Michael Zwenzner sichtet neue Partituren 2020/10

David Gorton | Tobias Tobit Hagedorn | Hannes Kerschbaumer | Timo Ruttkamp | Hannes Seidl


(nmz) -
David Gorton (*1978): Erinnerungsspiel (2006) für Oboe solo und optionale Elektronik | Tobias Tobit Hagedorn (*1987): Linien (2018) für mindestens vier um das Publikum verteilte Handy-/Tabletspieler (idealerweise mit extra Lautsprechern) | Hannes Kerschbaumer (*1981): phloem. Zwölf Stücke (2011) für Akkordeon und Harfe (teils präpariert, mit dreimal wechselnder, insgesamt 12 Tonhöhen betreffender mikrotonaler Skordatur) | Timo Ruttkamp (*1980): trans-formation(en) (2003/14) für Klarinette (oder Alt-/Sopransaxophon), Posaune und Akkordeon (Crotales ad lib.) | Hannes Seidl (*1977): Dies ist die Geschichte von einem Mann... (2013) für Flöte, Klarinette, Schlagzeug, Violine, Cello und elektronische Zuspielungen
Ein Artikel von Michael Zwenzner

David Gorton (*1978): Erinnerungsspiel (2006) für Oboe solo und optionale Elektronik
Verlag Neue Musik Berlin, NM 2891 (Spielpartitur)

Stilrichtung, allg. Charakter: Extrem virtuoser, dissonanter Stil. Musikalisch ergiebige Konzertetüden, die bei konsequentem Einsatz erweiterter Spieltechniken (Mikrotonalität, Mehrklänge, Zirkuläratmung etc.) den expressiven Oboenklang auf schneidende oder schrille, verspielte oder sangliche Weise ausloten.

Form, Struktur: Acht Sektionen, die nach einigen Regeln frei angeordnet werden können, davon jeweils zwei musikalisch eng miteinander verwandt, wobei gemeinsame Grundelemente vertauscht, variiert oder neu proportioniert werden. Weitere Potenzierung übergreifender Bezüge durch optionale Elektronik.

Notation, Dauer, Schwierigkeit: herkömmliche Notation im Vierteltonsystem (quantifizierte Angaben zur Dynamik; vereinzelt zusätzliche Griffnotation für multiphone Klänge) / ca. 17 min. / sehr schwer

Kommentar: Schöner geht’s kaum für die zeitgenössische Oboe: Das Melos Madernas trifft auf das Pneuma Holligers und verbindet sich mit Gortons Faible für Mikrotonaliät und transzendentale Virtuosität. Der komplexen Erinnerungsarbeit des menschlichen Gehirns ebenbürtiger Beziehungsreichtum.


Tobias Tobit Hagedorn (*1987): Linien (2018) für mindestens vier um das Publikum verteilte Handy-/Tabletspieler (idealerweise mit extra Lautsprechern); Software „MobMuPlat“ über info@are-verlag.de
Are Verlag Köln, Are 2360 (Spielpartitur)

Stilrichtung, allg. Charakter: Live-elektronisch generierte Geräusch-, Klang- und Raumkomposition, die sich inklusive hybrider Mischungen zwischen Natur- und Kulturklang zu bewegen scheint: Anmutungen von Gezwitscher, Windgeräuschen, akustischen Signalen (Piepser, Sirenen), aber auch abstrakterer Formensprache. 

Form, Struktur: Einsätzer aus 29 mit kalkulierter rhythmischer Unschärfe teils wiederholt zu spielenden „Zellen“, versehen mit exakten Dauernangaben. Im Verlauf greifen verschiedene Grade von Ordnung und Gestalthaftigkeit, bis hin zu periodischer Rhythmik, Motivrepetitionen, kanonischer Auffächerung.

Notation, Dauer, Schwierigkeit: Aktionsnotation: Zwei Liniensysteme (für Tonhöhe bzw. für Klangfarbe und Delay) zur Anzeige der Fingerbewegungen auf dem Kontrolldisplay des zu installierenden Softwaresynthesizers. / Dauer: ca. 9 min. / mittelschwer

Kommentar: Eine musikalische Apotheose des Wischens, die durch die digitale Umfunktionierung eines Alltags- und Suchtgegenstands zum Musikinstrument möglich wird. Man erlebt eine ziemlich wilde, bizarre, hochdramatische Klanglandschaft, deren performative Ursache durchaus zum Staunen verleitet.


