Natur und Artefakt

Neue CDs neuer Musik, vorgestellt von Dirk Wieschollek


(nmz) -
Adriana Hölszkys „WeltenEnden“ +++ Annesley Black, 2019 Siemens-Förderpreisträgerin, zählt momentan zu den konzeptionell experimentierfreudigsten Komponistinnen +++ Wenn Peter Ablinger und Erik Drescher zusammentreffen, kommt das in der Regel klanglicher Grundlagenforschung gleich
Ein Artikel von Dirk Wieschollek

Annesley Black, 2019 Siemens-Förderpreisträgerin, zählt momentan zu den konzeptionell experimentierfreudigsten Komponistinnen. Die klangliche Unvorhersehbarkeit und stilis­tische Inkongruenz ihrer Stücke nehmen auf Konventionen eingeschliffener „Klang-Kulinarik“ keinerlei Rücksicht. Oft gleichen ihre Transformationen außermusikalischer Strukturphänomene Laborsituationen mit ganz überraschenden Begegnungen des Disparaten. Dem „Unperfekten“ als Katalysator klanglicher Ereignisse huldigt Black schon im Titel dieses Siemens-Portraits: „things that didn’t work for the first time“. Besonderen Spaß macht diese Haltung in „tolerance stacks“ (2016), ein quasi-improvisatorischer Aktionsraum, wo Julia Mihály, Mark Lorenz Kysela, Sebastian Berweck und andere sich an einem illustren Arsenal aus ästhetisch korrodierter Old School-Elektronik zu schaffen machen. Das im Rahmen der Darmstädter Ferienkurse entstandene Stück ist hier in mehrere Abschnitte gesplittet, die mit sprunghaften Loops und hybriden Sound-Mischungen konventioneller Instrumente und analoger Elektronik eine chaotische Intensität entwickeln. 2021 wurden zwei spielerisch exzessive Solo-Performances hinzugefügt, deren Reiz auf einer bedingten Kontrollierbarkeit beruht: „immolate yourself on the wires“ für einen Mixer, der praktisch mit sich selbst verkabelt ist und „ideogrammophone“, ein von Nikola Lutz entworfener Plattenspieler, der Tonträger mit selbst eingravierten Strukturen spielen kann. (Kairos)

Wenn Peter Ablinger und Erik Drescher zusammentreffen, kommt das in der Regel klanglicher Grundlagenforschung gleich. Sie haben das pandemische Vakuum genutzt und in intensiver „Heimarbeit“ eine Fortsetzung ihrer Interaktionen von Elektronik und Flötenklang geschaffen, die sie 2014 mit den „Augmented Studies“ begonnen hatten: „Wider die Natur“ (2020) lautet diesmal die Devise. Ausgangspunkt war ein Unkenteich, dessen obskurer Sing-Sang die strukturelle Grundlage für 59 Klangminiaturen lieferte. Die rhythmische Komplexität des konkreten Materials inspirierte vielstimmige Schichtungen, in der gelegentlich bis zu 79 Flötenstimmen übereinander geblendet werden. Zum Einsatz in diesem „extended flute project“ kommen aber nicht nur geläufige Flötenarten, sondern auch Vogelpfeifen, Flaschen, die extrem hochfrequente „Ultraschallflöte“ (die Ablinger aus Orgelpfeifen zu einer chromatischen ‚Panflöte’ zusammenbaute) und natürlich Dreschers berüchtigte Glissandoflöte. Wirklichkeit und Artefakt, Spontanität und Konstruktion bilden in diesem Zyklus eine undurchdringliche Melange. Oft ist unklar, ob wir es in den krummen Loops und oszillierenden Flächen gerade mit elektronischem Sound, Flötenklang oder Naturlaut zu tun haben. Leider flacht die Spannungskurve in „Against nature“ irgendwann merklich ab, was an einer Überbeanspruchung des Prinzips Glissando liegen mag. (Kairos)

Adriana Hölszkys „WeltenEnden“ (1992) basiert auf einer nicht gerade alltäglichen Besetzung: Das Stück ist konzipiert für vier oder einen Blechbläser (im Mehrspurverfahren), die in fünf Stücken nacheinander Euphonium, Flügelhorn, Trompete, Kleine Trompete und Alphorn bedienen müssen. Trompeter Paul Hübner kann sie alle und zeichnet in dieser detailscharfen WDR-Produktion für eine Einspielung verantwortlich, die über eine Neuinterpretation weit hinausgeht. Hölszky hat das Material von „WeltenEnden“ neu arrangiert zu einer solistischen Klangreise, welche die vier Stimmen der jeweiligen Stücke praktisch in die Horizontale faltet und mit fünf Spuren Zuspiel kombiniert: „grenzWELTEN/zeitENDEN“ (2016). In diesen „Klangbildern für einen Blechbläser und Lautsprecher-Arrangement“ geht es nicht um vordergründige Demonstrationen vermeintlich unkonventioneller Spieltechniken. Auch wenn es hier nach allen Regeln der Kunst ächzt und knarzt, quietscht und röhrt, kratzt und krächzt und brummt und (manchmal im Wasser) brodelt, verkörpern diese „Grenzwelten“ keinen akrobatischen Geräusch-Zirkus, sondern wundersames Hör-Theater. Wenn es einer eigenen Komposition bedurft hätte, um die Eloquenz von Paul Hübner mal in Reinkultur zu demonstrieren, dann diese. (Neuklang)

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