Nach der Krise ist vor der Krise

Die Bewegung „Fridays for Future“ im Spiegel Populärer Musik


(nmz) -
„Eigentlich hätte diesen Sommer die Politik auf den Tisch hauen müssen“, meldet sich der Pianist Igor Levit als einer von dutzenden Prominenten in einem aktuellen Mobilisierungsvideo auf den Social-Media-Kanälen von Fridays for Future Deutschland (FFF). „Das sagen nicht wir, das sagt die Wissenschaft“, ergänzt der Singer-Songwriter Joris, „Klimaschutz ist wie eine Gruppenarbeit“, meint Wolfgang Niedecken später.
Ein Artikel von Felix Linsmeier

Musiker*innen begleiten und unterstützen die weltweite Protestbewegung seit ihren Anfängen durch Greta Thunberg Ende 2018. Sie mobilisieren, erklären sich solidarisch oder treten selbst bei den Schulstreiks auf. Doch nicht ganz ohne Grund titelte im Sommer 2019, also zum bisherigen Höhepunkt der Proteste, beispielsweise der Nordkurier „Wo bleibt die Hymne der Klima-Proteste?“ oder stellte die taz unter der Schlagzeile „Wer braucht hier wen?” die These auf, Musik und Popkultur würden sich heute eher mit den Aktivist*innen schmücken als umgekehrt. FFF hat medienwirksame Repräsentantinnen und Thunberg selbst verfügt über das nötige Popstar-Image: Björk spielte vor ihren Shows Clips der Schwedin ab, mehrere Künstler*innen sampelten so simpel wie kurzfristig die vielzitierte „How Dare You“-Rede.

Über die Verflechtungen von Populärer Musik und Politik gibt es seit einigen Jahrzehnten zahlreiche Ansätze der Musikwissenschaft: Auch wenn die Affinität der 1970er-Jahre, wo Protestsongs optimistisch ein revolutionäres Veränderungspotenzial attestiert wurde, inzwischen etwas vorsichtigeren Thesen gewichen ist, bleibt gerade die Populäre Musik ein fruchtbarer Seismograph gesellschaftspolitischer Befindlichkeiten. Sie ist in ihrer postmodernen Vielfalt der kulturellen und ästhetischen Praxen vor allem eines: populär. So zeigt sich nicht nur die Musikästhetik gewissermaßen nachfrageorientiert, sondern auch die politische Dimension, welche bei einem Kulturgut unweigerlich immer mitschwingt, hängt an vorherrschenden Wertvorstellungen und dem Zahn der Zeit. Die Logik der Kulturindustrie kann so Seismograph und Katalysator für die Diskursmacht von Protesten sein, wie sie gleichzeitig auch zu der von Adorno vorgeworfenen unerträglichen Waren-Verkitschung realer Missstände verkommt.

Was die Bewegung selbst produziert

Die wohl wichtigste Musik im Kontext von FFF ist die, die die Bewegung selbst produziert. Von Ortsgruppen (sog. OGs), der Arbeitsgruppe Music For Future und auch auf Bundesebene wurde eine Vielzahl eigener Songs veröffentlicht: Projekte kleinerer Ortsgruppen mit regionalen Künstler*innen, wie Save this World der OG Regensburg, „Ich hab Klimastreik“ (als Parodie auf Jan Böhmermanns „Ich hab Polizei“) der OG Erlangen oder „KeinGradWeiter“ der OG Passau. Seit Sommer 2019 kamen professionelle Produktionen, die über die bundesweiten Kanäle gezielt vermarktet und auch in die coronalen Livestreamformate eingebunden werden: Die Cro-Parodie „Klimakreasy“, „Fight Every Crisis“, „Kein Grad Weiter“, und die Eminem-Parodie „Without Us“. Für den ersten rein-digitalen Klimastreik am 24. April 2020 veröffentlichte FFF Deutschland den Song „Fight Every Crisis“. Mit einem breiten Aufgebot von (Internet-)Prominenten wie Eckhart von Hirschausen, DeChangeman, Phil Laude und Lena Meyer-Landrut, sowie der musikalischen Beteiligung von DieLochis, Brass Riot und zahlreichen eher unbekannteren Musiker*innen nutzt das Musikvideo das Potenzial ihrer reichweitenstarken Unterstützer*innen und zeigt gleichzeitig die Diversität und Relevanz der jungen Aktivist*innen. Der Songtext ist mit Zeilen wie „Wir werfen im Treibhaus mit Hoffnung, auch wenn der Kurs gegen Eisberg steht“, „Ihr habt eh keine Wahl, wir sind immer noch da“, „Nach der Krise ist vor der Krise“ oder „Wir bekämpfen jede Krise“ in seiner Entschlossenheit und Selbstaffirmation exemplarisch für FFFs Musik. Gleichzeitig zeigt sich im Vergleich zu früheren Songs ein gewisser Frust und eine daraus resultierende Kampfbereitschaft – die Zeilen gehen mehr auf Konfrontation und drücken trotzigen Durchhaltewillen aus.

