Neue Noten 2022/06 – Neue Kammermusik mit Klarinette(n)

Werke von Christian Diemer, Theo Loevendie, Andrea Sarto, Oliver Schneller und Stefan Streich


(nmz) -
Christian Diemer: Unirii für Bassklarinette, Trompete, Horn und Posaune (mit Trillerpfeifen und Vuvuzela) +++ Theo Loevendie: Metamorph. Trio für Klarinette, Viola und Klavier +++ Andrea Sarto: (Senza) für Klarinette in B +++ Oliver Schneller: Hadron für Bassettklarinette (in A) und Streichquartett +++ Stefan Streich: Entrée für acht B-Klarinetten im Kreis
Ein Artikel von Michael Zwenzner

Christian Diemer (*1986): Unirii (2017) für Bassklarinette, Trompete, Horn und Posaune (mit Trillerpfeifen und Vuvuzela)
Verlag Neue Musik Berlin NM 2623 (Partitur und Stimmensatz)

Stilrichtung, allg. Charakter
Bizarrer, kaleidophonischer Stil, der durch feinste Ausdifferenzierung in puncto Artikulations- und Spielweisen, bis zu achteltöniger Harmonik und unsteter Zeitgestaltung geprägt ist. Mitunter sind beim Blasen auch Textfragmente, Gesang oder Geräusche (des Atems, der Klappen) zu artikulieren.

Form, Struktur
In zehn Abschnitte untergliederte, einsätzige Form mit individualistischer, nur selten konvergenter Stimmführung, die durchweg auf eine mikrotonal changierende zentrale Tonachse bezogen ist. Die reichhaltige Kombinatorik aus vielerlei Einzelaktionen ersetzt eine klare Entwicklungsdramaturgie.

Notation, Dauer, Schwierigkeit
Traditionelle Partitur, Legende für ungewohnte Symbole, viele verbale Anweisungen im Notentext
Dauer: ca. 8 min.
sehr schwer

Kommentar
Musikalisch prägnanter Kommentar zu einer von BBC News dokumentierten Antikorruptionsdemo in Bukarest 2017, deren äußeres Erscheinungsbild – sich völlig frei zueinander bewegende, aber im mutigen Protest vereinte Individuen – auf so subtile wie hintersinnige Art versinnbildlicht werden.


Theo Loevendie (*1930): Metamorph (2020) Trio für Klarinette, Viola und Klavier
Peermusic Classical New York Hamburg PCH 4500 (Partitur und Stimmensatz)

Stilrichtung, allg. Charakter
Bewegungsfreudiger, dissonanter Stil, der im assoziationsreichen Spiel mit tonalen, diatonischen, modalen Elementen und lustvoll gesetzten rhythmischen Stolpersteinen mitunter populäre Genres wie Tango oder Jazz durchklingen lässt. Kapriziöse Spielmusik ausgeprägt diskursiven Charakters.

Form, Struktur
Musikalisch bipolar gestaltete einsätzige Form, bei der gestisch auseinander hervorwachsende, sich zunehmend intensivierende, dabei satztechnisch und metrisch immer disparatere Trialoge dreimal von Ruhephasen in Gestalt tonal leicht schrägen, vierstimmigen Choralsatzes unterbrochen werden.

Notation, Dauer, Schwierigkeit
Herkömmliche Notation
Dauer: ca. 7 min.
 schwer

Kommentar
Freigeistige Musik voller Witz und Esprit. So dankbares wie unterhaltsames Stück eines über 90-jährigen Vollblutmusikers, der jüngst noch selbst als Jazzpianist auftrat. Der Titel, wie wohl auch die gestaltwandlerisch geartete Musik verdanken sich dem auftraggebenden Metamorphoses Trio.


Andrea Sarto (*1979): (Senza) (2012) für Klarinette in B
Edition Impronta Mannheim IE-AS-1/1-2016 (Boehm) oder IE-AS-1/2-2016 (dt. System) (Spielpartitur)

Stilrichtung, allg. Charakter
Postexpressionistische, von Stille grundierte Artikulations- und Fingersatzstudie, deren alleinige Vortragsbezeichnung „estinto“ (erloschen) sich wohl dem völligen Verzicht auf übliche Sanglichkeit verdankt. Stattdessen: Slaps, sorgfältig modulierte Einzeltöne, mikrotonale Triller und Figurationen.

