Musikalische Rituale von suggestiver Kraft

Neue Musik auf neuen CDs, vorgestellt von Max Nyffeler


(nmz) -
Unter Beobachtung: Morton Subotnick, Jo Kondo, Meredith Monk, Brice Pauset und die Donaueschinger Musiktage 2015.
Ein Artikel von Max Nyffeler

Die gedanklichen Hintergründe der Musik von Brice Pauset könnten den Stoff für einen surrealistischen Romanentwurf abgeben, reale und fiktive Dimensionen durchdringen sich permanent. Entsprechend klingen seine Kompositionen: eine Nervenkunst, in der sich die in schattenhaften Klangkonstella­tionen angesammelte Spannung unvermittelt in Eruptionen entladen kann. Der Formverlauf ist diskontinuierlich, alles ist detailgenau und mit feinem Strich gezeichnet. Um die Wiedergabe der vier Stücke auf der Doppel-CD, darunter das groß besetzte vokal-instrumentale „Dornröschen“, kümmert sich eine Riege erstklassiger Interpreten, von Nicolas Hodges und dem Arditti Quartett bis zu Klangkörpern des WDR. Die Aufnahmen können als mustergültig angesehen werden. (æon)

Donaueschingen zum Nachhören: Pünktlich zum diesjährigen Festival ist die Dokumentation von 2015 erschienen. Die Aufnahmen von sechs Stücken, darunter fünf Uraufführungen, geben auf zwei SACDs einen repräsentativen Überblick über das ästhetisch breite Programm. Zu hören sind ein computergestütztes, halbszenisches Stück von Stefan Prins, Mark Andres transparentes, von Jörg Widmann phänomenal geblasenes Klarinettenkonzert, die Bach-Demontage von Francesco Filidei, Orchesterwerke von Johannes Boris Borowski und Yoav Pasovsky sowie das Oktett für sechs Posaunen von Georg Friedrich Haas, der durch die klangliche Multiplikation hier dem Blasinstrument interessantere Facetten abgewinnen kann als im Solokonzert von diesem Jahr. (Neos)

Mit ihrer Konzentration auf die reine Stimme und dem Verzicht auf alles, was nach unnötiger technischer Zugabe aussieht, praktiziert die amerikanische Vokalperformerin Meredith Monk schon seit vielen Jahren eine Art „grüne Musik“ mit unüberhörbar weiblichem Einschlag. In ihrem neuen Album „On Behalf of Nature“ kommen die charakteristischen Merkmale ihres Musizierstils zu suggestiver Wirkung. Vokal imitierte Naturlaute, minimalistische, aber nie mechanisch wirkende Repetitionsmuster und eine sanfte Körperlichkeit des Klangs prägen die oft sehr kurzen Stücke. Anklänge an Ethnomusik werden konsequent in die artifizielle Sphäre transformiert. Die sechs Vokalsolistinnen und -solisten, sekundiert von vier Instrumentalisten, bilden eine intuitiv aufeinander abgestimmte Gruppe: Musizieren als stilles, aber unerhört aussagekräftiges Ritual. (ECM)

Mit ruhiger Genauigkeit und Klarheit, wie es vielleicht nur einem Japaner möglich ist, verknüpft der musikalisch zwischen Tokio und New York sozialisierte Jo Kondo die Töne zu sich stets wandelnden Konstellationen. Die Musik hat etwas von einem Mobile aus der bildenden Kunst; sie hat einen statischen Grundcharakter, doch tritt sie nie auf der Stelle. Dank ihrem quasi-improvisatorischen Gestus bewegt sie sich ständig, wenn auch mehr um sich selbst als in eine Richtung. Das Ensemble L’Art pour l’Art mit der Sopranistin Norma Enns (in den ruhigen „Six Poems Of Mokichi Saito“) lassen der hörenswerten Werkauswahl die nötige Sorgfalt angedeihen. (Wergo)

Die Widersprüche bei der medialen Speicherung von lebendigem Klang produktiv zu erforschen, war schon immer ein Anliegen des Kaliforniers Morton Subotnick, der zu den Pionieren der elektronischen Musik gehört. Um den Live-Charakter in das Medium der Elektronik hinüberzuretten, hat er Methoden einer körpergesteuerten Aufnahmetechnik entwickelt, was seiner Musik eine unvorhersehbare Beweglichkeit verleiht. Mit „Music for the Double Life of the Amphibians“ ist nun innerhalb von zwei Jahren schon das zweite Album erschienen, das diesen persönlichen Umgang mit Elektronik dokumentiert. (Wergo)

Das könnte Sie auch interessieren: