Manchmal fies, zuweilen ordentlich

Veröffentlichungen der Popindustrie im Oktober · Vorgestellt von Sven Ferchow


(nmz) -
• Royal Street Orchestra – Visible At Given Temperature • Maná – The Best of Mana • Matchbox 20 – North • Mick Hucknall – American Soul • Pit Przygodda – Lied • Wise Guys – Zwei Welten instrumentiert
Ein Artikel von Sven Ferchow

Das fieseste Album des Jahres. „Visible At Given Temperature“ von Royal Street Orchestra. Loben macht keinen Sinn. Beschreiben ebenso wenig. Muss man hören. Wobei man so einiges spürt, bei diesem Album. Als grobe Orientierung diene der prägnant gehaltene Begleitzettel: Jazz, Orient, Funk, Klezmer, Pop, Balkan explodieren in der Ohrmuschel. Bereits nach dem ersten Song „Alley Camel Riot“ fühlt man sich wie vom ICE überfahren. Ein Erlebnis. Teilweise gemein, weil ungewöhnlich. Aber leider endgeil. Hörhinweis: alles.

Wenn jemand den lateinamerikanischen Raum rockt, dann Maná. Beweis: unzählbare Auszeichnungen und Millionen verkaufter Platten. Seit 1986 ackern sich die Jungs um Frontmann Fher Olvera durch die Branche, da darf mit dem Best-of-Album mal ein kleines Päuschen sein. Das Doppel-Album braucht sich mit 30 Songs nicht zu schämen. Fans werden freilich über Klassiker oder Nicht-Klassiker streiten. Das Sahnehäubchen ist der neue Song „Hasta Que Te Conoci“, der ohne Zweifel ein Klassiker werden wird. Hörhinweis: das gesamte Album.

Stutzig durfte man werden, als es unerwartet hieß, Matchbox 20 veröffentlichen ein neues Album. Überraschenderweise ist „North“ erst das vierte Album. Anders formuliert: das erste seit fünf Jahren. Dabei dachte man doch stets, Rob Thomas und seine Mannen gehörten zur Wohnzimmereinrichtung. Um ehrlich zu sein: „North“ ist perfekter Erwachsenen-Rock, über weite Strecken sogar stadiontauglich. Die Strophen dramatisch, die Refrains hymnisch, und Rob Thomas weiß seine charakteristische wie charmante Stimme exzellent einzusetzen. Wermutstropfen: Kantig ist anders. „North“ ist produktionstechnisch ein schwerfälliger Ziegelstein, der kaum Ausflüge in durchgerotzte Ecken oder abgehalfterte Seitenstraßen erlaubt. Das ist schade. Qualität hat ihren Preis. Hörhinweis: Parade, I will, Like Sugar.

Da schnalzt das Soul-Züngchen! Mick Hucknall, einst Aushängeschild von Simply Red, hatte ja versprochen, eine Solokarriere zu starten. Gesagt, getan. Erstes Produkt dieser Erfahrung ist nun „American Soul“. Mit seiner geschmirgelten Schmusestimme hat er sich zwölf Soulsongs zurechtgelegt, die seiner Meinung nach neu gepflas-tert werden mussten. Darunter sind „I’d Rather Go Blind“ von Etta James, „I Only Have Eyes For You“ von den Flamingos oder „That’s How Strong Our Love Is“ von Otis Redding. Das alles klappt spielerisch, nicht zu routiniert oder abgedroschen, sondern genau in der Balance zwischen Mick Hucknall und dem Erbe der Songs. Ist ein Käufchen wert. Hörhinweis: s.o.

Der Zufall spülte ein paar Songs von Pit Przygodda auf ein Tape, das beim Label Solaris Empire landete. Nun gibt es das Album namens „Lied“. Der Random-Taste am CD-Player (soll es noch geben) landete beim Track 3: Dunkle Straße. Und ab da ist der Zufall egal. Denn „Lied“ ist kein Zufall. Dass Przygodda eine musikalische Vergangenheit hat (als Band bei „Go Plus“, aber auch als Film- und Hörspielkomponist), ist hörbar. Greifbar vielmehr. Man muss seine Songs abwarten können. Nicht die schnelle Nummer wird da serviert. Fast Chansons sind es, die – Gott sei Dank – auf keinen reißerischen Knalleffekt zusteuern. Das Leben ist es, was er da beschreibt. Lakonisch zuweilen, aber auf den Punkt. Ohne Zynismus. Diese Ehrlichkeit zu treffen, diese musikalisch zu transportieren, das ist bemerkenswert. Hörhinweis: Dunkle Straße, Flieger, Lied.

Traum erfüllt: Die Wise Guys, Deutschland Vorzeige-A-Capellisten, veröffentlichen den zweiten Teil ihrer Welten. Im Vergleich zum Mai-Album allerdings mit ordentlich Gedöns. Sprich: richtigen Instrumenten. Eine coole Sache, denn bis auf drei verschiedene Songs lassen sich die beiden Alben schön miteinander vergleichen und werfen zu Recht die Qual der Wahl auf. Hörhinweis: schon alles.

 Diskografie

  • Royal Street Orchestra – Visible At Given Temperature (Hazelwood Vinyl Plastice, 24.08.12)
  • Maná – The Best of Mana (Warner, 14.09.2012)
  • Matchbox 20 – North (Warner, 31.08.2012)
  • Mick Hucknall – American Soul (Warner, 26.10.2012)
  • Pit Przygodda – Lied (Solaris Empire, 26.10.2012)
  • Wise Guys – Zwei Welten instrumentiert (Universal, 14.09.2012)

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