Nachhallende Schreie

Zum Tode des spanischen Komponisten Cristóbal Halffter


(nmz) -
Das zwanzigste Jahrhundert war nicht zuletzt auch das der großen Diktatoren und der in ihrem Namen begangenen ungeheuerlichen Verbrechen, allen voran Hitler und Stalin. Mit dem Tod der Tyrannen wurde auch deren Regime Geschichte, ebenso das des „Duce“ Mussolini. Was neorechte Aktivitäten leider keineswegs ausschloss.
Ein Artikel von Gerhard R. Koch

Ein vierter Totalitarismus indes lastete weniger gravierend auf Europa, vielleicht oder sogar gerade, weil die Vorherrschaft von Francos spanischer Falange fast vier Jahrzehnte, bis zum Tode des „Caudillo“ 1975, währte. Dass sie weniger horrorhaft in Erinnerung blieb, hatte zwei Gründe: Am Holocaust war Franco nicht beteiligt: Weil es nach der Reconquista ohnehin kaum noch iberische Juden gab. Außerdem hatte sich Spanien aus dem Zweiten Weltkrieg herausgehalten. Abgesehen davon war der Franco-Terror während des Bürgerkriegs grausig genug. Darüber hinaus taten sich selbst aufrichtige Anti-Faschisten schwer damit, die brutalen „Säuberungen“ stalinistischer Kommissare beim Namen zu nennen.

Reiste man ab Mitte der siebziger Jahre durch Spanien, so fiel zunehmend auf, dass die „guardia civil“ weniger dominierte, auch dass immer mehr Frauen auf der Straße, in Restaurants oder am Steuer waren. Der Liberalisierungs-Schub jedenfalls war ­enorm. Doch manche Wunden blieben, ebenso die Reminiszenzen ans blutbefleckte Prinzip „por dio e patria“. Zumal viele Künstler und Intellektuelle von Francos Schergen umgebracht wurden, und diejenigen, die ins Exil mussten, spanischen Boden vorsichtshalber nicht mehr betraten. Die berühmtesten waren Pablo Picasso und Luis Bunuel. Andere wiederum machten aus ihrer Opposition gegen das Franco-Regime keinen Hehl, suchten trotzdem, sich auftuende Freiräume zu nutzen, für eine neue Kunst und eine offenere Gesellschaft.

Spaniens wichtigster Komponist war Cristóbal Halffter, der es verstand, den Restriktionen des Regimes zu entgehen, ohne gleich in Acht und Bann getan zu werden. Mit fast Schwejkscher Subversions-List bekannte er: Seine Werke waren nicht verboten, sie waren nur nicht erlaubt. Und mit dem befreundeten Politiker Javier Solana schrieb er allen Ernstes an Franco: Alle Waffen könne er behalten. Nur die Munition sei von der Opposition zu bewilligen! Die Antwort freilich blieb der „Caudillo“ schuldig.

Halffter, 1930 in Madrid geboren, gelang es trotz des reaktionär erstarrten Kultur-Systems mit fadem Klassizismus und obligater Postkarten-Folklore den Anschluss an die westeuropäische Avantgarde zu finden, Atonalität, Dodekaphonie, Serialismus und Klangflächen wie -schichtungen zu entdecken. Und obwohl ihm bewusst war, dass traditionalistische Rückversicherungen nicht die Lösung brachten, hielt er sich von Dogmen ebenso fern, wie er den Verlockungen des Regimes widerstand. Seinen eigenen Weg nannte er „latinizar el serialismo“. Zur Vielgestaltigkeit der Mittel gehörte die Einbeziehung sowohl von Text und Stimme als auch von Elektronik.

Es war alles andere als Zufall, dass sich ab 1975 nicht nur in Frankreich und Italien, sondern auch in Spanien der „Eurokommunismus“ etablierte –als „menschlicher“ Sozialismus, fern der Moskauer Orthodoxie. Halffter verstand sich denn auch als politisch engagierter Künstler, doch ohne Agitprop-Plakativität. Epitaph und Protest schlossen sich keineswegs aus. Gleichwohl hielt er auf ästhetische Distanz, was der Intensität seiner Werke zugutekam: im Sinne aufbegehrenden Appells wider die Macht wie stringenter Struktur. Von solch kompositorisch verbindlichem Memento zeugten programmatisch überaus gewichtige Werke, die gleichermaßen das noch bestehende repressive Franco-System reflektierten und sein mehr oder minder allmähliches Verblassen thematisierten: „Planto por las victimas de la violencia“ (1971), „Requiem por la libertad imaginada“(1971), „Elegias a la muerte de tres poetas espanolas“ (1975) und „Variaciones  sobre la resonancia de un grito“ (1977). Halffter wurde international zur künstlerisch kritisch-mahnenden Stimme Spaniens, parallel zu dem Filmregisseur Carlos Saura. Und ähnlich wie dieser agierte er entspannter, weniger rigide in der Absage an hispanische Traditionen.

So war es kein Zufall, dass er seit den siebziger Jahren eine „Don Quijote“-Oper plante. Dies aber nicht als pittoresker Bilderbogen voller Klischees –wie er sie im Madrider Cervantes-Denkmal mit dem hageren Don und dem pummeligen Sancho Pansa allzu plakativ verkörpert sah. Ihm ging es um die innere Figur, den Mythos als Transformation: das Drama als Hybrid-Ausgeburt von Literatur, in dem er auch sich selbst erkannte, zerrissen zwischen humaner Utopie und brutaler Unterdrückung. Die Uraufführung 2002 im Madrider Teatro Real wurde zum bewegenden Memento, auch in der ingeniösen Inszenierung Herbert Wernickes. Die Zweitaufführung in Kiel 2006 bestätigte nachhaltig den Eindruck. Am 23. Mai ist Halffter mit 91 Jahren im nordspanischen Ponferrada gestorben.

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