Hannes Kerschbaumer (*1981): phloem. Zwölf Stücke (2011) für Akkordeon und Harfe (teils präpariert, mit dreimal wechselnder, insgesamt 12 Tonhöhen betreffender mikrotonaler Skordatur). Verlag Neue Musik Berlin, NM 2830 (zwei gebundene Spielpartituren)

Stilrichtung, allg. Charakter: Gestisch facettenreicher, spieltechnisch wie akustisch explorativer Stil, in puncto Zusammenspiel und Artikulation äußerst präzise gesetzt. Mikrotonale Harmonik mit gut dosierten Geräuschanteilen. Der Charakter schwankt zwischen naturhafter Prozessualität und pointiert artikulierter Gestik.

Form, Struktur: Dem titelgebenden Stück folgen wechselweise je fünf fokussierte meditationen und meist turbulente interpolationen, gefolgt von kontinuierlich flimmerndem Epilog (Xylem). Jedes Stück bezieht sich auf wenige charakteristische Spielweisen, wobei beide Parts zumeist verwandte Tonvorräte nutzen.

Notation, Dauer, Schwierigkeit: Mal metrische, mal proportionale Dauern-, dabei traditionelle Tonhöhennotation (selten präskriptive statt deskriptive Zeichengebung) / Dauer: ca. 45 sec–7 min. (Einzelsätze), 38 min. (Gesamtzyklus) / sehr schwer

Kommentar: Die phantastische Erscheinungsvielfalt der Natur, sublimiert zu einem kurzweiligen instrumentalen Klangtheater mit Auftritten für Phloem und Xylem (innerpflanzliche Transportwege für Nährstoffe), kristallines Quarzgestein, tanzende Wassertropfen und den wachen Geist von Hörern wie Spielern. 


Timo Ruttkamp (*1980): trans-formation(en) (2003/14) für Klarinette (oder Alt-/Sopransaxophon), Posaune und Akkordeon (Crotales ad lib.). Edition Gravis Brühl eg 2221 (Partituren und vierteiliger Stimmensatz)

Stilrichtung, allg. Charakter: Expressiver, harmonisch dissonanter Stil, geprägt von vielen kleinen mikrotonalen Verschleifungen innerhalb ansonsten modal anmutender Melodik. Sehr bedachtsame, allmähliche Erweiterung des musikalischen Vokabulars durch erweitere Bläsertechniken (Slap, Flatterzunge, Mehrklänge, etc.).

Form, Struktur: Reich gegliederte einsätzige Form, die sich als großer Spannungsbogen mit fließenden, später auch kontrastierenden Textur- und Tempoänderungen erweist. Einem Quasi-da Capo folgt eine ätherische Coda. Individuelles Insistieren aller drei Parts auf charakteristische Intervalle, Motive, Harmonik. 

Notation, Dauer, Schwierigkeit: Traditionelle Partiturnotation (incl. alternativem Saxophon-Part in etwas verkleinertem Druck) / ca. 11 min. / schwer

Kommentar: Unkonventionell besetztes, trotz satztechnischer Differenziertheit aufgrund intensiver Klangrede und beharrlich insistierendem Tonfall sehr eingängiges „Bläsertrio“, in dem drei starke Individuen gleichberechtigt miteinander interagieren und sich mit größter Lebendigkeit weiterentwickeln.


Hannes Seidl (*1977): Dies ist die Geschichte von einem Mann… (2013) für Flöte, Klarinette, Schlagzeug, Violine, Cello und elektronische Zuspielungen. Edition Juliane Klein Berlin EJK 0638 (Spielpartitur)

Stilrichtung, allg. Charakter: Konzeptueller Noise-Trash. Zum Playback aus U-Musikfetzen und ordinär lästernder Frauenstimme begegnet im maximal unkultiviert klingenden, mikrotonal, verschlampt-homorhythmisch, druckvoll gestalteten Ensemblesatz ein einziges Stottern und Stolpern, jäh abreißend nach finaler Zuspitzung.

Form, Struktur: Einsätzige Steigerungsform weitgehend schematischen Aufbaus: In puncto Dauer exponentiell zunehmende Haltepunkte (mit minimalen Aktivitäten, Sinustonakkorden, Sprachsamples) leiten jeweils vierzehntaktige hyperaktive Tutti ein, bis das Schema zum krisenhaften Ende obsolet wird.

Notation, Dauer, Schwierigkeit: Traditionelle Partiturnotation mit vielen Taktwechseln (Cello phasenweise in Tabulatur) und einigen Sonderzeichen für erweitere Spieltechniken / Dauer: ca. 10 min. / sehr schwer und undankbar

Kommentar: Polemischer Kommentar zur Hölle des Reality-TV? Provokation des Neue Musik-Establishments? Als Generalangriff auf Ohren, guten Geschmack und kultiviertes Instrumentalspiel musikalisch eine Zumutung, konzeptuell aber vielleicht doch diskussionswürdig und reflexionsfördernd … 

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