Im Dienst der Bewegung

Neben solchen Eigenproduktionen wird vor allem bestehende Musik in den Dienst der Bewegung gestellt und funktionalisiert. FFF hat diverse Playlists für ihre Demos mit traditionsreichen Protestsongs, (unpolitischen) Songs solidarischer Künstler*innen oder humorvollen Beilagen à la „Another Brick in the Wall“ und „Hey, wir wollen die Eisbären sehen“ – auffällig ist aber, dass hier kein Liedgut früherer Umweltbewegungen zu finden ist; Irie Révoltés fetzt nun mal mehr als Alexandras „Mein Freund der Baum“. Die Veröffentlichungen unterstützender Künstler*innen können den Anliegen in erster Linie mehr Raum im öffentlichen Diskurs geben, oder anders herum: sind Indikator und Resultat der gewonnenen Relevanz und Aufmerksamkeit. Bekannte Beispiele sind „Planet“ von Mal Élevé, „Keine Zeit“ von DOTA, Peter Schillings Neuauflage seines Liedes „Die Wüste lebt“, „Hambacher Wald“ von Bodo Wartke oder „Hinüber“ von MINE und Sophie Hunger.

In der medialen Öffentlichkeit wird AnnenMayKantereit-Frontmann Henning May oft als das musikalische Aushängeschild von FFF gesehen, lehnt aber selbst ausdrücklich ab, Musik für die Bewegung zu schreiben. „Hurra die Welt geht unter“ mit K.I.Z. genießt große Popularität bei den Protesten und wird auch von außen viel mit ihnen assoziiert. Jedoch behandelt der Song statt der ökologischen Katastrophe eher einen Systemwechsel aus Kapitalismuskritik. Das Szenario, in dem der Entstehung des Paradieses unter den besungenen Trümmern ein verheerender Atomkrieg zugrunde liegt, steht so ganz im Sinne von Slavoj Žižeks „Es ist einfacher, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus“ und lässt sich nur schwer mit den Zielen von FFF vereinbaren. May distanziert sich selbst davon, „ungewählt Menschen zu repräsentieren“, wie er in einem Interview bei t-online äußert, und tue sich schwer, als Musiker seine Person und seine Kredibilität in den Dienst der Bewegung zu setzen. 

Es gibt viele junge Künstler*innen, die die Bewegung unterstützen, dies jedoch ähnlich losgelöst von ihrem musikalischen Schaffen tun. In sozialen Medien machten Von Wegen Lisbeth, Leoniden, Giant Rooks oder Lena Meyer-Landrut Werbung für globale Klimastreiks – solche Stellungnahmen sind wohl Teil der medialen Dauerpräsenz von Künstler*innen im Stellungskampf der Aufmerksamkeitsökonomie. Durch die – oft unfreiwillige – Konstruktion parasozialer Beziehungen, wird der zentrale Authentizitätsanspruch, mit dem Populäre Musik rezipiert wird, durch eine möglichst glaubhafte, weil vermeintlich nahbare und persönliche, Selbstinszenierung befriedigt. In der permanenten Kommunikation kann ein Nicht-Stellung-Nehmen zu einem populären Thema aus Sicht der Rezipient*innen schnell zum bewussten Schweigen werden, und dadurch zu einer Stellungnahme für sich. #BlackLivesMatter-Anhänger*innen formulierten im Sommer 2020 diesen Vorwurf auf sozialen Medien explizit: „Silence is violence“.

