Neue Musik als Daseinszweck

Das SWR Vokalensemble feiert seinen 70. Geburtstag


(nmz) -
Das SWR Vokalensemble gehört weltweit zu den führenden Gesangsformationen für zeitgenössische Chormusik. In diesem Jahr feiert es seinen 70. Geburtstag.
Ein Artikel von Arne Sonntag

„Es ist ein Merkmal dieses Ensembles, dass alle ihre eigene Meinung haben. Natürlich geht nicht alles demokratisch zu, aber es gibt viele Dinge zu diskutieren. Als Dirigent sage ich nicht allein, was gemacht wird. Wenn Sachen zu klären sind, dann bringen sich alle auf eine sehr gute Weise ein.“ Marcus Creed leitet seit 2003 das SWR Vokalensemble. Freimütig gesteht er, dass er in seiner Arbeit auf die musikalische Intelligenz und stimmliche Souveränität seiner Choristen setzt, denn hier trägt jeder einzelne ein Höchstmaß an musikalische Verantwortung. Creed, gebürtiger Engländer, sagt, er habe das Ensemble übernommen, weil es nicht nur die zeitgenössische Musik in den Mittelpunkt seiner Arbeit stelle, sondern im Vergleich zu anderen Chören auch das höchste Arbeitstempo aufweise.

Aus all dem erklärt sich auch, warum sich das Ensemble mit seinen knapp 30 Vokalisten über etliche Auszeichnungen für CD-Einspielungen freuen kann – obwohl es sich dabei meist um kaum bekannte Werke von Komponisten wie Charles Ives, Elliott Carter oder György Ligeti handelt. Doch Dank der meisterhaften Interpretation erschließt sich die Qualität dieser Musik. Soeben erhielt das Ensemble wieder den renommierten Preis der Deutschen Schallplattenkritik in der Kategorie „Chorwerke“, und zwar für das Album „Poema de balcones“ mit Musik von Martin Smolka. „Nicht die Worte, sondern die Stimmung hinter den Worten sind vertont, zum Beispiel  Wellenrauschen oder Vogelgesang“, erläutert Cornelia Bend, die Managerin des Chores. „So entsteht eine zauberhafte Atmosphäre, in der Räume aufgehen, die einen in eine andere Welt bringen.“ 250 neue Werke hat der Chor mittlerweile uraufgeführt, von denen viele – wie auch Smolkas Stück – der Chor in Auftrag gegeben hat.

Komponisten im Fokus

Die Schwerpunktsetzung auf Neue Musik begann in den 1980er-Jahren unter Klaus Martin Ziegler. Dieser Weg wurde in den Neunzigern mit Rupert Huber konsequent weitergeführt, nun fand das Ensemble auch internationale Beachtung. Mit Creed, der zuvor unter anderem den RIAS-Kammerchor leitete und vor allem in der Alten Musik beheimatet war, setzte sich die Auffassung durch, dass sich die Qualität des Ensembles erst dann zeigt, wenn die Gesangsinterpreten die teilweise immensen Schwierigkeiten der Neuen Musik wie im Schlaf beherrschen. Im Moment der Aufführung komme es dann darauf an, alles zu geben, damit der „zündende Funke überspringt“. Und gezündet hat es bei vielen Komponisten. Chorwerke von Heinz Holliger, Mauricio Kagel, Györgi Ligeti, Wolfgang Rihm, Beat Furrer, György Kurtág oder Dieter Schnebel errangen in der souveränen Interpretation des SWR Vokalensembles sozusagen den Stellenwert von „Klassikern der Moderne“.

