Musikgeschichte als polyphones Netz

Das Berliner Zafraan Ensemble bildet ein vielfältig ausbalanciertes Kollektiv


(nmz) -
Übergänge zwischen zeitgenössischer Musik und jüngerer Musikgeschichte knüpfen – das zeichnet das Zafraan Ensemble besonders aus. Uraufführungen zu realisieren ist seit der Gründung integraler Bestandteil der künstlerischen Arbeit. Mit einer zehnteiligen Konzertreihe feierte die Gruppe in den vergangenen zwei Jahren an verschiedenen Spielorten Berlins ihr zehnjähriges Jubiläum. Unter dem Titel „UA Berlin“ wurden neue Auftragswerke Stücken aus dem 20. Jahrhundert gegenübergestellt, die in Berlin uraufgeführt wurden. Angefangen mit den 1910er-Jahren diente dabei jedes Mal ein anderes Jahrzehnt als Ausgangspunkt.
Ein Artikel von Konstantin Parnian

Auch wenn die Abende chronologisch durch das letzte Jahrhundert führten, sei von Anfang an der Plan gewesen, nicht nur Werke aus der entsprechenden Dekade zu spielen, berichtet Pianist Clemens Hund-Göschel, Teil der künstlerischen Leitung für die Reihe „UA Berlin“, die sich beim Zafraan Ensemble zu jedem Projekt neu zusammenfindet. Statt Musik des jeweiligen Jahrzehnts bunt zu mischen, bildeten vielmehr einzelne Werke, Ereignisse, Personenverhältnisse und Kompositionsschulen die Grundlage für die Zusammenstellungen. Das Vorgehen zahlte sich aus, ermöglichte es doch, Stränge musikalischer Denkschulen und Stilrichtungen sichtbar zu machen und zu verfolgen. Die Idee einer großen Reihe sei schon länger im Raum gestanden, so Hund-Göschel weiter. Ein früherer Ansatz, dabei die einzelnen Instrumente in den Fokus zu rücken, spiegelte sich insofern noch im Endergebnis wider, als dass über die Konzerte hinweg alle zehn Mitglieder – soweit möglich ausgeglichen – zum Zuge kamen.

Balance bestimmt auch den Kern der künstlerischen Organisation: Entscheidungen trifft das Zafraan Ensemble kollektiv, wobei Einzelpersonen nicht überstimmt, sondern Lösungen stets gemeinsam gefunden werden. Mehr noch als basisdemokratisch, so Hund-Göschel, könne man diesen Prozess als anarchisch bezeichnen. Am Ende steht fest: Was auf der Bühne passiert, müssen alle gleichermaßen vertreten können. Ebenso fließt das individuelle künstlerische Verständnis aller in den Prozess mit ein. Verschiedene Einflüsse zuzulassen präge die Vorstellung schon seit der Frühzeit der Ensemblegründung, erzählen die Mitglieder. Damals lernten sie sich an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in unterschiedlichen Projektgruppen für Neue Musik kennen und beschlossen irgendwann, die gemeinsamen Erfahrungen weiterzuführen. Aus diesem Zusammenschluss entstand das Zafraan Ensemble. Früh war klar, dass man sich keiner Führung unterordnen wollte, die nur ihre persönlichen Ideen vorgibt. Die künstlerische Leitung für die Projekte rotiert für die einzelnen Projekte durch, doch der Input komme dabei immer von allen Beteiligten. Neben der Gegenüberstellung von Werken der klassischen Moderne und heutiger Musik gilt das Interesse auch schon immer der eigenen Bühnenpräsenz, außermusikalischen Inhalten und dem Musiktheater.

„Hypermusic Prologue“

Als Meilenstein in der Geschichte des Ensembles kann die Oper „Hypermusic Prologue“ von 2013 gelten. Nach den ersten Jahren war es ab dann nötig, sich zu professionalisieren: Ein Verein wurde gegründet, die Rollen wurden klarer definiert und die Strukturen gefestigt. Dennoch folgte nicht der Schritt hin zu einem rein performativen Ensemble, denn das Kammerkonzert bildet bis heute eine wichtige Säule der künstlerischen Arbeit. Das hänge auch mit dem Anliegen zusammen, die Werke – und gerade die neu in Auftrag gegebenen – nicht nur einmal, sondern häufiger zu spielen, erzählt Geigerin und Bratschistin Emmanuelle Bernard. Auch wenn es nicht immer gelinge, wolle man die guten Stücke fest ins Repertoire aufnehmen, fügt Klarinettist Miguel Pérez Iñesta hinzu. Denn das Potenzial einer Neukomposition ist nicht durch eine einzelne Aufführung ausgeschöpft. Dass die Pflege zeitgenössischen Repertoires, der sich das Zafraan Ensemble verschrieben hat, im Musikbetrieb tendenziell vernachlässigt wird, ist nicht zu bestreiten. Oft schaffen es selbst Publikumserfolge nicht über ihre Uraufführung hinaus.

