Miteinander statt Gegen- oder Nebeneinander

Weiterbildung der mu:v-Initiative zu aktuellem Thema


(nmz) -
Die Mitglieder der mu:v-Initiative beschäftigen sich intensiv mit Fragen zur Diversität im Kulturmanagement und bei mu:v und setzten sich im Rahmen von zwei thematischen Workshops mit verschiedenen Aspekten dieses Themas auseinander.
Ein Artikel von Emilia Ternes, Helen Gorsuch

Den Auftakt machte Jamila Al-Yousef, Kulturwissenschaftlerin und Musikerin. In Form eines Onlineworkshops am 29. Juni gab sie einen Einblick in die „Rassismuskritische Kulturarbeit“.

Als „fehlerfreundlicher“ Workshop wurde hier ein Raum geschaffen, in dem Offenheit und Fragen hoch erwünscht waren. Jamila gab den Teilnehmenden einen Input zu diversitätsorientierter Öffnung und erklärte anhand von konkreten Beispielen, wie diese in Kulturinstitutionen und Projekten umsetzbar gemacht werden kann. Darauf folgte ein Themenblock zum Begriff „Rassismus“ und der deutschen Kolonialgeschichte. Ein Privilegientest machte den Teilnehmenden die Privilegien und Vorteile sichtbar, die sich in der Gesellschaft für Menschen aufgrund ihres Weißseins ergeben.

Diese stellen für weiße Menschen im Alltag eine Normalität dar, die oft unsichtbar bleibt, aber mit Vorteilen gegenüber People of Colour einhergehen, sei es bei der Wohnungssuche, am Arbeitsplatz oder im öffentlichen Raum. Jamila stellte anhand verschiedener Beispiele eindrücklich dar, dass ebenso Medien rassistische Vorurteile in Bild und Sprache reproduzieren. Diese sitzen fest in den Strukturen von Medienhäusern, Serien und Werbung – ein Teil des strukturellen Rassismus in unserer Gesellschaft.

Im letzten Themenblock der „Rassismuskritischen Kulturarbeit“ widmeten sich die Teilnehmenden abschließend der Frage, welche Form der Kulturarbeit es braucht, um einen möglichst rassismusfreien Raum zu schaffen.  Hier spielt neben der Diskriminierungssensibilität in der Sprache auch die Repräsentation eine Rolle – beides soll bei mu:v zukünftig zum Thema gemacht werden.

Nach diesem gelungenen ersten Workshop folgte am 15. September der zweite Online-Workshop zum Thema „Klassismus und Kultur“ mit Ve­rena Brakonier. Die Choreografin und Performerin hat das Projekt „class matters (immernoch)“, eine künstlerische Recherche zum Thema Klassismus, mit ins Leben gerufen. Verena öffnete den Raum auf einer persönlichen Ebene und diskutierte mit den Teilnehmenden Fragen zu ihrer eigenen Herkunft – jene, die in unserer Gesellschaft eher vermieden oder gar tabuisiert werden, aber der Schlüssel zum sogenannten „Klassismus“ sind. Denn diese Form der Diskriminierung ist auf die sozio-ökonomische Herkunft oder Position in der Gesellschaft zurückzuführen. Dabei bestimmt das ökonomische, kulturelle, soziale und symbolische Kapital die eigene „Klasse“ beziehungsweise den sozialen Status. Verena erläuterte den Teilnehmenden in diesem Zusammenhang den sogenannten „Bildungstrichter“, der deutlich macht, welchen starken Einfluss das Elternhaus auf den Bildungsabschluss hat. Es wurde deutlich, dass insbesondere das ökonomische Kapital eine Rolle dabei spielt, wie sich der weitere Lebensweg gestaltet.

Dies reicht von der Finanzierung von Nachhilfe oder des Erlernens eines Musikinstruments bis zur Möglichkeit der finanziellen Unterstützung durch die Eltern während Ausbildung, Studium oder einem Orientierungsjahr. In einer kurzen Umfrage reflektierten die Teilnehmenden diese Erkenntnisse auf die Kultur – und auf sich selbst.

Dabei stellten sie fest, dass es auch in den kulturellen Ausdrucksformen, sei es Musik, Tanz oder Theater, ganz selbstverständlich die Unterscheidung zwischen einem niedrigen und hohen sozialen Status gibt. In den Gesprächen wurde außerdem deutlich, dass sich die meisten der Teilnehmenden sowohl während der Schulzeit, als auch in der Verwirklichung ihrer Persönlichkeit – zum Beispiel durch das Erlernen eines Instruments – von ihren Eltern unterstützt sahen und die wenigsten dabei auf die „Hilfe von außen“ angewiesen waren.

Diese Erkenntnis über die mu:v-Initiative, die sich größtenteils aus einer homogenen Gruppe Studierender aus Akademiker*innenhaushalten zusammensetzt, nahmen die Teilnehmenden zum Anlass, Ideen zu sammeln, wie die Initiative und ihre Angebote bezogen auf Herkunft und Klasse diverser gestaltet werden kann.

Miteinander statt Gegen- oder Nebeneinander – dieser Gedanke steht im Zentrum der Diversitätsreihe bei mu:v. Im Oktober findet der vorerst letzte Workshop der Reihe zum Thema „Barrierefreie Kommunikation – Leichte Sprache“ statt. Beim mu:v-Herbsttreffen im November sollen dann die Ergebnisse der Workshops gemeinsam mit Patricia Gläfcke aus dem Präsidium der JMD zusammengetragen und weiterentwickelt werden.

 

 

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