Mit String-Jazz in eine progressive Zukunft

Jazzneuheiten, vorgestellt von Hans-Dieter Grünefeld


(nmz) -
Musik von und mit: Jens Fossum, Ernst Reijseger, DuckTapeTicket und John Escreet.
Ein Artikel von Hans-Dieter Grünefeld

String- oder Saiteninstrumente sind im Jazz primär als tiefe Register präsent. Aus der Begleitfunktion wurden sie in den letzten Jahrzehnten durch hervorragende Solisten emanzipiert, sodass nun ein Virtuose wie Jens Fossum aus Norwegen sogar als „Bass Detector“ (Ozella 057) auftreten kann. Imponierend schon seine Klangmobilität und die Kollektion von fünf verschiedenen E- und Kontrabasstypen, mit denen er rasante Zupf-Kaskaden etwa in „Walter Freeman’s Pick Of Choice“ ausbreitet, über die im Jazzrock-Idiom seine Kompagnons wie Håvard Fossum am Tenorsax eigene Linien ziehen können. Leger setzt Jens Fossum auch Wah-Wah-Effekte ein oder wendet sich nach „Zanzibar“ in einem Afro-Latin-Groove. Seine flexible Band folgt ihm dabei enthusiastisch bei der Erkundung dieser turbulenten Bass-Touren.

Im gleichen Register, aber akustisch und vor allem con arco bewegt sich Ernst Reijseger, Cello-Philosoph aus den Niederlanden. Sein „Feature” (Winter & Winter 910 220-2) stellt nicht nur vor, wie aus einem Flageolett-Choral „For Pieter’s Birth“ ein exotischer Latingroove mit Tabla und Akkordeon werden kann, sondern auch ein fünfstimmiges Cello-Ensemble, das sanfte Klangteppiche für „The Face Of God“ legt oder per „Incantation“ zum wuchtigen Orchester wird. Ein Prisma aus diversen Spieltechniken wirkt gar wie „Made Of Light” für einen hellen Raum. Kontemplative und agile Attitüden mischen sich bei Ernst Reijseger so zu sensitiven Modalitäten universaler Klangimaginationen.

Durch die Aneignung emotionaler Dimensionen des Blues, Swing und  Bebop hat DuckTapeTicket, eine radikale Umwidmung des klassische Streichtrios, genuin eigenes Vokabular entwickelt. Seufzer-Glissandi und Dirty Tones kennzeichnen den Stil dieser Formation aus Deutschland, wenn sie „You don’t have to be drunk to feel that way“ intonieren. Zugleich lockern Paul Bremen (Violine & Viola), Anna-Sophia Dreyer (Viola) und Veit Steinmann (Cello) ihre Kompositionen per variabler Stimmführung auf, sodass polyphone Energie frei für „The Dive” (Bluestrings 4250782354013, www.bluestrings-records.de) in Improvisationen wird. Raffinierte Korpus-Perkussion ist ebenso integriert wie eine „Cadenza“, deren Misterioso-Flageoletts sich zu einem statischen Cluster verdichten. Dissonante Akkordsequenzen und filigrane Melodik fügen sich mit dem Duck Tape Ticket stets swingend zu einem Streicherstil, der unverkennbar eine Flagge für die progressive Zukunft des Jazz gehisst hat.

Unterschiedliche Aufgaben hat die String Section (eigentlich ein Streichquintett mit zwei Violinen, Viola, Cello und Kontrabass) in den Arrangements von John Escreet, Pianist aus Großbritannien, für „Sabotage And Celebration” (Whirlwind 4634). Einerseits formt sie als Ensemble eine „Axis Of Hope” im dichten, seriellen Duktus, andererseits ist sie lediglich Akkordpolster für „He Who Dares“ in einem kontrapunktischen Klaviersolo mit verblüffenden Verknüpfungen zum verzappelten Rockthema. Ebenso ebnen vertikale Streichersequenzen wie ein Intro den Weg zu Free Jazz Episoden des Titelsongs, der sich zu ungeradem Metrum wendet, wobei insbesondere Jim Black am Schlagzeug versatil zwischen Stilmustern wechselt und der Band mit David Binney am Tenorsax und Matt Brewer am Bass enormen Drive gibt. Die String Section ist also nicht nur Accessoire, sie gibt dem Sound dieser von modernen Kompositionstechniken bestimmten Songs eine spezielle Identität. Wie überhaupt Streichinstrumente aus symphonischem Inventar sowohl einzeln als auch in Gruppen den aktuellen Jazz punktuell um interessante Facetten erweitern.

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