Nachrichten 2011/06


(nmz) -
„Mikrotonalität. Praxis & Utopie“ – internationaler Kongress an der Stuttgarter Musikhochschule – Mahler Contemporary – Neuer Hauptsponsor für Chor- und Orchesterwettbewerb – 30 Jahre Forschungsarbeit in Gefahr – Der Deutsche Musikrat sagt kurzfristig seine Präsidiumssitzung ab – Klaus Zehelein als Präsident des Bühnenvereins wiedergewählt – Musikverbände warnen vor Folgen der Schulzeitverkürzung
Ein Artikel von nmz-red

Utopische Fragestellungen an die Tonsysteme
„Mikrotonalität. Praxis & Utopie“ – internationaler Kongress an der Stuttgarter Musikhochschule

Von 15. bis 18. Juni 2011 findet an der Stuttgarter Musikhochschule der internationale Kongress „Mikrotonalität. Praxis & Utopie“ statt. Er wird flankiert von Ausstellungen seltener Instrumente (zum Beispiel das Carrillo-Mikrotonklavier), von der Konzert­reihe „Zwischen den Tönen“ sowie von Masterclasses und Workshops zur praktischen Anwendung. Angelpunkt des Kongresses ist eine imaginäre Verbindung der vieltönigen Avantgarde um 1600 mit den kompositorischen Fragestellungen der heutigen Zeit. Forschung, Musiktheorie, Instrumentenbau und Ästhetik standen damals wie heute im Zeichen einer Erneuerung und Erweiterung – Experimente und utopische Fragestellungen wurden damals und heute praktisch erprobt. Am Beispiel der arabischen Musikkultur werden auch außereuropäische Einflüsse vorgestellt – mittels der Musik von ­Ehrengast Klaus Huber. Im Kongress werden aktuelle kompositorische und künstlerische Innovationen diskutiert und in einen übergreifenden Kontext von Theorie und Geschichte gestellt. In den Konzerten kommen Werke in temperierten, mitteltönigen, pythagoreischen und reinen Stimmungen zur Aufführung. Kooperationspartner sind die Huygens-Fokker-Stiftung Amsterdam sowie das Elektronische Studio der Musikakademie Basel.

Folgende Werke werden im Rahmen des Kongresses uraufgeführt:
16. Juni 2011: Caspar Johannes Walter: kommunizierende Mehrklänge für Klarinette, Cello und Klavier; Rafael Nassif: floresta anônima für 6 Oboen und 6 Fagotte; Marina Khorkova: Beschwörung durch Lachen für Stimme, Monochord, präpariertes Klavier und Cembalo
17. Juni 2011: Vegard Fægri: tiltrek­ning (og landskap) / attraction (and landscape) für Flöte, Klarinette, Posaune, 2 Schlagzeuger, Viola und Kontrabass; Caspar Johannes Walter: Studie zu harmonischen Illusionen für Geige, Cello und 24-töniges Cembalo in pythagoreischer Stimmung; Günay Mirzayeva: Mugham Impulses für Violoncello, Gitarre und Cembalo in erweiterter pythagoreischer Stimmung
Koka Nikoladze: Poezdéplaement – differentzeitmaßcope für Violine, Violoncello und Cembalo in erweiterter pythagoreischer Stimmung
18. Juni 2011: Malte Giesen: 7th litany for Heliogabulus für Flöte, Klarinette, Baritonsaxophon, Fagott, Schlagzeug, Klavier und Streicher; N. Andrew Walsh: Etude7 – Erweitertes Perfektes System für Adapted Viola und Vokalensemble

Informationen, Klangbeispiele und Anmeldung unter: www.mh-stuttgart.de/mikroton

Mahler Contemporary

Das Jubiläumsprogramm „25 Jahre Musikforum Viktring Klagenfurt“ präsentiert sich mit Konzerten und einer breit gefächerten Palette von Meisterkursen und Workshops in den Bereichen klassische Musik, Jazz, Improvisation, Komposition, Videokunst und Aufnahmetechnik.

„Mahler Contemporary 2011“ ist eine konsequente Fortsetzung des im letzten Jahr anlässlich des 150. Geburtstags von Gustav Mahler durchgeführten gleichnamigen Festivals und findet auch 2011 im Rahmen des Musikforum im Stift Viktring bei Klagenfurt und am Mahler Komponierhäuschen in Maiernigg statt. Es wird mit einem Konzert des Uri Caine Ensembles mit „Mahler in Progress“ am 9. Juli   eröffnet.

Das Festivalprogramm anlässlich des 100. Todestages von Gustav Mahler am 18.Mai 1911 präsentiert zahlreiche Uraufführungen und mehr als 40 Künstler/-innen aus 6 Nationen.

