Neue Musik mit alten Formen

Gitarren-Solorezital mit Stefan Barcsay


(nmz) -
Respektvoll sprach Stefan Barcsay am Anfang seines Solorezitals „nuvole“ von den Menschen, die heute „mit viel Überlegung Musik schreiben“ und die man noch zu ihren Werken befragen könne. Neue Musik ist lebendige Kunst, Spiegel ihrer Zeit und – anders als in der breitgängigen Klassik – geschrieben von Komponisten der Gegenwart.
Ein Artikel von Stephanie Knauer

Respektvoll sprach Stefan Barcsay am Anfang seines Solorezitals „nuvole“ von den Menschen, die heute „mit viel Überlegung Musik schreiben“ und die man noch zu ihren Werken befragen könne. Neue Musik ist lebendige Kunst, Spiegel ihrer Zeit und – anders als in der breitgängigen Klassik – geschrieben von Komponisten der Gegenwart.

Der Augsburger Gitarrist spielte an diesem Oktobersamstag in der spätgotischen Leonhardskapelle im Souterrain der Augsburger Fuggerei einen Abend lang Neue Musik vor voll besetzten Stuhlreihen und einem konzentriert zuhörenden Publikum. Bravourös, farbig, fein abgestimmt und präzise spielend, dazwischen entspannt moderierend gelang Barcsay der Spannungsbogen bis zum Schlusston. Am Ende stand Multimedia: Aussagekräftig reduziert gemalte Landstriche mit immer gleicher Horizontlinie – projizierte Gemälde des Bildenden Künstlers Andi Schmitt – wandelten sich langsam auf der Leinwand im Laufe der Orte und Jahreszeiten, die Eisfläche mutierte zum grünen Teppich und die Meeresfläche zu Erdschollen, der Morgen zum Abend. Gleichzeitig führte Stefan Barcsay den Viersätzer „nuvole“ des gebürtigen Nürnbergers Ulrich Schultheiss (*1956) urauf, der in wirkungsvoller Verbindung mit dem Visuellen allerdings nicht die ungeteilte Aufmerksamkeit erhielt. Schultheiss spiegelte im ersten Satz „nur ein wenig bewegt“ mit Hoch und Tief den gemalten, immer gleichen Horizont, im dritten Satz „unruhige Elemente“ mit seinen Trillern, seiner Brüske die Einsamkeit der Landschaften wider und endete mit „vivo“ gemäßigt aufgewühlt, in energischen Repetitionen. Drei der sieben Programmstücke waren Uraufführungen: Dominik Uhrmacher (*1967) wurde zu seinem groovig beginnenden „Toccatinalego“ vom Legospiel seines Sohnes inspiriert und erinnerte mit den barocken Reminiszenzen durch seine abschnittsweise Form an das Baukastenspiel. Wie in seinen „Fünf Versen“ zu Programmbeginn vertonte Alois Bröder (*1961) in „5 neue Verse“ (UA) die zugrunde liegenden Kinderreime lautmalerisch – „Die Knaben“ gingen tatsächlich „leis“ und „sacht“, das Wasser in „Der Wasserfall“ floss „Zwischen dir und mir“ stärker – und verbildlichend: „Der Baum“ gab das thematische Oben und Unten wieder, kokett hingen in „Das Röckchen“ Rock und Jacke am Haken. Richard Hellers (*1954) „2 Impromptus“ (op. 52) klangen filigran wie japanische Tuschemalerei, kosteten den „Drei- Klang“ und „zwei-stimmig“ bildhaft buchstäblich, mit asymmetrischem Rhythmusgrund aus. Auch Enjott Schneiders (*1950) „Nocturnes“ nach lateinischen Sprüchen, die filmmusikalisch verdolmetschten, und Dušan Bogdanovics (*1955) „Mysterious Habitats“ über ein plastisch sich hebendes und sinkendes Ostinato schienen tonal orientiert. Alte Formen spielten an diesem Abend eine wichtige Rolle. Das Programm gefiel dem Publikum, der Beifall war nach jedem Stück stark, eine Zugabe – Stefan Barcsay entschied sich für einen alten Meister – wurde deutlich verlangt.

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