Abseits der abendfüllenden, teils szenisch-performativen Werke, deren Wiederaufführung sich schwieriger gestaltet, sind es besonders kürzere kammermusikalische Stücke, auf die sich das Zafraan Ensemble konzentriert. Bei dieser stilistischen Breite, so betonen die Mitglieder, gehe es wiederum um die Balance: Das Zusammenwirken mit Szene, Gesang, gesprochenem Text oder auch Tanz helfe bei der Weiterentwicklung und bringe neue Perspektiven in die Arbeit, doch sei es nicht das, was das Ensemble von vornherein ausmache. Man wolle sich nicht auf eine Nische beschränken, sondern die Vielseitigkeit – auch die der einzelnen Instrumente – ausreizen.

Spontaneität und Regelwerk

Dazu trägt die Betätigung der Mitglieder abseits des gemeinsamen Spielens bei. Aus der Alten Musik etwa könne man viel über das Gefühl für Phrasierung und Betonung lernen, beschreibt Emmanuelle Bernard, ganz so wie das Spannungsverhältnis zwischen Spontaneität und Regelwerk inspirierend sei. Schlagzeuger Daniel Eichholz ist zusätzlich zur klassischen Musik in Bands aktiv, spielte unter anderem schon mit Tocotronic und 2raumwohnung und ist Resident des Fusion Fes­tivals. Die extrem vielfältige Arbeit bei Zafraan beeinflusse merkbar all das andere Musizieren, berichtet er. Somit wirkt das Ensemble auch als musikalisches Labor und Experimentierfeld in verschiedene Richtungen und Szenen hinein.

Asynchrones Nebeneinander

Miguel Pérez Iñesta hingegen zieht viel aus seinen Erfahrungen im großen Orchester. Zudem ist er als Dirigent tätig und leitete auch den Auftakt der Reihe „UA Berlin“ im Radialsystem (siehe nmz 11/2020), bei dem Schönbergs „Pierrot lunaire“ dem oft als Parodie des „Pierrot“ bezeichneten „Palmström“ von Eisler, den gleich besetzten und in der Klangsprache ähnlichen „Gelöschten Liedern“ von Enno Poppe sowie – wie bei jedem der Konzerte – einer Uraufführung, hier „absinthe“ von Florian Wessel, gegenübergestellt wurde. Exemplarisch für die Arbeit des Zafraan Ensembles entsteht so ein Bild der Musikgeschichte als Polyphonie, als asynchrones Nebeneinander und verwobenes Netz unterschiedlicher Traditionen. Durch die Pandemie gestört wurde ein Teil der Reihe als digitales Konzertformat angeboten und ist weiterhin auf dem YouTube-Kanal des Ensembles einsehbar. Gerade die Zwischenmoderation, die durchs Programm geleitet, kommt hier noch besser zur Geltung.

Doch eine Frage ist noch offen: Was hat es denn nun mit dem Namen auf sich? Was soll dieses „Zafraan“ bedeuten? Das teure Gewürz ist eine Bedeutungsebene – Safran, der besonders intensiv schmeckt. Daneben aber auch die Stadt Zafra in der spanischen Provinz, die durch ihre wechselhafte Vergangenheit von maurisch-islamischen bis zu katholischen Einflüssen verschiedene Schichten in sich trägt. Die dritte Bedeutung ist der Sofer, wie im Judentum der Torakopist genannt wird, und steht symbolisch für den wissenschaftlichen Anteil und die genaue Beschäftigung mit dem (Noten)Text. Bei der Diskussion zur Namensfindung vor über einer Dekade, so erinnern sich die Mitglieder, schieden technische und geradlinige Bezeichnungen aus. Und so wurde es ein Name, der gerade durch seine eigentümliche Schreibweise viele Deutungen zulässt, ein Name, in dem jeder und jede etwas anderes lesen kann – ganz so, wie in der Neuen Musik selbst.

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