Sonderpreis ausgelobt
Neuer Hauptsponsor für Chor- und Orchesterwettbewerb

Die Volksbanken und Raiffeisenbanken und der Deutsche Musikrat haben eine umfangreiche Kooperation vereinbart: Zukünftig unterstützen die Volksbanken und Raiffeisenbanken den Deutschen Chorwettbewerb und den Deutschen Orches­terwettbewerb als Hauptsponsor. Die beiden Wettbewerbe bieten Laienchören und -orchestern verschiedener Besetzungen und Stilrichtungen Möglichkeiten des Leistungsvergleichs, des Austauschs und der Begegnung. Im Wechsel alle zwei Jahre finden sie an jeweils unterschiedlichen Orten im Bundesgebiet statt.

Einziger regelmäßiger Förderer war bislang der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien. Im Beisein des Staatsministers Bernd Neumann unterzeichneten der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR), Uwe Fröhlich, und der Präsident des Deutschen Musikrates, Martin Maria Krüger, den Koopera­tionsvertrag im Bundeskanzleramt.

„Das Musizieren in den Chor- und Instrumentalvereinen ist eine der größten gesellschaftlichen Bewegungen in Deutschland“, sagte Bernd Neumann, Staatsminister und Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Die Volksbanken und Raiffeisenbanken werden die beiden Wettbewerbe nicht nur namentlich sondern jeweils auch mit der Auslobung eines Sonderpreises unterstützen.

Austragungsort für den Deutschen Orchesterwettbewerb 2012 ist vom 12. bis 20. Mai 2012 die Stadt Hildesheim. Der nächste Deutsche Chorwettbewerb findet im Jahr 2014 statt.

30 Jahre Forschungsarbeit in Gefahr

Seit einigen Jahren geben zwei Musikwissenschaftler der Universität Hamburg, Claudia Maurer Zenck und Peter Petersen, das Online-Lexikon „Verfolgte Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit“ heraus (www.lexm.uni-hamburg.de). Das Lexikon-Projekt geht von rund 10.000 Personen aus, wobei es nicht nur die heute noch Berühmten meint. Die Autoren beschränken sich nicht auf diejenigen, die das „Dritte Reich“ überlebten, wie auch immer, sondern nahmen auch die Verschollenen und Ermordeten mit auf – insofern geht es über ein Exil-Lexikon deutlich hinaus und orientiert sich am Kriterium der Verfolgung.

Es ist ein biographisches Lexikon, basierend auf einem reichen Quellen- und Literaturbestand – allein die Bibliographie umfasst inzwischen rund 1.000 Seiten. Die Artikel sind, wie man sich schnell überzeugen kann, von höchster Qualität und von ausgewiesenen Sachkennern verfasst. Nun aber ist dieses Unternehmen im Kern gefährdet, da noch etwa vier Jahre zur Abrundung fehlen.

Zwar sind die Sachmittel für weitere zwei Jahre gesichert, aber die (recht bescheidenen) Personalkosten können seit Anfang 2011 nicht mehr finanziert werden.

Es besteht die konkrete Gefahr, dass dieses so qualitätvolle wie unbedingt notwendige Unternehmen, das der Öffentlichkeit, weit über die Forschungsinteressierten hinaus, kostenlos zur Verfügung steht und hinter dem dreißig Jahre Forschungsarbeit und sechs Jahre Realisierungsaufwand stecken, ein Torso bleibt – das wäre nichts anderes als ein Brockhaus, der mit „Strauß, Johann“ endet und nicht mehr zu „Strauss, Richard“ kommt; also eine klägliche Bauruine.  [Jens Malte Fischer]

Unkalkulierbare Zeiträume, schwindende Motivation?
Der Deutsche Musikrat sagt kurzfristig seine Präsidiumssitzung ab

Die für Freitag, 27. Mai 2011, angesetzte Präsidiumssitzung des Deutschen Musikrates in Berlin ist ausgefallen. „Diese Entscheidung war notwendig“ – so verlautete es in der kurzfristigen Absage-Erklärung – „da die Beschlussfähigkeit des Präsi­diums nicht durchgängig gegeben sein wird und die Zeiträume einer möglichen Beschlussfähigkeit (dazu müssen mindestens zehn Präsidiumsmitglieder anwesend sein) aufgrund der bis gestern eingegangenen Rückmeldungen nicht kalkulierbar sind und in jedem Fall sehr schmal ausfallen würden.“

Es handelt sich um den ersten „Komplettausfall“ seit vielen Jahren. Auch eine kürzlich abgehaltene Gesellschafter-Versammlung der Musik­rats-gGmbH (sie ist personell identisch mit dem 19-köpfigen Präsidium) – wurde nur von fünf Teilnehmern wahrgenommen. Eine solche Entwicklung, die bei anderen zivilgesellschaftlichen E.V.s. sicherlich einen erheblichen Diskussionsbedarf auslösen würde, wirft die Frage auf, ob sich im Kreis des Musikratspräsidiums ein gewisses Desinteresse an der Arbeit des Verbandes ausbreitet. Schwindet die Motivation in diesem Gremium? Und wenn ja, warum?