Planungsfreiheit

„Die Rundfunkgebühren werden vor allem dafür bezahlt, dass man etwas bekommt, was es sonst nicht geben würde. Der Rundfunk kann also eine Art Leitmedium sein, so interpretiere ich den Rundfunkauftrag“, sagt Cornelia Bend, die als Managerin des SWR Vokalensembles die zeitgenössische Ausrichtung maßgeblich mitverantwortet. Dabei nennt sie drei Punkte, die bei ihren Programmüberlegungen wichtig sind: Relevanz, Qualität und Einzigartigkeit. „Wir schauen darauf, was nur wir können. Da ist Neue Musik definitiv ein Alleinstellungsmerkmal, wenn man bedenkt, dass wir pro Jahr fünf bis zehn neue Werke in Auftrag geben. Die Sängerinnen und Sänger gehen hierbei mit einer extrem hohen solistischen und künstlerischen Kompetenz und Eigenverantwortung an die Sache heran.“ Für die dazugehörige Planungsfreiheit ist Bend ausgesprochen dankbar. Sie betont allerdings, dass auch den Entscheidungsträgern in den Rundfunkgremien die internationale Einzigartigkeit des Ensembles bewusst sei, denn schließlich fungiere das Ensemble sozusagen als künstlerisches Aushängeschild des SWR.

Hinzu kommt, dass in einem „Sängerland“ wie Baden-Württemberg mit seinen vielen hochkarätigen Chören, ein Spitzenensemble auch ein klares und einzigartiges Profil ausbilden muss. Das SWR Vokalensemble beweist dabei, dass man auch mit ambitionierten und modernen Programmen die Menschen erreichen kann. Zum einen hat der Chor längst ein treues Stammpublikum gewonnen. Auch wenn die Besucher häufig nicht wissen, was sie erwartet, können sie doch sicher sein, dass ihnen in höchster Qualität und Überzeugungskraft lohnende Musik geboten wird. Zudem sind die Konzerte eingebunden in ein eigenes Musikvermittlungs-Konzept, bestehend aus anschaulichen Einführungen oder lange im Voraus zur Verfügung stehenden Programmheften. Ferner experimentiert man mit neuen Präsentationsformen, was zum Beispiel Anfangszeiten und Dauer der Konzerte anlangt. Konzerte von etwa einer Stunde, die an Wochenend-Nachmittagen stattfinden, haben sich bei der jüngeren und älteren Generation als ausgesprochen beliebt erwiesen.

Frisch komponiert

Bei dem Projekt „Frisch komponiert“, das das SWR Vokalensemble zusammen mit dem Deutschen Chorverband initiiert hat, geht es darum, eine breitere Chorszene für Neue Musik zu begeistern. So will das Ensemble vormachen, dass es künstlerisch gewinnbringend ist und Spaß macht, Neue Musik aufzuführen. Hierfür hat der ehemalige Chefdirigent Rupert Huber zahlreiche Komponisten gebeten, Stücke zu schreiben, die eben auch von ambitionierteren Amateurchören aufgeführt werden können. Zehn dieser Stücke unter anderem von Vinko Globokar, Beat Furrer, Peter-Michael Hamel, Klaus Lang oder Samir Odeh Tamimi wurden bereits im vergangenen Jahr in Dortmund bei der chor.com vom SWR Vokalensemble präsentiert. Auf diese Weise sollen Chöre motiviert werden, solche Stücke in ihr Repertoire aufzunehmen, wobei den interessierten Chören die Noten zur Verfügung gestellt werden. Die Initiative steht erst am Anfang, zahlreiche weitere Kompositionen werden folgen. Die Umsetzung dieses Projekts gestaltet das Ensemble auch mit seinem jeweiligen „Patenchor“. Hierbei handelt es sich um einen ambitionierten Jugendchor mit dem das Vokal­ensemble ein Jahr lang arbeitet. In der vergangenen Saison war dies der Landesjugendchor Rheinland-Pfalz, der in mehreren Probenphasen mit den Profi­sängern Werke daraus einstudierte und aufführte.

Der Patenchor ist allerdings nur ein kleiner Teil des ambitionierten Education-Projekts. So gehen Sängerinnen und Sänger des Vokalensembles auch in Kindertagesstätten und Schulen. Umgekehrt werden die Kinder zu Ensemble-Proben eingeladen, bei denen auch gemeinsam gesungen wird. Schul- und Familienkonzerte ergänzen das Konzept. Dass hierbei neu komponierte Märchen- und Kindermusikstücke erklingen wie etwa „Die furchtlosen Vier“ oder „20.000 Meilen unter dem Meer“, die vom SWR Vokalensemble in Auftrag gegeben werden, ist natürlich Ehrensache.

Mitschnitte des SWR Vokal­ensembles unter www.nmzmedia.de

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