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Alle Artikel kategorisiert unter »Gerhard R. Koch«

Idyllen, Inferno und mancherlei Rätselhaftes

03.11.17 (Gerhard R. Koch) -
„Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos“ – in diesem schönen frühen Film (1968) Alexander Kluges, dessen Kino-Kunst leider kaum mehr sonderlich präsent ist, will die Zirkus-Erbin Leni Peikert mit ihrem „Reform“-Unternehmen, inklusive Elefanten auf dem Hochseil, übers „Gebirge“ ziehen, um das Genre authentisch zu erhalten: „Menschen, Tiere, Sensationen“ zu höherem, lauterem Zweck präsentieren. Doch die ganz große Utopie misslingt, es bleiben die kleinen Schritte auf dem langen Marsch durch die Institutionen.

Stiller Aufrührer und Vaterfigur

29.08.17 (Gerhard R. Koch) -
Das Image des Streichquartetts ist seit jeher gespalten. War es als Diskurs gleichberechtigter „Vernünftiger“ zunächst ein aufklärerisch-demokratisches Modell intensiver musikalischer Kommunikation, so wurde das Genre später zum Inbegriff kammermusikalischer Intimität, ja, zumal in Deutschland, bildungsbürgerlich elitärer Kunst-Erhabenheit. Wer bevorzugt Quartett spielte oder hörte, setzte sich ab von der „Masse“ derer, die es lieber mit zirzensischer Virtuosität, spätromantischem Orchester-Schwall und opulent-kulinarischem Opern-Applomb hielten. Bei Kammermusik-Abenden traf man denn auch in der Regel auf ein eher älteres, gewiss kenntnisreiches, aber auch konservativ abgeschottetes Publikum. Gleichzeitig war das Quartett aber auch die Experimentier-Kammer der Komponisten – von Beethoven über Bartók und die Wiener Schule bis zu Ligeti, Nono, Lachenmann und Ferneyhough.

Sympathisant und Protagonist des Neuen

29.08.17 (Gerhard R. Koch) -
Ein giftiges Bonmot lautete: Kunst-(also auch Musik-)Wissenschaft, hieße so, weil sie weder mit Kunst noch Wissenschaft zu tun habe. Ähnliches ließe sich von manchen Kulturpolitikern sagen, denen es sowohl an ästhetischer Empathie gebricht, als auch an Macht, sprich Geld. Ähnlich löst das Wort „Kulturmanager“ widerstrebende Gefühle aus, lässt es doch an Technokraten denken, denen es mehr um das Wie des administrativen Procedere geht als um das Was der Kunst. Institution, Organisation, Finanzierung, Legitimierung von Nicht-Profitablem oder aber Nicht-„sozial Relevantem“ sind deren Hauptprobleme. Sie zu ignorieren, ist nicht ratsam, will man innerhalb des bestehenden „juste milieu-Systems bestehen.

Am Lichte hängt doch alles

30.06.17 (Gerhard R. Koch) -
Dass wir im „optischen Zeitalter“ leben, ist zunächst eine Banalität. Natürlich waren auch die gotischen Kathedralen Licht-Kunstwerke, und die Barock-Kunst stand im Zeichen der Illusion. Aber erst die Elektrizität hat die allumfassende Beleuchtung ermöglicht – in Alltag, Reklame und Film. Entsprechend schrumpfen schon die Räume, in denen es nachts völlig dunkel wird. Ja mehr noch: Wirklichkeitserfahrung verlagert sich für nicht wenige auf‘s Virtuelle des Displays. Wohin also mit ästhetischen Visionen?

Rückzug ins neunzehnte Jahrhundert 

09.06.17 (Gerhard R. Koch) -
Vor dem Hintergrund einer durch innenministeriale Wortmeldungen einmal mehr angefachten Diskussion um eine so genannte „deutsche Leitkultur“ lohnt es sich, auch einen genaueren Blick auf Tendenzen der Geisteswissenschaften zu richten. Deren Prominenz, so die These unseres Autors Gerhard R. Koch hängt einem immer engeren National-Kultur-Ideal nach.

Eine fatal weitreichende Affäre

07.03.17 (Gerhard R. Koch) -
Kaum ein Name hat sich so paradox ausgewirkt, wie der, den Richard Wagner für seine Bayreuther Villa erkor: „Hier wo mein Wähnen Frieden fand – Wahnfried – sei dieses Haus von mir benannt.“ Es mag sein, dass der ruhelose verfolgte Revolutionär, unbeirrbare Komponist und Schriftsteller hier tatsächlich endlich seinen „sicheren Port“ erreicht zu haben glaubte. Doch ausgerechnet dieser als Ruhepunkt beschworene Ort mutierte ins Gegenteil, wurde zum Sammelbecken von Wahnvorstellungen skurril-schrecklichster Art: Rasse, Volk, überlegene weiße, sprich germanische Kultur, Lebensborn, das „Gesamtkunstwerk“ als Religionsersatz addierten sich zum braunen Gebräu für alle möglichen Chauvinisten und Antisemiten, die da meinten, wer von diesem koste, der würde zum unbesiegbaren Helden – wie Obelix nach dem übermäßigen Genuss des Zaubertranks von Miraculix. Nur, dass dies auf das kleine Gallier-Dorf beschränkt blieb. Während von Bayreuth aus der Größenwahn befeuert wurde, der in NS-Staat und Zweiten Weltkrieg führte.

