Nachschub

Grenz-Überschreitungen


(nmz) -

Oft ist dort, wo man selbst ist, das Elend, und dort, wo die anderen sind, das Glück. Dazwischen liegt dann eine Grenze, die unüberschreitbar scheint. Diese Grenze, die trennt, was nicht zusammen gehört, und die Differenz der Lebenschancen bringen beides hervor: heftige Träume und Sehnsüchte, aber auch Wut, Hass, Aggression.

Ein Artikel von Helmut Hein

Die Mexikaner hatten das gelobte Land stets vor Augen. Es war unerreichbar. Und wenn sie es doch schafften, die Grenze zum Glück zu überschreiten, dann waren sie Vertriebene im Paradies, Exilés einer Existenz, die sie sich so sehr wünschten, dass sie ihre Schatten gar nicht mehr wahrnahmen, eine billige Beute für alle, die sie brauchen konnten. Alejandro Escovedo, in den 70ern als Punk und Mitglied einer Sex Pistols-Warm up-Band einer der 15-Minuten-Heroen, die es im Dutzend gab, später in den 80ern dann in Prä-Grunge-Bands wie „Rank&File“ und den „True Believers“ eine Nischen-Berühmtheit, schrieb in den 90ern in radikal eigener Sache Songs von einer Schärfe und natürlich auch Wehmut, die ihn für die Indie-Bibel „New Depression“ zum Songwriter der Dekade machten.

Escovedo gehört zu einem Clan, der aus dem Nichts kam. Sein Vater überschritt mit zwölf die Grenze, führte ein Masken- und Doppelleben, war so untreu und promisk, wie es vielleicht nur Verzweifelte sein können und versuchte, die zwei Familien, die er gegründet hatte, voreinander geheim zu halten. So ein diffuses und haltloses, auch glitschiges und sumpfiges Terrain ist der ideale Nährboden für Kunst oder vielleicht noch besser: für Showbusiness und Schauspielerei. Ein Bruder arbeitete für Carlos Santana, Schwester Sheila E. war eine Zeitlang die bella figura-Schlagzeugerin des Superstars Prince, Alejandro selbst hatte eine Menge Bilder im Kopf und wollte eigentlich Filme machen, die hochexplosive Mythen-Maschinerie der Moderne zog ihn an. Sein Kino schrumpfte aber rasch, wurde schließlich zum Drei- oder Vier-Minuten-Song, in dem sich alles sagen und zeigen ließ. Erst jetzt, sehr spät und immer noch „by the hand of a father“ (so der Titel) kehrt er zur großen Geschichte zurück, zu einer Art Theaterstück oder Krypto-Musical, das aber mit dem fernen Einschüchterungs-Idol Sondheim nichts zu tun hat. Mit „Short cuts“ präsentiert Alejandro Escovedo, einen weitgehend autobiografischen Song-Reigen, bei dem es um Verluste und Versäumnisse geht und, konkreter, um die Hassliebe auf den Latino-Übervater, der seine Schwäche in der Fremde den Nächsten gegenüber in einer Macho-Rüstung verbarg. Der Sohn sprengt den Muskelpanzer und die Charaktermaske gleich dazu, schießt aber vielleicht ein wenig übers Ziel hinaus, wenn er als alleinerziehender Vater und polygamer Hallodri partout auch noch die Mutter in sich entdecken möchte, als gebe sie erst dem Mann, der er in den Augen seines Vaters nie so recht war, Halt, Stärke und, paradoxerweise, eine klare Kontur. Ein wunderbarer Zyklus, sehr reduziert (fast nur Gitarre und Stimme!) und doch sehr weit, grenzüberschreitend und zeitlos.

Der „Latino“ Alejandro Escovedo klingt uramerikanisch. Dafür haben Joey Burns und John Convertino ihr Claim äußerst erfolgreich in Tex-Mex-County abgesteckt und, jedenfalls was den kommerziellen Erfolg angeht, ihren Proteus-Chef Howe Gelb, der alles war und sein wollte, Indianer und böhmischer Jude und Überschwemmungsopfer, der aber vor allem Mastermind der vielleicht wichtigsten Band diesseits des Mainstreams war, „Giant Sand“ nämlich, längst übertroffen. Das überrascht; genauso wie der Weg, den die beiden gegangen sind. Sie haben nämlich zunächst den verspielten, manchmal fragmentarischen, jäh abbrechenden, sehr oft aber, gerade auch live, mäandernd sich fortzeugenden Howe Gelb-Sound, der immer beides war, voller Pathos und voller Ironie, konsequent auf ihr Metier abgespeckt: das einer hochkompetenten Rhythmus-Sektion, irgendwo zwischen den Instrumentals der späten 50er- und frühen 60er-Jahre und einem auf Pilz-Konsum verweisenden Dub-Labyrinth-Universum. „Calexico“ war staubig und psychedelisch, texmex-„strange“ und dabei so vertraut, so sehr, im besten Sinn, flach, reine Oberfläche, dass man sich nicht anstrengen und auch nicht fürchten musste, einer der bösen Howe Gelb-Fallen auf den Leim zu gehen. Jetzt, auf dem gefeierten „Feast of Wire“-Album (bei City Slang) gibt es für Burns/Convertino-Verhältnisse fast schon einen raffiniert post-spector’schen „wall of sound“, komplexe Arrangements, die aus der Wüste der Tex-Mex-Mythen herausführen und Pop, Soul und so weiter, all das, was man bei „Calexico“ nie erwartet hätte, nicht scheuen. Beim ersten Anhören: Verblüffung, vielleicht sogar eine nah an Enttäuschung heranreichende Irritation, dann aber, bei wiederholtem Hören, Süchtigkeit; ein Junkietum, das sich Grenzüberschreitungen verdankt; einer Neulanderoberung, die das, was war, nicht löscht, sondern voraussetzt.

Grenzen und Geheimnisse, das ist im Lande Pop fast eins. Die simple räumliche oder zeitliche Ferne erzeugt Mythen. Unübersehbar ist das bei den wichtigsten Pop-Exporten made in Island, Björk und Sigur Ros. Beide tun so, als sei die Edda eine Art Songbook, beide sind, bei Bedarf, feen- oder rüpelhaft archaisch. Grenzüberschreitung ist bei ihnen nicht eine späte Notwendigkeit, sondern Karriere- und Identitäts-Design auf höchstem Niveau. Björk arbeitet für Madonna und mit Lars von Trier. Und Sigur Ros träumen vermutlich von einer welterobernden „neverending tour“ Dylan’schen Ausmaßes. Bei ihren jüngsten Konzerten konnte man feststellen, dass „Überschreitung“ ein Ticket ist, das mitten ins eigene Innere führt. Es gibt anscheinend einen Ort, wo die beiden Transzendenzen, die der Ferne und die der Nähe, ineinander rutschen.

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