Musikkultur ist ein guter Ort zur Eingemeindung der Heimatlosen

Kommentar von Olaf Zimmermann


(nmz) -
Die Debatte um die Integration der Geflüchteten ist sehr oft scheinheilig. Niemand im Kulturbereich bestreitet die Notwendigkeit von Integra­tion, doch nur wenige wollen sich mit der Frage beschäftigen, in was integriert werden soll. Mit blumigen Andeutungen quälen wir uns durch die Debatten. Besonders beliebt ist die Metapher, dass wir doch alle voneinander lernen können. Hier die Geflüchteten, dort die Einheimischen, sitzen zusammen, singen sich ihre jeweiligen Volksweisen vor oder erzählen sich ihre jeweiligen Sagen, Legenden oder Märchen. Viele träumen von einer transkulturellen Gesellschaft, an der alle mit ihrer mitgebrachten Kultur gleichberechtigt teilhaben.
Ein Artikel von Olaf Zimmermann

Ich will diesen Traum nicht diskreditieren, doch ein realistischer Blick in die Welt der kulturellen und religiösen Auseinandersetzungen, einem Europa nach dem Brexit, mit seinen geschlossenen Grenzen und dem Erstarken des Nationalismus und einem Deutschland mit AfD und Pegida, spricht eine deutlich andere Sprache.

Jeder kulturelle Austausch ist gut und hoch willkommen, doch die Frage wohin integriert werden soll, wird damit nicht geklärt. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir diese Fragen beantworten sollten, damit nicht diejenigen, die die Grenzen für Flüchtlinge immer unüberwindbarer machen wollen, die sich gegen jedwede Form der kulturellen Öffnung sperren, die Frage beantworten werden. Integration bedeutet für mich die Aufnahme von Immigranten in das nationale Kultur- und Sozialgefüge. Doch was ist unser nationales Kulturgefüge? Goethe, Schiller, Christentum, Aufklärung, das Nibelungenlied, Kunstfreiheit, Beethoven, Wolfgang Rihm, Udo Lindenberg, Georg Baselitz, Andrea Berg …?

Musik ist als nonverbale künstlerische Ausdrucksform besonders gut geeignet, um Kontakte und Begegnungen zu ermöglichen, um gemeinsam die Töne erklingen zu lassen und so ein Gemeinschaftserlebnis zu schaffen. Diese besondere Chance, die im gemeinsamen Musizieren liegt, sollte intensiv bei der Integration der Geflüchteten genutzt werden. Doch die Mehrzahl der Geflüchteten sind keine Musikkenner und schon gar keine Musikprofis. Viele werden vielleicht auch gar keinen Zugang zu Musik und schon gar keinen zu europäischer U- oder E-Musik haben. Hier mittels Musik zu integrieren ist auch eine große Herausforderung.

Es bedarf entsprechender Konzepte, pädagogischer und didaktischer Begleitung damit für beide Seiten Musik als das Verbindende und Gemeinsame erlebt und zum Klingen gebracht werden kann.

Aber gerade hier besteht auch die Chance für die Geflüchteten, erste Anknüpfungspunkte mit der Kultur ihres Gastlandes und vielleicht ihrer neuen Heimat zu finden. Integra­tion bedeutet eben immer in etwas zu integrieren. Unsere Musikkultur ist ein guter Ort zur Eingemeindung der Heimatlosen.

Olaf Zimmermann ist Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates

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