Körper-Krassheit und Gedächtnis-Sondermüll

28.10.16 (Gerhard R. Koch) -
Am mythischen Anfang der Musik stehen polare Figuren für Verklärung und Grauen: der verklärend-entrückte Sänger Orpheus und der Satyr Marsyas – der sich erdreistete, Apoll zum Wettgesang aufzufordern, und schmählich unterliegen musste. Doch der Strahlegott war kein großmütiger Sieger, sondern ließ dem Frevler zur Strafe bei lebendigem Leib das Fell über die Ohren ziehen. Die „hässliche“ Stimme des Halbmenschen und der Schmerzensschrei des Geschundenen sind gleichsam die Kehrseite, der Abgrund aller „orphischen“ Erhabenheit: Elementar-Symp­tome einer in mehrfacher Hinsicht wahrhaft kruden Ästhetik. Doch der Apoll-Marsyas-Mythos ist auch Urbild musikalischer Wettbewerbe: Wer sich dabei bewirbt, riskiert Versagen, Niederlage, Ausscheiden. Zwar geht es nicht gleich um Kopf und Kragen, aber der Misserfolg kann schon schmerzen, auf jeden Fall die Karriere vermasseln.

Der Solitär und seine Gegenwelten

02.02.16 (Gerhard R. Koch) -
„cresc ...“ ist der Titel eines Festivals Neuer Musik, das 2011 in Frankfurt lanciert worden ist, und der durchaus Heterogenes assoziieren lässt. Denn schon der Begriff des crescendo signalisiert Mehrdeutiges: nicht nur das Anwachsen der Dynamik, sondern auch generell die Steigerung über das Gewohnte hinaus – ganz gewiss nicht im Sinne des „Deutschland!“-Rufers in der Wüstenei der nationalvergessenen Moderne, Botho Strauß, und seines „anschwellenden Bockgesangs“. Crescendieren kann aber auch in und über die Extreme, also auch Grenzen, führen, sie sprengen. Doch der Anfang des italienischen Terminus läßt sich in angelsächsischer Phonetik auch als „crash“ interpretieren, als Zusammenprall, Einstürzen, abrupte Konfrontation von Gegensätzen. Zudem spricht man von „Crash“-Kursen, etwa zum komprimierten Erlernen von Sprachen.

Von der Furie des Verschwindens

02.11.15 (Gerhard R. Koch) -
„Abschied“, das jüngste Buch von Peter Gülke, thematisiert zweierlei: den Verlust eines geliebten Menschen und den „Abgesang“, das formale wie emotionale Schließen von Musik. Und wenn schon Schubert bekundete, er kenne keine „fröhliche“ Musik, so kann man nicht eben weniger bedeutender „ernster“ Musik einen mehr oder weniger ausgeprägten Requiem-Charakter zuschreiben: Sie gedenkt eines Dahingegangenen (nicht nur Individuums), sondern erhebt auch die Hoffnung, dass nicht alles ein für allemal im Orkus verschwunden sei. Nun sind die Donaueschinger Musiktage nicht gerade das Jahres-Meeting der metaphysischen Trostes bedürftigen abendländelnden Wertekonservativen: Moderne und Avantgarde gelten schließlich nicht unbedingt als Refugien religiöser Sinnstiftung. Trotzdem ergab sich in mehrfacher Weise eine Art Memento-Stimmung.

Rätselcharakter, Gag und Galgenhumor

31.10.14 (Gerhard R. Koch) -
„Drohende Gefahr, Angst, Katastrophe“. Die Untertitel zu Schönbergs „Begleitmusik zu einer Lichtspielszene“ (1930) haben darüber spekulieren lassen, an welchen Stummfilm, ja ob er überhaupt an eine konkrete Vorlage gedacht habe – oder nicht vielmehr an eine ahnungsvolle Horror-Vision kommenden Unheils, analog zu Siegfried Kracauers Buch „Von Caligari zu Hitler“. Drei Filmversionen haben, höchst unterschiedlich, die tönende Beunruhigung beklemmend bebildert, doch die vierte verlegte sich auf die Burleske: Ausgerechnet der „Seher“ Klaus Michael Grüber hat in Brüssel Schönbergs Werk mit einem Kino-Klassiker kombiniert.
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