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Still aus dem Trailer des Ensembles unitedberlin.
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Musik als heilige Handlung

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Ein szenisches Konzert zum 70. Geburtstag von Claude Vivier vom ensemble unitedberlin
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Sein Auftreten in der europäischen Musikszene passte so gar nicht zum Avantgarde-Gebaren der Siebziger Jahre. Naiv und ungeschützt, gänzlich unintellektuell, manchmal fast peinlich in seiner Offenheit war sein Benehmen, und auch seine Werke bezogen sich befremdlich auf ganz persönliche Anliegen. Nach Studien bei Gottfried Michael König in Utrecht und Karlheinz Stockhausen in Köln gelangte Claude Vivier zu einer Sprache von überwältigender Klangsinnlichkeit und direkter Emotionalität. In seiner kanadischen Heimat erhielt sein Schaffen stärkere Resonanz. Doch irgendwann erdrückte ihn die Enge des dortigen Geisteslebens, so dass er 1982 nach Paris übersiedelte – wo er seinen frühen, gewaltsamen Tod fand.

Ein Außenseiter ist Vivier bis heute geblieben, ein Geheimtipp für diejenigen, die vor der verdächtigen Schönheit seiner Klänge, ihrer scheinbaren Simplizität, vor dem Pathos seiner Fragen nach „letzten Dingen“ nicht zurückschrecken. Auch zum Anlass des doppelten Gedenkens seines siebzigsten Geburtstags und 35. Todestages gibt es kaum Veranstaltungen. Es blieb dem ensemble unitedberlin vorbehalten, diesem unter seinem „artistic advisor“ Vladimir Jurowski seit fast 30 Jahren innovativ-neugierigen Zusammenschluss von Musikern der ehemals geteilten Stadt, einen der bedeutendsten kanadischen Komponisten mit einem szenischen Konzert zu ehren. Sein Titel „sacred act“ ist für Vivier typisch: Musik war für ihn „heilige Handlung“, eine „Freisetzung von Kräften“ und der „Austausch“ mit ihnen. Natur und Leben fiel ihm in eins mit der Kunst, die dennoch transzendierend wirken sollte. Und so steht „Hiérophanie“ im Zentrum des Programms, ein frühes Werk von 1970, das alle Schwächen seiner Entstehungszeit zu bündeln scheint: Mehr Spielanweisungen als Tonmaterial, improvisatorische Freiheit für die Interpreten, das relativ ungestaltete Nebeneinander verschiedener Stilebenen. Sehr nahe hält sich Regisseurin Anisha Bondy an Viviers Vorschriften, lässt Jurowski im langen schwarzen Priesterrock streng agieren und die Musiker – das „Transzendente“, die „Liebenden“ und die „Egoisten“ darstellend – als Adepten einer verschworenen Gemeinschaft ebenso gehorsam das Ritual befolgen wie daraus ausbrechen. Kinderlieder werden mit sakralen Gesängen gemischt, Phantasiesprachen gesprochen, Zitate aus „Alice im Wunderland“ eingestreut, so irreal wie verspielt, Identitäten verunsichernd.

Das mag ein wenig nach Selbsterfahrungsgruppe klingen und ist musikalisch, in der Durchdringung prachtvoller Bläserdissonanzen mit banalsten Liedfetzen, zumindest streckenweise irritierend. Und doch steckt in diesem „instrumentalen Theater“ schon vieles, was später Viviers große tiefgründige Oper „Kopernikus“ ausmachen sollte. Auch für andere Werke wird hier ein experimentell-phantastischer Fundus bereitgestellt, dem Vivier später die Klänge seiner Fernost-Erfahrungen hinzufügte. „Et je reverrai cette ville étrange“ trägt in seinen mäandernden, von Gongschlägen beschlossenen Terzmelodien stark rituellen Charakter, dessen Melancholie in seiner Statik liegt. „Bouchara“, benannt nach einer uralten heiligen Stadt in Usbekistan und im Umfeld einer nie ausgeführten zweiten Oper „Marco Polo“ entstanden, führt als eine Art Heterophonie in den Überlagerungen von Streichern und Bläsern, Stimme und fernöstlich inspiriertem Schlagzeug in eine faszinierend schillernde Klangwelt – von einem durch Mark und Bein fahrenden Nebelhorn-Signal beschlossen, vom Tonband aus der gegenüberliegenden Ecke des Raumes kommend wie aus einer anderen Welt.

Claude Vivier 70/35 - a sacred act (Trailer) from ensemble unitedberlin on Vimeo.

 

„Glaubst du an die Unsterblichkeit der Seele?“ fragt Schauspieler Max Hopp, mit einer alten Lammfelljacke angetan, wie sie auf Vivier-Fotos zu sehen ist – Stockhausen bemängelte ihren odeur – den eintretenden Besucher. Das wirkt ein bisschen albern und trifft nicht die Tiefe von Viviers Leiden und Leidenschaft – das „Lonely Child“ (so der Titel eines seiner Werke) lernte seine Eltern nie kennen, wurde aufgrund seiner Homosexualität vom Priesterseminar verwiesen und war zeitlebens auf der Suche nach Liebe und Geborgenheit, doch ebenso vom Tod als letzter Verschmelzung mit dem Universum fasziniert.

Hopp zitiert mit der flapsig anmutenden Frage den Titel von Viviers letztem Werk, in dessen Text er Details seines Todes minuziös vorwegnahm. Heterogenes verbindet sich: die langen Linien und herausgeschleuderten Sprachbrocken des Vokalconsorts Berlin bilden mit schwebenden Synthesizer-Klängen und Schlagwerk den akzentuiert-sensiblen Hintergrund zu Max Hopps elektronisch verzerrter, engagiert gesteigerter Erzählung: „Claude“ begegnet in der Metro einem erotisch interessanten Mann, der ihm nach kurzem Wortwechsel den Dolch ins Herz stößt – kaum anders ereignete sich sein eigener Tod, der so nur als inszenierter, vorweg gewusster Selbstmord zu verstehen ist. Ein Liebeslied und sein Scheitern sind diesem Werk einkomponiert – die Unmöglichkeit einer allumfassenden Liebes-Utopie war Vivier sehr wohl bewusst. Geträumt hat er sie nur in seiner Musik.

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