Musikalische Begegnungen beim Gang durch den Vogelpark

Concertino Piccolino: Eine Konzertreihe für Vorschulkinder der Musikhochschule Detmold · Von Ernst Klaus Schneider


(nmz) -

Erwartungsvoll strömen hundert vier-bis sechsjährige Kinder mit ihren Angehörigen in das Sommertheater Detmold. Sie kommen in das 5. Konzert der Reihe „Unterwegs mit Klang und Farbe“. 20 Kinder haben aus diesem Anlass Vogelbilder gemalt und eingeschickt; diese hängen, jedes für sich, in einem Pappkarton (leere Kästen aus dem Großmarkt). Wie ein Wolkenkuckucksheim sind die Kartons im Eingangsbereich und vor der Bühne hoch aufgestapelt: Volièren.

Ein Artikel von Ernst Klaus Schneider

Die Kinder kennen nach vier Konzerten die Wege im Saal. Sie versammeln sich auf Sitzkissen vor der Bühne; die Eltern nehmen Platz auf den Sesseln. Einzelne Mütter oder Väter sitzen zwischen den Kindern. Ruhe kehrt ein. Ein Instrumentalensemble intoniert das Vorspiel zur Arie des Papageno von Mozart, den meisten ein vertrautes Stück. Singend kommt der Sänger mit dem Piccolospieler herein. Alle Kinder dürfen die Pfeifstellen mitmachen. Im mitgebrachten Vogelkäfig sitzt ein kleiner Fantasievogel. Die Moderatorin verwickelt den Sänger und die Kinder in ein Gespräch: Wie mag sich die Stimme dieses Vogels anhören? Der Piccolospieler improvisiert entsprechend den Kindervorschlägen und nähert sich damit dem Colibri-Stück für Piccoloflöte von Sigfried Karg-Elert, das er dann mit Klavierbegleitung vorträgt. Die Kinder kennen das „Concertino-Lied“ und können es singen. Heute bringen sie es dem Sänger bei. Der revanchiert sich mit einem Eulenlied, bei dem die Kinder den Eulenruf nachahmen.

Beim Gang durch den Park reiht sich Szene an Szene. Ein Stück für Harfe wird in Bewegung umgesetzt, in einem anderen übernehmen die Kinder den Kuckucksruf (Saint-Saëns). Vier in ihren „Volièren“ hängende Vogelbilder von Kindern werden vokal in einer avantgardistischen Vogelmusik zum Klingen gebracht, in der auch die „Lerche“ von Dinicu aufsteigt. Vorher hatte die Katze „Tigris“ aus Heinz Holligers „Kinderleicht“ vergeblich einen Vogel gejagt. Finale des Konzerts ist ein freier Pfauentanz der Kinder. Dabei haben alle eine Pfauenfeder in der Hand. Der Rundweg durch die verschiedenen Stationen des Vogelparks kommt zum Ausgang zurück. Der Vogelfänger verabschiedet sich mit seinem Lied. Die Kinder winken ihm mit der Pfauenfeder nach.

Überlegungen zum Konzept

In dem geschilderten Konzertablauf lassen sich Grundsätze der Konzeption ableiten, die wir durchgehend umgesetzt haben: Kinder in diesem Alter nehmen mit allen Sinnen wahr; sie erleben ihre Welt besonders intensiv, wenn sie mit eigenem Tun beteiligt sind. Musikhören und freies Spiel, Bewegen und Tanzen, Singen und bildnerisches Gestalten greifen deshalb in den Konzerten ineinander. Die Forderung nach einem Hören mit allen Sinnen legte es nahe, die Bildende Kunst in die Konzerte zu integrieren. Beim Vogelpark-Konzert etwa wurden Bilder von Adolph Menzel aus dem „Kinderalbum“ gezeigt.

