Neue Partituren 2021/03

Werke von Chung, Laubeuf, Lienenkämper, Mamlok und Schurig


(nmz) -
Il-Ryun Chung: Movement in Circles II (1994) Duo für Flöte und Gitarre | Vincent Laubeuf: Le sourire des pierres (2016) für Bassklarinette, Schlagzeug, Violine, Violoncello und elektronische Zuspielungen | Stefan Lienenkämper: Mind the Gap... (2007) für zwei Gitarristen und Ghettoblaster | Ursula Mamlok: Sextet (1977) für (Piccolo-)Flöte, Klarinette (in B/in Es), Bassklarinette, Violine, Kontrabass und Klavier | Wolfram Schurig: variations automatiques (2008) für sieben Instrumente (Ob. Bfl. Bkl. Klav. Vl. Va. Vc.)
Ein Artikel von Michael Zwenzner

Il-Ryun Chung (*1964): Movement in Circles II (1994) Duo für Flöte und Gitarre
Verlag Neue Musik Berlin NM 1831 / Contemporary Music for Guitar Collection Reinbert Evers (Partitur und Stimmensatz)

Stilrichtung, allg. Charakter
Friedlich gestimmter, bukolischer Stil mit folkloristischem Einschlag. Modal gefärbte Kantabilität und tänzerische Rhythmik treten in ein lebhaftes Wechselspiel mit Phasen klanglicher Versenkung und repetitiver Patternbildung. Beide Instrumentalparts benötigen große spieltechnische Finesse.

Form, Struktur
Rhapsodisch gestalteter, teils anhand verschiedener Keimzellen spiralartig entfalteter Einsätzer im freien Wechsel dreier Satzmodelle: Monodie und diverse Begleitfakturen, zwei- bis dreistimmige Polyphonie, rhythmisch frei zu gestaltende Klangprozesse (Mehrklänge, konsonante Akkordik).

Notation, Dauer, Schwierigkeit
Traditionelle Partiturnotation (mit einer metrisch ungebundenen Episode inkl. Dauernangaben); Dauer: ca. 11 min.; sehr schwer

Kommentar
Dieses große Wärme und Lebensfreude ausstrahlende Werk entstand merklich zu einer Zeit, da sich der Komponist (und Gitarrist) erstmals ins Studium traditioneller koreanischer Musik vertiefte. Hier assoziiert man die Sanjo genannte Spielart mit prägnanten Wechseln in Tempo, Rhythmik, Melodik.


Vincent Laubeuf (*1974): Le sourire des pierres (2016) für Bassklarinette, Schlagzeug, Violine, Violoncello und elektronische Zuspielungen
Maison ONA 0063ONA (Partitur, Aufführungsmaterial leihweise: rental@maison-ona.com)

Stilrichtung, allg. Charakter
Multiperspektivischer Stil, bei dem sich durch wechselnde Konstellationen aus sanften oder rauen, ruhenden oder bewegten, dabei spieltechnisch differenzierten, präzis gesetzten Instrumentalklängen bzw. zugespielten Alltags- und Technikgeräuschen Raum zu eindrücklichem Geschehen entfaltet.

Form, Struktur
Fünf fragmentartige, als „Momente“ übertitelte, von Woodblocks eingeleitete Sätze, die meist von harmonisch eng verwandten Klangsituationen ausgehend durch immer profiliertere Einzelaktionen und stärkeren Bewegungsdrang zu gestisch, textural, expressiv eigensinnigen Musiken erwachsen.

Notation, Dauer, Schwierigkeit
Herkömmliche Partitur mit exakten Dauernangaben und eigenem Linienystem zur Koordination mit dem Zuspiel; Dauer: ca. 11 min.; sehr schwer

Kommentar
Mit diesem atmosphärisch dichten, durch halbvertraute Zuspielklänge zur Enträtselung einladenden „Lächeln der Steine“ bezieht sich Laubeuf auf eine zwielichtige Kurzgeschichte Akira Yoshimuras, während sich die Puzzle-Form einem wochentäglichen Sendeformat bei Radio France verdankt.


Stefan Lienenkämper (*1963): Mind the Gap… (2007) für zwei Gitarristen und Ghettoblaster
Verlag Neue Musik Berlin NM 1455 (gebundene Partitur, zwei lose Spielpartituren, Zuspiel-CD)

Stilrichtung, allg. Charakter
Musica impura, bei der im dissonanten Stil abgefasste Passagen kammermusikalischer Intimität zeitweise ins Ambiente anekdotischer Alltagsgeräusche versetzt werden, entweder ganz in deren Bann geratend (durch Nachahmung oder Verstummen) oder diese nachdenklich kommentierend.