Eine solche Ambivalenz zwischen glaubhaftem politischem Engagement und kulturindustrieller Nachfrageorientierung verdeutlicht der Song „Heat Up“ von Giant Rooks. Die Band spielte den Titel mehrfach bei Demonstrationen und Livestreams. Nach eigener Aussage beim Podcast Tracks & Traces benutzten sie sprachliche Bilder mit Klima- und Umweltbezug, um ausgehend von diesen Doppeldeutigkeiten ein Liebeslied zu schreiben. Ihre Unterstützung für FFF legitimiert den Missbrauch des stilisierten Klimabezugs, gleichzeitig zeigt sich die Verwertung dessen zur politisch harmlosen Ware, die auch aus der globalen Erwärmung, mit Adorno gesprochen, noch „etwas wie Konsumqualitäten heraus presst“. Die Tatsache, dass der Song im vergangenen Winter zum offiziellen Song zum Wintersport der Sportschau wurde, führt den Klimabezug sogar ad absurdum.

Meta-Reaktionen auf den Klimadiskurs

Zuletzt gibt es Songs, die weniger für die Anliegen der Bewegung eintreten, als eine Art Meta-Reaktion auf den neuen Klimadiskurs darstellen. „Greta“ vom Battle-Rapper 4tune, der zum globalen Streiktag im November 2019 erschien, ist gleichzeitig auch eines der wenigen Beispiele, die Deutschrap und klimapolitische Inhalte verbinden. Obwohl das Genre seit Jahren eine zunehmende Rolle in den Charts spielt, und seit seinen Anfangstagen in seiner migrantischen Prägung kaum zu unterschätzenden politischen Gehalt in sich trägt, bleibt der Klimadiskurs hier weitgehend außen vor. Phänomene wie die aktivistische Lazy Lizzard Gang oder klare öffentliche Positionierungen bleiben eher die Randerscheinung. Wenn Jack Orsen & Kool Savas in ihrer Single „Klimawandel“ Greta Thunbergs „How Dare you?“ samplen, dient sie nur als Zeitgeist-bewusste Metapher: Die beiden wollen das Klima des Deutschrap ändern, in dem sie alle anderen Rapper verbrennen „bis die Polkappen schmelzen“. 4tune greift dagegen in „Greta“ mit Battle-typischer Attitüde prominente Diffamierungen und Verschwörungen rund um Thunberg und FFF auf. Misogyne und ableistische Elemente werden im Text als genretypische Stilmittel auf den Wortlaut von Facebook-Hetze übertragen. Erst in der zweiten Songhälfte wird der aggressive Ton als Mittel zum Zweck aufgelöst, um Hörer*innen zu erreichen, die dem Hass zustimmen, und die vergiftete Diskussion thematisiert. Solche Meta-Kommentare sind auch Kettcars „Natürlich für Alle“, das die (Ohn-)Macht der individuellen Konsumverantwortung dialektisch in die musikalische Selbstzerstörung jagt, und „Fridays for Future“ der Ravepunk-Band Alles.Scheisze, das die ambivalente Beziehung der radikalen Linken zu den vergleichsweise gemäßigten FFF-Demos verhandelt. 

Auch wenn sich, vielleicht auch zum Glück, bisher keine „Klimahymne“ durchgesetzt hat, hat FFF die Populäre Musik ebenso geprägt wie den politischen Diskurs. Bisher lässt sich allerdings nur schwer vorhersehen, ob es sich hier nur um ein kurzzeitiges Musikphänomen oder eine nachhaltige Entwicklung handelt. Aber angesichts der unzureichenden Klimapläne aller Wahlprogramme und der gleichzeitig unausweichlichen Zuspitzung der Krise scheint eine Verschärfung der Emotionen und Radikalisierung alles andere als abwegig – und so auch die weitere Evolution der Klimasongs.

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