Neue Musik als soziales Experiment

Zeitgenössisches bei der 20. Ausgabe des Berliner Jugendorchesterfestivals Young Euro Classic


(nmz) -
Das als Bürgerinitiative entstandene Festival Young Euro Classic fand in diesem Sommer zum 20. Male im meist ausverkauften Konzerthaus Berlin statt. Dieter Rexroth, der künstlerische Leiter, legte von Beginn an Wert darauf, dass die internationalen Jugendorchester auch zeitgenössische Musik ihres jeweiligen Landes präsentieren. Dabei kommt es regelmäßig zu stilis­tisch breiten Entdeckungen von Folklore bis Avantgarde.
Ein Artikel von Albrecht Dümling

So brachte das Jugendorchester der Dominikanischen Republik, das zum ersten Mal gastierte, „Punta Cana“ von Caonex Peguero-Camilo zur Uraufführung: gefällige Folklore im Hollywood-Sound, bei der die jungen Musiker ihr vitales Rhythmus-Gefühl zeigten. Für die diesjährige Europa-Tournee des Nationalen Jugend­orchesters von Chile waren die „Retratos australes“ des 1983 geborenen Miguel Farías entstanden, die stilis­tisch moderner und farbig instrumentiert mit maschinenhaften Ostinati die südlichen Provinzen des Landes porträtieren. Bei beiden Konzerten wurden zum Schlussjubel die Nationalfahnen entfaltet, was bei deutschen Orches­tern noch undenkbar wäre.

Das von dem bewährten Orchestererzieher Christoph Eschenbach geleitete Festival-Orchester Griechenland-Deutschland verband in seinem Programm Antike und Gegenwart. Allerdings war die als Uraufführung angekündigte „Zorbas Suite“ für Flöte und Orchester von Mikis Theodorakis eigentlich nur ein Arrangement. Eindrücklicher wirkten in ihrer Transparenz die „Fünf griechischen Tänze“ von Nikos Skalkottas. Mehr Bearbeitung als Neukomposition waren auch die „Three African Songs“ des in Italien ausgebildeten Südafrikaners Hendrik Hofmeyr. Für seine bevorstehende Südafrika-Tournee hatte das Bundesjugendorchester diese Stücke aufs Programm gesetzt – abwechslungsreiche Orchestrationen traditioneller afrikanischer Songs, die Miriam Makeba als Kind von ihrer Mutter und Großmutter gehört hatte. 

Zuweilen ist chronologisch ältere Musik „neuer“ als heute entstandene. Das Polnische Jugendorchester, dessen Beethoven-Interpretationen enttäuschten, ließ mit der schon 1947 entstandenen „Toccata für kleines Orchester“ von Artur Malawski, dem Kompositionslehrer Pendereckis, aufhorchen. Es ist ein Werk des Aufbruchs, das farbig und phantasievoll an Berg und Strawinsky anknüpft und auf andere entdeckenswerte polnische Komponisten wie etwa Józef Koffler hinweist. Eine wirkliche Uraufführung bot das Galilee Chamber Orchestra, das wie das Divan-Orchester Barenboims zur Hälfte aus arabischen und jüdischen Musikern besteht und von dem in Berlin lebenden palästinensischen Pianisten und Dirigenten Saleem Ashkar geleitet wird. „Overcoming“ des jungen Wisam Jibran, der in Berlin bei Paul Heinz Dittrich und Hanspeter Kyburz studierte, knüpft an die Polyphonie Paul Hindemiths an und entwickelt eine kurzgliedrige Motivik zu größeren Melodiebögen, um mit einem Tritonus-Intervall jäh abzubrechen. Dem Titel entsprechend konnte man dies als Kommentar zu den jüdisch-palästinensischen Beziehungen deuten.

Neue Musik aus politisch krisenhaften Ländern regt an, hintergründig zwischen den Zeilen zu lesen. Dies tat auch der Schauspieler und Tatort-Kommissar Dietmar Bär, als er vor dem Auftritt des National Youth Orchestra of Great Britain die Geschichte von Daedalus und Ikarus erzählte und dabei den größenwahnsinnigen Ikarus mit Boris Johnson verglich. Tatsächlich verwendete Lera Auerbachs 2006 entstandene Komposition „Icarus“, die das Orchester unter Mark Wigglesworth spielte, eine ähnlich drastische Rhetorik wie dieser Politiker: den höchsten Höhen eines Violinsolos folgten Absturz und Trauermarsch. Während der britische Premier den Brexit ansteuert, sind die langjährigen Annäherungsversuche der Türkei an die EU zum Scheitern verurteilt. Seit dem Putschversuch von 2016 entfremdet sich das Land noch weiter von Europa. Der in Istanbul geborene Dirigent Cem Mansur, der durch Musik Werte der westlichen Zivilisation vermitteln will, hat 2007 die Nationale Jugendphilharmonie der Türkei als „Laboratorium der Demokratie“ gegründet. Zum 30-jährigen Jubiläum der Städtepartnerschaft zwischen Berlin und Istanbul interpretierten die jungen Musikerinnen und Musiker im Alter von 16 bis 22 Jahren in respektablen Ensembleleistungen Werke von Weber und Beethoven. Dass sie auch mit neueren Spieltechniken umgehen können, zeigte sich bei „Silent Echoes“ der 1973 geborenen Füsun Köksal. Die in Köln bei Krzysz­tof Meyer und danach in Chicago ausgebildete Komponistin, die heute in Izmir unterrichtet, stellte hier zwei Streichorchester einander gegenüber, die mit Seufzerfiguren und geräuschhaften Klängen aufeinander reagieren. 

Ein überzeugendes Debüt gab das Nationale Jugendorchester der Slowakei, das zwei neuere slowakische Werke präsentierte. Das 2003 entstandene Konzert für Orchester von Lubica Cekovská, das bewusst sparsam auf Terzintervallen aufbaut, kam mit dem ausgezeichneten Pianisten Miki Skuta zur deutschen Erstaufführung; der Klarinettist Martin Adámek glänzte bei einem originellen Concertino (1994) von Ondrej Kukal. Das portugiesische Jugendorchester Jovem Orquestra Portuguesa bot als besonders ungewöhnliche Uraufführung eine Komposition, bei dem es mit dem aus Menschen mit Behinderungen bestehenden Ensemble Notas de Contacto zusammenspielte. Auf Initiative des Dirigenten Pedro Carneiro, der zugleich Percussionist ist, war in enger Zusammenarbeit mit dem 1976 geborenen João Godinho dessen Komposition „Alcance I Reach“ entstanden, welche dem Solistenensemble selbstgebaute Schlaginstrumente in die Hand gab. Diese viel mit Ostinatofiguren arbeitende Klangkomposition war zugleich ein soziales Experiment, weitete sie die Idee der Inklusion schließlich doch auf das ganze Publikum aus. Zu den Klängen einer Spieluhr wuchsen mit kurzen Texten beschriebene Papierschlangen aus dem Orchester heraus, die sich bis in den ganzen Saal erstreckten. Zu Recht zeichnete die Publikumsjury dieses gelungene Experiment mit dem Europäischen Komponistenpreis 2019 aus.
  

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