermeier, dem bürgerlichen Realismus und der Arbeiterbewegung, stimmt in die Nationalismen ein, entwickelt seinen eigenen Impressionismus und die ersten Apparate zur technischen Reproduzierbarkeit von Musik.“  Die Apparate werden seither immer besser, die Gedächtnisse aller immer schwächer, und der Nationalismus wächst entgegen allen Bekundungen. Wer kann das Dachau-Lied von Jura Soyfer und Herbert Zipper noch singen, über das Reininghaus schreibt, oder das Lied „Die Moorsoldaten“, das in einem KZ im Norden Deutschlands durch Johann Esser, Wolfgang Langhoff und Rudi Goguel entstand? Wer kennt Wolfgang Rihms Kammeroper „Jakob Lenz“ und wo wird dieses existentielle Werk heute gespielt? Vergegenwärtigen wir uns unsere Gegenwart!

Der zweite Band von „Musik und Gesellschaft“ endet mit einer Erinnerung an unsere Zeit: „Canale della Giudecca, Frühling 2020: Gespenstische Ruhe herrscht auf dem Kanal. Die sonst hier verkehrenden gigantischen Kreuzfahrtschiffe mussten in den Heimathäfen bleiben…“ (ähnlich wie im 14. und 15. Jahrhundert). Zeit also, die Bücher „Musik und Gesellschaft“ zu lesen für das Gedächtnis.

  • Musik und Gesellschaft. Marktplätze – Kampfzonen – Elysium, Bd 1: Von den Kreuzzügen bis zur Romantik, Bd 2: Vom Vormärz bis zur Gegenwart, hrsg. v. Frieder Reininghaus/Judith Kemp/Alexandra Ziane, Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2020, 1424 S., € 68,00, ISBN 978-3-8260-6731-0

 

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