Musikjournalismus? Jetzt! Gerade!

Ein Rückblick zum Studiengangs-Jubiläum 2021


(nmz) -
Gern erinnere ich mich an die vielen guten Wünsche zum Start der Musikjournalismus-Studiengänge in Dortmund vor zehn Jahren. Ich hatte zur Antrittsvorlesung (etwas über Mozart und die Medien) ein kleines, aber fein besetztes Symposium unter der etwas verschwurbelt formulierten Themensetzung, warum und zu welchem Ende man Musikjournalismus studieren solle, zusammengebracht: eine Reihe hochmögender, prominenter, zweifelsfrei kompetenter Kollegen. Zusammensaß also eine mit allen Wassern des Betriebs gewaschene Herrenrunde, und alle wünschten dem Projekt „Musikjournalismus in Dortmund“ alles Gute. Aber, ich weiß es noch genau: jeder, wirklich jeder verband seine Glückwünsche mit mehr oder weniger deutlichen Zweifeln. Erstens: Ob man das sachverständige, klug vermittelnde, womöglich inspirierende Schreiben, Reden, Handeln über Musik (als Kunst) denn überhaupt lehren, überhaupt lernen könne. Und zweitens: Ob der „Markt“, die „Welt“ derlei überhaupt noch brauche. Wünschenswert, ja, aber realistisch? – Als alle gegangen waren, blieb ich nachdenklich zurück. Was hatten wir uns da vorgenommen?
Ein Artikel von Holger Noltze

Zehn Jahre später ist es Zeit für ein Geständnis: Was „zweitens“ angeht, den Markt und Bedarf, war ich mir etwas unsicher. Denn auch vor zehn Jahren hatte der mediale Strukturwandel ja schon eingesetzt, und nicht zum Wohle der alten Institutionen und „Gatekeeper“, über Sinn und Unsinn klassischer Musikkritik wurde lauter denn je nachgedacht. Was aber „erstens“ betraf: Kann man das überhaupt lehren?, saß der Zweifel in mir selbst, und tief. Gern sprach ich über den Beruf des Musikjournalisten als einen biographischen Unfall, man konnte es ja beobachten an den Kollegen, die es entweder von der Musik in die Medien oder von den Medien in die Musik verschlagen hatte, durchaus nicht systematisch, sondern oft, ja meist zufällig.

Zehn Jahre später hat sich die Welt so sehr gedreht, dass es einen schwindeln kann. Globalisierung, Ökonomisierung, vor allem die Digitalisierung wirken gewaltig auf das große kleine Subsystem der Musik. In dieser Transformations-Epoche zu fragen und zu erproben, wie über Bach und Beethoven und Björk (und noch viel mehr gute Musik) in Medien so zu kommunizieren sei, dass von der Kraft ihrer Kunst etwas in der „Welt“, der Gesellschaft, bei den Leuten, mindestens im Betrieb auch ankommt, ist spannender denn je. Dortmunder Musikjournalist*innen sitzen heute an vielen Stellen dieses Musik- und Medienbetriebs, und sie verändern ihn, die aktuellen Veränderungsmächte mutig im Blick.

In Dortmund verstehen wir Musikjournalismus als Kommunikation über Musik in Medien. Online und offline, gedruckt, im Fernsehen und Radio, in sozialen Medien und vor Publikum in Präsenz. Wir denken darüber nach und probieren es aus: Ein Labor des Möglichen, das Lernen hört nicht auf. Und ich habe zweierlei gelernt, aus mehr als punktuellen Erfahrungen:

Erstens: Der „Bedarf“ an jungen Musikjournalist*innen, die von der Sache was verstehen, aber auch davon, wie wo was an wen darüber zu „senden“ ist, er ist in der Welt da draußen größer als gedacht.

Und zweitens: Ja, man kann es, lehren und auch lernen. Was ich in diesen zehn Jahren an Persönlichkeitsentwicklungen sehen durfte: das schönste Jubiläums-Geschenk. 

Prof. Dr. Holger Noltze, Studiengangsleiter und Professor für Musik und Medien

Weiterführende Informationen:
www.musikjournalismus.tu-dortmund.de

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