Momentaufnahmen

DVD-Neuheiten zwischen Dokument und Film


(nmz) -

Pure Aufführungsdokumentation oder genuiner Musikfilm: An den Enden dieser beiden Pole oder auch mittendrin sind einige DVD-Neuheiten jüngeren Datums anzusiedeln, ohne dass diese Pole automatisch auch den Qualitätsmaßstab bildeten.

Ein Artikel von Juan Martin Koch

Chaya Czernowins „Pnima … ins Innere“ etwa ist bei der Münchner Biennale 2000 denkbar schlicht abgefilmt worden. In prekärer Bildqualität sehen wir entweder die komplette Bühne oder werden von der Totalen aus etwas näher an die beiden Personen herangeführt. Und doch entwickelt dieses singuläre Stück Musiktheater über die Sprachlosigkeit in der persönlichen Bewältigung des Holocaust eine Intensität, die durch ausgefeilte Kamerafahrten wahrscheinlich eher behindert denn befördert worden wäre. Claus Guths radikale Inszenierung, in der ein alter Mann und ein Kind praktisch kommunikationslos auf sich selbst zurückgeworfen werden, und die eindringliche Lichtregie schaffen einen Raum, der Czernowins zerbrechlich-kraftvolle Musik zu voller Entfaltung kommen lässt.

Der Aufwand, der 1969 betrieben wurde, um Gian Carlo Menottis Kinderoper „Help, Help, the Globolinks!“ nach der Hamburger Uraufführung ins Fernsehstudio zu transferieren, mutet demgegenüber schon fast ein wenig bemitleidenswert an. Zumal Menottis Parabel über die Macht der (handgemachten) Musik, die gefährliche Außerirdische (und deren elektronische Klänge) abzuwehren imstande ist, eher unfreiwillige Komik denn kindliche Frische ausstrahlt. Was bleibt, ist der kultige Charme der 60er-Jahre-Ästhetik und Edith Mathis’ natürlicher Zugang zur Hauptrolle der Emily.

Zurück im 21. Jahrhundert finden wir uns auf der Bühne der Opéra de Lyon wieder. Genauer gesagt auf einer für die Kameras sehr dankbaren Riesenuhr, auf der die letzten Stunden des Doktor Faustus in der Gesellschaft eines wenig konzilianten Gesprächspartners namens Mephisto und weiterer Figuren ablaufen. Pascal Dusapin hat zu seinem Anfang 2006 an der Berliner Staatsoper uraufgeführten Stück „Faustus, the last night“ ein vor Belesenheit überbordendes Libretto quer durch die Faust-Mythologie verfasst, das trotz der optisch attraktiven und in der Personenführung sehr präzisen Regie Peter Mussbachs kaum theatrale Sogwirkung entfaltet. Ähnliches lässt sich über seine ausgefeilt differenzierte, aber selten an Existenzielles rührende Musik sagen, die freilich vom Orchester unter Jonathan Stockhammer und einem fabelhaften Ensemble aufs niveauvollste realisiert wird.

Wie aus einer Aufführung oder, wie in diesem Fall, derer 30 ein faszinierender Musikfilm entstehen kann, das führt der Schweizer Regisseur Peter Liechti vor. Was heißt hier Aufführungen – „Hardcore Chambermusic“ drohte das Improvisationstrio Hans Koch (Saxophon), Martin Schütz (Bass) und Fredy Studer (Drums) einen Monat lang, Abend für Abend seinem Publikum in der eigens in einen Club umgebauten Züricher Schlosserei an. Und das folgte gebannt diesen instrumentalen und elektronischen Erkundungen, die mit Free-Jazz nur unzureichend umschrieben sind. Eine Musik, die sich die Freiheit und die Zeit nimmt, zu entstehen und dort zu verbleiben, wo das Verweilen lohnt. Oder, wie Fredy Studer in einem der wunderbar lapidaren Gesprächszwischenschnitte es ausdrückt: „Im Moment, wo es passiert, gilt einfach: Play the shit man!“ Und die Kamera ist immer nah genug dran, diese Momente auch in ihrer Körperlichkeit einzufangen.

Von einer anderen, morbiden Form der Körperlichkeit erzählt Werner Herzogs gut 10 Jahre alter Gesualdo-Film. Dokumentarische und inszenierte Elemente mischend – Milva hat einen köstlichen Auftritt als Reinkarnation der gemeuchelten Maria d’Avalos – geht er den Spuren nach, die der Visionär und Mörder in den Köpfen seiner heutigen Landsleute hinterlassen hat. Er sucht die verfallenen Orte seines Wirkens auf, lässt aber auch Musiker zu Wort und Stimme kommen, ohne dass die Madrigalinterpretationen von Alan Curtis’ „Complesso Barocco“ zu Hintergrundmusik degradiert würde.

Auch Suzie Templetons Umgang mit „Peter und der Wolf“, jenem zum Negativbeispiel einfallsloser Kinderkonzerte degradierten Klassiker, bürstet ordentlich gegen den Strich. Die mit modellierten Figuren und komplett ohne Worte recht düster erzählte Geschichte hat mit Prokofieffs Version nicht mehr allzuviel gemein und wartet mit einer originellen Schlussalternative auf. Auch der Rhythmus des musikalischen Ablaufs wird durch die veränderte Handlung und das Fehlen eines Erzählers angestastet; die Partitur hält das aber größtenteils aus.

Diskografie:

Czernowin: Pnima … ins Innere. Mode 169
Menotti: Help, Help, the Globolinks! Arthaus 101 281
Dusapin: Faustus, the last night. Naïve MO 782177
Hardcore Chambermusic. Mit Koch-Schütz-Studer. Ein Film von Peter Liechti. Intakt DVD 131
Gesualdo. Death for Five Voices. Ein Film von Werner Herzog. Arthaus 102 055
Prokofieff: Peter und der Wolf. Ein Film von Suzie Templeton. Arthaus 101 804-DE

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