Liebesduette in imaginären Räumen

Neue Musik auf neuen CDs, rezensiert von Max Nyffeler


(nmz) -
Musik von Arnulf Herrmann, Peteris Vasks, Héctor Parra, Rudolf Kelterborn, Jörg Widmann, Zoltán Jeney, László Sáry und Beat Furrer
Ein Artikel von Max Nyffeler

Die einundfünfzig Minuten, die das einsätzige Quartett Nr. 3 von Beat Furrer dauert, sind eine in jedem Moment erfüllte Zeit und ermöglichen trotz des hohen Abstraktionsgrads der musikalischen Sprache eine absolut spannende Hörerfahrung. Zwischen Schattengeräuschen und ausbrechender nervöser Motorik spannt sich ein dichtes Netz von Klangereignissen, die weiträumig aufeinander Bezug nehmen. In nur leicht verklausulierter Form tritt plötzlich ein Choral in Erscheinung – eine so überzeugende Integration tonaler Einsprengsel in eine hochkomplexe Gesamtstruktur ist vielleicht zuletzt Nono mit der Okeghem-Melodie in seinem Quartett gelungen. Die Quartettformation der KNM Berlin befindet sich in dieser auch technisch brillanten Aufnahme auf Augenhöhe mit dem außergewöhnlichen Werk. (Kairos 0013132)

Eine originelle Werkauswahl stellen der Klarinettist Lajos Rozmán und der Pianist Martin Tchiba auf ihrer CD „Live“ vor. Neben Rudolf Kelterborn und Jörg Widmann sind ausschließlich ungarische Komponisten vertreten, darunter Zoltán Jeney mit der unendlichen Melodie seines „Canone enigmatico“ und gleich mit drei Stücken László Sáry; beide waren in den siebziger Jahren Mitglieder des Új Zenei Stúdió (Studio für Neue Musik) in Budapest, dem damaligen Brennpunkt der ungarischen Avantgarde. Sárys kleinzellig gebaute Miniaturen fesseln die Aufmerksamkeit durch ihre rhythmische Präsenz und die subtilen Klangwirkungen, die von den Interpreten mit perfekter kammermusikalischer Feinabstimmung wiedergegeben werden. (telos TLS 095)

Es beginnt mit den gängigen Kratz- und Schabegeräuschen – schon wieder einer, denkt man, der seine avantgardistische Korrektheit beweisen will. Doch wenn dann der Gesang einsetzt, horcht man auf. Der 34-jährige Katalane Héctor Parra versteht hervorragend, für Singstimmen zu schreiben. Die beiden Hauptfiguren in seinem „Hypermusic Prologue“ haben dramatisches Profil, ihre Lyrismen wirken belebend auf den elektronisch bearbeiteten Instrumentalklang zurück. Parras „projektive Oper“ basiert auf einem Libretto der Physikerin Lisa Randall und thematisiert die Liebe in einem wissenschaftlich definierten, imaginären Raum. Das klingt reichlich abstrakt und muss per Interview auf einer zweiten CD erklärt werden, doch inspirierte es Parra zu einer komplexen Klangraumdisposition, die wunderbarerweise die Intensität der Musik noch steigert. Ungewöhnliche Grenzerfahrung. (Kairos 0013042)

Der Klavierzyklus „Die Jahreszeiten“ von Peteris Vasks, den sein lettischer Landsmann Vestard Shimkus mit konzentrierter Hingabe eingespielt hat, wirkt etwas zwiespältig. Er schwankt zwischen meditativer Versenkung, leidenschaftlicher Klangentfaltung und einem Recycling von Mustern aus der Klavierliteratur des späten 19. Jahrhunderts. Die Gedanken entwickeln sich auf freie, assoziative Weise in weitgespannten Formverläufen, was der Musik einen improvisatorischen Zug verleiht. Natur und Landschaft werden auf eine sehr persönliche Weise dargestellt, was trotz der Einwände über weite Strecken überzeugt. (Wergo 6734 2)

Auffallend in den Ensemblewerken von Arnulf Herrmann ist die gewiefte Verbindung von elektronischen und instrumentalen Klängen. Auf der Basis eines im Grunde genommen traditionellen Satzdenkens entwickeln sich bizarre Polyphonien und luftig konstruierte Gebilde, die irgendwann plötzlich abheben und an den Rändern des Klangraums verschwinden. Rhythmisch-melodische Versatzstücke finden sich zu überraschenden Spannungsverläufen zusammen, knarziger Grummelbass und Klarinette führen einen komischen Dialog. Die Freude an grotesken Farben und Rhythmusmustern schlägt allerorts durch. Den stets transparenten Klanggestalten widmet sich das Ensemble Modern mit der gebotenen Leichtigkeit und Präzision. (Wergo 6576 2)

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