Form, Struktur
Einsätzige Bogenform. Nach nahezu statischem Beginn schwingt sich die Musik immer wieder zu temporeichen Schüben repetitiver Bewegungsfelder auf, die sich dynamisch erschöpfen und durch verschiedenerlei Filterprozesse erst in Atem- und Klappengeräusche, dann Stille überführt werden.

Notation, Dauer, Schwierigkeit
Um Griffschrift erweiterte traditionelle Notation mit etlichen Sonderzeichen und verbalen Anweisungen
Dauer: ca. 3,5 min.
 schwer

Kommentar
Merklich an die Beschwörung nächtlicher Geräuschkulissen in vielen Werken Sciarrinos, aber auch die ernst-verspielten Klavierminiaturen Bartóks oder Kurtágs angelehntes Stück, das in seinem leicht trostlosen Rückzug auf elementare Bewegungsformen durchaus poetische Qualitäten erringt.


Oliver Schneller (*1966): Hadron (2019/20) für Bassettklarinette (in A) und Streichquartett
Edition Peters Leipzig EP 68715 (Partitur)

Stilrichtung, allg. Charakter
Apollinisch abgeklärter Stil, der eine zuweilen jazzig swingende Mozart'sche Leichtigkeit mit sanft morbidem Flair verbindet. Weit ausschwingendes solistisches Bläsermelos, je individuelle Diatonik der Einzelstimmen und klassische Artikulationsweisen prägen das variantenreiche Zusammenspiel.

Form, Struktur
Aus charakteristischen Einzelparts anhand unterschiedlichst waltender Anziehungskräfte komplex ineinander verwachsende Gesamtform. Die Dynamiken der Begegnung zeitigen dabei viele formale Kippmomente, oft verbunden mit deutlichen Bewegungswechseln (auf, ab, kreisend, sprunghaft…).

Notation, Dauer, Schwierigkeit
Traditionelle Partiturnotation
Dauer: ca. 10 min.
 schwer

Kommentar
Auf die erste Begegnung hin fast ein wenig unscheinbar, entpuppt sich diese von den nach wie vor rätselhaften Gesetzen der Teilchenphysik inspirierte Partitur als klingendes Wunderwerk internen Beziehungsreichtums, der einen so voltenreichen wie schlüssigen Formverlauf erst möglich macht.


Stefan Streich (*1961): Entrée (2018) für acht B-Klarinetten im Kreis
Edition Gravis Brühl eg 2604 (Partitur und Stimmensatz)

Stilrichtung, allg. Charakter
Musikalisch kontrastreiche, dynamisch stark fluktuierende Klangchoreographie, deren harmonisch changierende Klangfolgen, kollektiv gestaltete Monodien, scharfe Clusterbildungen und Unschärfen begrenzt aleatorischen Zusammenspiels auf vielerlei Weise kreisende Bewegungen in Szene setzen.

Form, Struktur
Attacca auszuführende Abfolge diverser Satztypen: Metrisch notierte Akkordfolgen gehen temporär zu sozial interaktiv gesteuerter Linearität aus reihum gespielten Einzeltönen über, um zum Ende hin unkoordiniertem Spiel desselben Materials aus kreisenden Ton- und Geräuschimpulsen zu weichen.

Notation, Dauer, Schwierigkeit
Das traditionelle Partiturbild zu Beginn weicht Notationsweisen freierer Zeitgestaltung.
Dauer: ca. 7 min.
 mittelschwer

Kommentar
Das durchaus reizvolle Klang- und Raumwirkungen aneinanderreihende, dadurch formal etwas inkohärente Stück entstand für die fortgeschrittene Klarinettenklasse einer Berliner Musikschule. Als Konzerteröffnung und zum Einüben verschiedener Arten des Zusammenspiels bestens geeignet.

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