Leben mit und nach Wagner

Zwei neue Bände zur Wagner-Rezeption


(nmz) -
Des Meisters Gedankenwelt strahlt nach wie vor. Richard Wagner schillert, fasziniert, spaltet. Wie sehr er das in der Vergangenheit immer wieder getan hat, lässt sich besonders an der Zeit des Nationalsozialismus und an den Jahren danach ablesen, als „Neu-Bayreuth“ sich von alten Schlacken zwar zu lösen versuchte, aber der Neubeginn nicht automatisch mit dem Abschneiden aller alten Zöpfe verbunden war. Vielleicht auch nicht möglich war.
Ein Artikel von Christoph Vratz

Wagners Rezeptionsgeschichte in und nach der NS-Zeit zu beleuchten, ist wahrlich nicht neu. Dennoch hat Katharina Wagner 2017 den Versuch unternommen, und zwar im Rahmen des ersten Symposiums „Diskurs Bayreuth“ (vgl. nmz 8/17). Jetzt ist der entsprechende Band als gedruckte Nachlese erschienen, mit den wichtigsten Aussagen, Aufsätzen, Gesprächen. Es sind etwas mehr als 200 Seiten mit vielen Fakten und Rückblicken, aber mit wenig aufregenden neuen Thesen. Zuletzt hatte Hans Rudolf Vaget in „Wehvolles Erbe“ minutiös und sehr detailreich nachweisen können, wie eng die Auseinandersetzung mit Wagners Erbe gleichzeitig mit der nationalsozialistischen Politik verquickt war. An das herausragende Format von Vagets Studie reicht die nun vorliegende Symposiums-Nachlese nicht.

Thematisch geht es vor allem um zwei Blöcke: „Wagner im Nationalsozialismus“ und „Die Situation der Künste in der Neuorientierung nach dem Zweiten Weltkrieg“. Das Ergebnis ist insgesamt mager. Da wird, sehr umfangreich, die Auseinandersetzung Thomas Manns mit Wagner beleuchtet (alles auf der Basis des Bekannten); da wird (mit aktuellem Bezug) Barrie Koskys „Meistersinger“-Inszenierung von 2017 be- und hinterfragt (mit viel Wissen, aber letztlich eher pauschal, selten kritisch); da zählt Dieter Schnebel die Zahl der Orgasmen in „Tristan“ und lobt Wagner als Sprachlaut-Komponisten; da finden sich Gespräche (die offenbar einer redaktionellen Verknappung komplett entgangen sind) und etliche Allgemeinplätze, die in der Wagner-Literatur bereits genauer betrachtet wurden. Interessant sind dagegen nur einzelne Ausnahmen, wie der Beitrag über „Darmstadt und (Neu-)Bayreuth“, wo die Einflüsse zwischen Bayreuth und dem Festival für Neue Musik beleuchtet werden. Natürlich denkt man da automatisch an Pierre Boulez und seine „Parsifal“-Dirigate, aber Autor Wolfgang Fink zeigt weitere Ansätze und Tendenzen.

Insgesamt aber bleibt der Band eher eine Enttäuschung. Viele Worte, wenig (neuer) Inhalt. Dass Wieland Wagners Rolle inzwischen zunehmend kritisch beleuchtet wird, ist nicht erst das Verdienst dieses Buches, auch geraten viele Aspekte immer wieder beliebig bunt durcheinander: Ästhetik, Ideologie, Rezeption etcetera – die Unschärfen sind in summa größer als der Erkenntnisgewinn.

Wie sehr der Wagner-Kult bereits im 19. Jahrhundert zu wirken begann und wie sich der Wagnerismus sogar als eigener Lebens-Stil zu entwickeln begann, zeigt der Hamburger Politologe Udo Bermbach in seinem Buch über Richard Wagners „Weg zur Lebensreform“. An einzelnen Beispielen – etwa dem Bildhauer, Maler und Grafiker Johann Bossard oder einigen „Reformprojekten“, der Gartenstadt und Künstlerkolonie Hellerau, dem Monte Verità nahe Ascona am Lago Maggiore oder auch der Mathildenhöhe Darmstadt – weist er nach, wie tief Wagners Ideen und Wirken in Teilen der Gesellschaft Wurzeln schlagen konnten, wie sie den Alltag der Menschen inspirierten und prägten. Natürlich ist dieses Buch kein Grundpfeiler für künftige Wagner-Interpretationen, doch das ist auch nicht Bermbachs Anliegen. Er möchte auf Sonderformen im Umgang mit Wagners geistigem Erbe hinweisen und zeigen, dass ein von Wagner beeinflusstes Leben tatsächlich gelebt wurde, als Alternative zur industriellen Gesellschaft.

Natürlich ist es mitunter schwer, konkret zu belegen, inwieweit Wagners oft allgemein gehaltene Visionen dezidiert das Bewusstsein der „Reformpropheten“, wie Bermbach die Rezipienten nennt, beeinflusst hat. Doch die Indizien, die der Autor hier zusammenträgt, sind mehr als lose Zufallsketten. Dafür ist Bermbach viel zu akribisch. Er führt den Leser an teils vergessene Schauplätze und zu Personen, die ihr Leben in unterschiedlicher Intensität und teilweise auf schrullige Weise der Wagner-Verehrung gewidmet haben. Insofern stellt dieser Band eine Art Forschungs-Anthologie dar. Der Leser darf sich wundern, was und wem er hier begegnet und wie Wagners Denken den Alltag einiger Menschen geprägt und auch benebelt hat.

  • Sündenfall der Künste? Richard Wagner, der Nationalsozialismus und die Folgen, hrsg. v. Katharina Wagner/Marie Luise Maintz/Holger von Berg (Diskurs Bayreuth, Bd. 1), Bärenreiter, Kassel u.a. 2018, X, 221 S., € 38,95, ISBN 978-3-7618-2465-8
  • Udo Bermbach: Richard Wagners Weg zur Lebensreform (Wagner in der Diskussion, Bd. 17), Königshausen & Neumann, Würzburg 2018, 256 S., € 28,00, ISBN 978-3-8260-6470-8

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