Form, Struktur
Triptychon, dessen rhapsodischer, elektroakustisch geprägter Mittelteil improvisatorische Elemente einbezieht. Die Außensätze sind geprägt vom Wechsel relativ klar definierter harmonischer Felder, hier und da geräuschhaft angeschärft oder durch Umstimmvorgänge beim Spielen leicht verbogen.

Notation, Dauer, Schwierigkeit
Partitur mit gestrichelten Taktlinien zur Orientierung, herkömmlicher Akzentstufenmetrik oder Dauernnotation samt oszillographischer Darstellung des Zuspiels; Dauer: ca. 10 min.; mittelschwer

Kommentar
Erfrischendes Kopfkino im Geist einer „Neuen Diesseitigkeit“? Das historische „Instrument“ des Ghettoblasters öffnet hier Fenster zur Außenwelt (statt diese mobil zu beschallen) und mag damit das Nachdenken über das Verhältnis von musikalischer Kunst und Lebenswirklichkeit befeuern.


Ursula Mamlok (1923-2016): Sextet (1977) für (Piccolo-)Flöte, Klarinette (in B/in Es), Bassklarinette, Violine, Kontrabass und Klavier
Edition Peters EP 66768 (Partitur, Aufführungsmaterial leihweise)

Stilrichtung, allg. Charakter
Polyphonischer, diskursiver Stil auf dodekaphoner Grundlage, im Charakter vorwiegend heiter und ausgelassen. Oftmals blitzartiges Durchmessen des Tonraums im alerten Miteinander, sorgfältig disponierte Tempofluktuationen und prägnante Gestik sorgen für vorwiegend quirlige Lebendigkeit.

Form, Struktur
Drei attacca zu spielende Sätze: 1. With fluctuating tension (Art Sonatensatz mit von mehreren Soli durchzogener Durchführung); 2. Very calm (Adagio- und Scherzotyp im Wechsel hin und zurück, dann simultan); 3. Light and airy (ABA-Form; finale Schlusskaskade mit ätherischem Nachklang)

Notation, Dauer, Schwierigkeit
Herkömmliche Partiturnotation; Dauer: ca. 13 min.; sehr schwer (Dirigat erforderlich)

Kommentar
Blick zurück nach vorn, folgend dem innigen Wunsch, der Musik einer einst zum Exil Genötigten zur Aufnahme ins künftige Konzertrepertoire zu verhelfen. Mamlok befindet sich hier auf der Höhe ihrer Kunst: zeitgestalterisch souverän, reich und fasslich strukturiert, voller musikantischem Esprit.


Wolfram Schurig (*1967): variations automatiques (2008) für sieben Instrumente (Ob. Bfl. Bkl. Klav. Vl. Va. Vc.)
Edition Gravis eg 2614LM (Partitur & Aufführungsmaterial leihweise)

Stilrichtung, allg. Charakter
Kinetischer Stil, der sich in komplexer Zeit- und mikrotonaler Tonhöhengestaltung manifestiert. Aspekte registerartiger Heterophonie in teils polyphoner Überlagerung. Oft mechanisch anmutende, mehrfach kräftig aus dem Ruder laufende Toccata, die am Ende gewissermaßen erschöpft kollabiert.

Form, Struktur
Einsätziger, energetisch pulsierender Formverlauf. Die variative Rekombination eines limitierten Figurenschatzes (stochernde Gestik, aufsteigende Linien, Liegeklänge) zeitigt diverse Dynamiken, die im einen Extrem zu opaker Verdichtung, im anderen zu texturaler Auflösung führen.

Notation, Dauer, Schwierigkeit
Herkömmliche Partiturnotation mit irregulärer, oft additiver Metrik. Dauer: ca. 15 min.; sehr schwer (Dirigat erforderlich)

Kommentar
Die grenzenloses Wachstum verheißenden Automatismen, die diese metaphorisch in Töne gefasste „Rebellion der Maschinen“ antreiben, bleiben undurchschaubar und nur dank autark denkender Künstlernatur, nebenbei Blockflöt- und Barockmusikspezialist, zu produktivem Scheitern bestimmt.

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