Für diese Altersgruppe müssen es Konzerte sein, die sie gemeinsam mit ihren Eltern und Angehörigen erleben. Die Bindung zu den Bezugspersonen ist für die Kinder ein Rückhalt für das neu zu Entdeckende. Erwachsene wie Kinder werden in das Geschehen einbezogen. Wichtig ist es, dass auch die Erwachsenen von der Musik angesprochen werden. Angesichts der Orientierung der Kinder an Personen werden die Konzerte durchgehend von einer Moderatorin betreut.

Vorschulkinder sind offen für jede Art Musik. Deshalb erklingt ein sehr breites Spektrum von Musik: Improvisationen, alte und neue Musik. Die Auswahl orientiert sich an der Qualität einer Musik: immer soll es Musik sein, mit der anhaltend zu beschäftigen sich lohnt. Doch die Musikstücke müssen kurz sein (zirka drei Minuten). Für diese Altersgruppe hat es sich bewährt, ein außermusikalisches Rahmenthema zu wählen, das Kindern Gelegenheit gibt, ihre Vorerfahrungen einzubringen und sich mit Situationen und Personen zu identifizieren. Die Konzerte werden als Szenenfolge konzipiert. Als Rahmen wählten wir übliche Familienaktivitäten:

  • Ausflug auf dem Bauernhof: Musik von Schumann, Yun, Biber, Bartók/ Bild von Miró („Gepflügte Erde“, 1923/24)
  • Auf in den Zirkus! Musik von Berio, Mozart, Scarlatti, Gubaidulina/Bild von Halpert (Trapeze Artist, 1924)
  • …in Eis und Schnee: Musik von Debussy, Mozart, Purcell/Bild von Avercamp (Winterfreuden,1609)
  • Besuch im Museum: Musik von Bach, Ibert, Francaix, Mussorgsky,/Einbeziehen des Malers Rainer Krause mit eigenen Bildern
  • Ein Gang durch den Vogelpark (siehe oben)
  • Im Spiel der Wellen – Ferien am Wasser: Musik von Satie, Schumann, Mussorgsky/Bild Kch (Die Regatta, 1994)

Um die Beliebigkeit eines einmaligen Sonntag-Morgen-Vergnügens zu umgehen und um Nachhaltigkeit der Erfahrungen zu fördern, erleben die Kinder mehrere Konzerte (Abonnementreihe). Als Eintrittskarten wurden rote Anstecknadeln für Kinder und Erwachsene hergestellt, die neben der Aufschrift einen Katzenkopf aus einem Miró-Gemälde zeigen. Kinder und Erwachsene tragen dieses Zeichen, das alle miteinander verbindet.

In unserem Konzert freuten sich die Kinder und lachten, wenn unerwartete Klänge und Geräusche produziert wurden. Sie erzählten gern von Erlebnissen und reagierten schnell auf Fragen. Sie beobachteten besonders intensiv, wenn die musikalische Vorführung als Szene gestaltet war. Sie hatten Schwierigkeiten, „nur“ der Musik zu folgen und es dauerte länger, bis die Kinder die Lieder mitsingen konnten. Es herrschte durchgehend eine wunderbare Stimmung im Saal. Erstaunlich, wie so viele so kleine Kinder sich konzentriert am Geschehen beteiligten.

In diesem Zusammenhang muss die Bedeutung des Aktivwerdens auf den unterschiedlichsten Ebenen immer wieder betont werden. Es sollte eine Vielfalt von Methoden genutzt werden und es ist wichtig, die Erwachsenen zu integrieren. Die Moderation durch eine Person, die in allen Konzerten auftritt, hat sich bewährt. Auch das Einbeziehen von Protagonisten (Clown, Museumswärter) als personaler Kontrapunkt trägt zur Lebendigkeit bei. Wichtig ist die Haltung der Musiker. Sie spielen nicht nur, sondern veranschaulichen Form und Inhalt durch „gestisches Spiel“; sie sind auch Gesprächspartner. Um zu wissenschaftlich fundierten Aussagen zur Konzeption von Konzerten für Vorschulkinder zu gelangen, werden alle Konzerte gefilmt und in einem Forschungsvorhaben ausgewertet.

www.hfm-detmold.de/studium/details/musiverm.html

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