Die nächste Präsidiumssitzung des DMR ist voraussichtlich erst im September angesetzt, wobei es angesichts eines gerade verlorenen Prozesses und des Verlustes einer beträchtlichen Erbschaft (nmz 3, 4 und 5/2011) deutlichen Gesprächsbedarf gegeben hätte, wie aus Präsidiumskreisen verlautete.

Der Gesellschaft den Spiegel vorhalten
Klaus Zehelein als Präsident des Bühnenvereins wiedergewählt – ARD und ZDF im Fokus

Die Orchester und Bühnen in Deutschland streben eine engere Partnerschaft mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk an. ARD und ZDF müssten sich wieder mehr an ­ihrer Tradition von Bildung und Aufklärung orientieren. Die Künstler könnten ein solches Programm im Sinne des Publikums mit Leben erfüllen, formulierte der Deutsche ­Bühnenverein (DBV) in seiner in Erfurt verabschiedeten Resolution.

Gemeinsames Ziel von ­Orchestern, Theatern und Rundfunk ­müsse es sein, Zuschauer an Kunst und ­Kultur und an die Reichhaltigkeit des ­kulturellen Lebens in Deutschland heranzuführen. In der Resolution heißt es unter anderem: „ARD und ZDF müssen sich mit ihrer Tradition von Bildung und Aufklärung an diesem Maßstab orientieren, um im Wettbewerb mit anderen das ­Interesse der verschiedenen Zuschauer und Zuhörer für sich zu gewinnen. Dafür brauchen sie eine Kultur, gleichgültig ob es um diese selbst, um Informa­tion oder um Unterhaltung geht, und mehr Esprit, mehr Kreativität, mehr Phantasie. Hier sind die Künste, die Literatur und die ­Musik ein selbstverständlicher Partner.“

Der Präsident des Bühnenvereins, Klaus Zehelein, sagte am Rande der Jahreshauptversammlung des DBV am Samstag in Erfurt, die öffentlich-rechtlichen Medien dürften ihren Auftrag nicht aus den Augen verlieren. Kunst und Kultur müssten „jenseits von Einschaltquoten“ in die Programme einbezogen werden. Gemeinsam müssten auch neue und zeitgemäße Internetformate entwickelt werden.

„Die Aufgabe der Theater, der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten, ist heute so wichtig wie nie“, sagte Zehelein. Die Künstler seien dabei gefordert, geeignete Stoffe und Darstellungen in die Partnerschaft einzubringen.

ARD und ZDF müssten im Gegenzug neue Formate schaffen und sich auch auf Experimente einlassen, forderte der Bühnenverein. Nicht zuletzt sei auch die Rundfunkgebühr Verpflichtung für eine neue Offenheit und Programmvielfalt, ­argumentierte der Bühnenverein.

Zehelein war in Erfurt mit deutlicher Mehrheit als Präsident des Bühnenvereins wiedergewählt worden.

Ensemblearbeit gefährdet
Musikverbände warnen vor Folgen der Schulzeitverkürzung

Die Verbände der Musikpädagogen an allgemein bildenden Schulen, der Musikschulen, Jugendorchester, Berufsorchester und -chöre sehen die musikalische Bildungsarbeit von Jugendensembles in Deutschland akut gefährdet. Sie fordern alle Landesregierungen sowie die Kultusminis-terkonferenz auf, dieser akuten Gefährdung eines zentralen Bereichs der musikalischen Infrastruktur in Deutschland entschieden entgegenzuwirken. In einer gemeinsamen Erklärung anlässlich der 16. Bundesbegegnung „Schulen musizieren“ vom 26. bis 29. Mai in Bremen heißt es unter anderem: „Der schulische Zeit- und Leistungsdruck auf die Jugendlichen hat in der jüngsten Vergangenheit so zugenommen, dass deren verfügbares Zeitkontingent am Nachmittag immer geringer wird. (…) Diese negativen Erscheinungen setzen sich in der Ensemblearbeit der Musikschulen und bei den Jugendorchestern fort. Langfristig werden sie sich auch auf das Laienmusizieren sowie den professionellen Chor- und Orchesternachwuchs in Deutschland auswirken.“

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