Liebe auf den ersten Ton

Drei große Jazz-Filme jetzt auf DVD: „Um Mitternacht“, „Bird“ & „Thelonious Monk“


(nmz) -

Fast zwei Jahrzehnte sind inzwischen vergangen, als diese drei Jazz-Filme, die inzwischen zu Klassikern geworden sind, ins Kino kamen. Alle drei Filme wurden seinerzeit von den bürgerlichen Feuilletons eher ignoriert. Provinzredakteure, die sich Schreibsklaven hielten, die sie manchmal nicht einmal für ihre Arbeit bezahlten, zuckten nur mit den Schultern, wenn man ihnen von Eastwoods Film über Charlie „Bird“ Parker oder von Dexter Gordon vorschwärmte. Jazz galt dort vielen noch als „Negermusik“.

Ein Artikel von Viktor Rotthaler

Nebenbei bemerkt, den damals gerade eingeführten Begriff HipHop glaubte ein besonders gewissenhafter Redakteur in Hop-Hop-Musik umwandeln zu müssen. Fachidioten, die sich selbst „Cineasten“ nannten, waren zwar gerade noch geduldet, aber die nächste Shakespeare-Inszenierung war natürlich tausendmal wichtiger als der neueste Film von Clint Eastwood. Eastwood. Nein, damals hatten nur die Cineasten gewusst, dass Eastwood seit Anfang der siebziger Jahre auch zu den bedeutendsten Hollywood-Regisseuren gehörte. Die, die damals mit ihrer Ignoranz über das Kulturgut wachten, quatschen heutzutage ständig von der „Wissensgesellschaft“ und vom „lebenslangen Lernen“. Das alles geht einem Zeilensklaven wie mir durch den Kopf, wenn er diese drei Warner Home Video-DVDs vor sich liegen sieht: „Um Mitternacht“, „Bird“ und „Thelonious Monk“.

Inzwischen plappert jeder Provinzredakteur nach, dass Clint Eastwood ein großer Jazzfan ist und ein großer Regisseur sowieso. So, so, ist die Message jetzt angekommen. Lange hat es gedauert. Als Dave Kehr damals Eastwoods sehr persönliches Biopic über „Bird“ (mit Forest Whitaker in der Titelrolle) besprach, verglich er die Jazzmusik mit der Art von Volkssprache, die er sonst in seinen Filmen praktizierte. Beide, schrieb er, „arbeiteten in der Grauzone zwischen populär und persönlich beziehungsweise zwischen grobem Kommerz und reinem Idealismus“, und daher sei es „sowohl ein Film über Jazz als auch ein Film über die Art des Filmemachens, die Clint Eastwood praktizierte und die schon die Generation vor ihm gezeigt hatte“. Zwei große Kunstformen hat Amerika hervorgebracht: den Jazz und den Film. Wie „jazzig“ Filme sein können, zeigen große Regisseure wie Otto Preminger, der mit Jazzern wie Duke Ellington oder Shelley Manne zusammengearbeitet hat, oder eben auch Clint Eastwood, der ab und zu in seinen Filmen sogar am Klavier herumklimpert. Clint Eastwood war es im Übrigen auch, der im „Bird“-Jahr 1988 den besten Film über ein anderes Jazz-Genie produzierte: „Thelonious Monk: Straight No Chaser“ von Charlotte Zwerin.

„Round Midnight“ heißt eine der schönsten Kompositionen Thelonious Monks, die Bertrand Taverniers Film den Titel gab. Bei uns hieß der Film „Um Mitternacht“, denn der deutsche Verleih wollte die hiesigen Jazzfans mit einem englischen Titel nicht verschrecken. Daran, dass „Round Midnight“ längst zum Begriff und zum Standard geworden ist, hatte dort wohl niemand gedacht. Bertrand Tavernier jedenfalls dürfte mit dem deutschen Filmverleih seiner Hommage an Bud Powell, dem er diese „labor of love“ gewidmet hat, wenig zufrieden gewesen sein.

Paris 1959. Miles Davis hat gerade seine erste Filmmusik für den Debütfilm von Louis Malle komponiert, „Fahrstuhl zum Schafott“. Und jetzt ist Dale Turner im Blue Note eingetroffen, das große Idol von Francis. Wenn es Nacht wird in Paris, bekommt „Lady“ Francis, wie er später von Turner liebevoll genannt werden wird, den Blues. Jede Nacht hockt Francis vor der Kellerluke des Blue Note und lauscht den Klängen des Tenorsaxophonisten. Von Liebe auf den ersten Ton erzählt nun Tavernier. Dale Turner und „Lady Francis“, das ist ein besonderes Liebespaar: Ihre Liebe geht durch die Ohren. Mehr noch als Dexter Gordons wunderbares Saxophonspiel bleibt dann auch die dunkle melancholische Stimme dieses Amerikaners in Paris im Ohr: „Aimez-vous basket-ball?“, fragt Dale Turner die kleine Tochter von Francis immer wieder. Und in seiner Stimme liegt dabei die Sehnsucht nach seiner Heimat und nach seiner Tochter Chan, der er eine bittersüße Ballade gewidmet hat – die Herbie Hancock für den Film komponierte. Am Ende stirbt Dale, und Francis bleiben nur die alten Filmstreifen, die er sich immer und immer wieder ansieht. 1990, nur ein paar Jahre nachdem Dexter Gordon für seine Rolle in „Round Midnight“ für den Oscar nominiert wurde, starb er. Zwei Jahre vorher war bereits Chet Baker aus dem Fenster gefallen, dessen Geist über „Round Midnight“ ebenfalls zu schweben scheint und dessen Stimme hier zum letzten Mal aus dem „Jenseits“ erklang: „Fair Weather“. Neben Clint Eastwoods „Bird“ und Bruce Webers „Let’s Get Lost“ ist „Round Midnight“ einer der schönsten Jazzfilme überhaupt: das „Bonjour Tristesse“ der achtziger Jahre – wie von Truffaut inszeniert. Alle Lieben in einem Film: die Musik, das Kino und die Frauen. Was will das Herz noch mehr?

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