Neues bei col legno


(nmz) -

Mehrere kurze Walzer. Walzer zu vier Händen von Franz Schubert, Johannes Brahms, Edvard Grieg, Paul Hindemith und Wolfgang Rihm; Klavierduo Andreas Grau & Götz Schumacher

Ein Artikel von Nina Polaschegg

Die Walzer-CD des Klavierduos Grau/Schumacher bildet den Auftakt der drei CDs des Duos, die 2003 bei col legno erscheinen werden. Auch diesmal haben sich die beiden Musiker ein Thema ausgesucht, das sie anhand verschiedener Werke unterschiedlicher Komponisten beleuchten. Anhand ihrer Komponistenauswahl spielen sie sich durch die Geschichte der vierhändigen Walzergeschichte, zeigen stilistische Varianten und geografische Besonderheiten auf und wandern ins 20.Jahrhundert hinein. Mit Paul Hindemith, vor allem aber bei Wolfgang Rihm finden sich schließlich Parodien, Stilkopien und Skurilitäten, die den Walzer als Tanz zum Teil verlassen, zum Teil aber auch als Retrospektive auf die Geschichte des Walzers gehört werden können. Gerade bei den Walzern von Rihm ist ein Schmunzeln des Komponisten nicht zu überhören. Die beiden Pianisten gestalten die zahlreichen Miniaturen mit feiner Nuancierung, so dass auch über eine Stunde Klavierwalzer nicht ermüdend wirken.

Giacinto Scelsi: Quattro Illustrazioni, Suite No. 8 „Bot-Ba“; Cinque Incantesimi; Markus Hinterhäuser, Klavier

Markus Hinterhäuser, Spezialist nicht nur für Liedbegleitung, sondern auch für Musik des 20. Jahrhunderts, widmet sich in dieser Aufnahme der zweiten Phase der Klavierkompositionen Giacinto Scelsis.

Die drei zu Anfang der 50er-Jahre entstandenen Werke weisen nicht nur im Titel, im Zentrum steht dabei die 8. Klaviersuite „Bot-Ba“, auf die Beschäftigung des Komponisten mit fernöstlicher Kultur hin. Einzelne Sätze zeigen eindeutige Bezüge zu hinduistischen Mönchsgesängen und zu tibetischen Ritualen.

Die Betonung des Klangs, der Klangentfaltung ist zu vernehmen, die Konzentration auf den Einzelton, der Scelsi in den folgenden Jahren immer weiter folgt, ist in einigen Sätzen schon angelegt. Doch auch Passagen dramatischer Klaviervirtuosität europäischer Tradition scheinen immer wieder auf. Und wer möchte, kann sich die 8. Suite demnächst vergleichend anhören, denn bei HatHut wird in Kürze eine Neuauflage unter anderem dieses Werks mit der Pianistin Marianne Schroeder erscheinen.

Carlos H. Veerhoff (geb. 1926): Symphony No. 6 „Desiderata“, Alpha – Zeta, Pater Noster; Sinfonieorchester und Kammerorchester des Mitteldeutschen Rundfunks, Leopold Hager, Michael Gläser, Chor des Mitteldeutschen Rundfunks, Howard Aman; Elizabeth Hagedorn, Sopran, Andreas Scheibner, Bariton, Hermann Christian Polster, Bass, Boris Carmeli, Sprecher – Ersteinspielungen.

Spätromantik mit falschen Tönen? – Der in Argentinien als Sohn deutscher Eltern geborene Carlos H. Veerhoff studierte unter anderem in Berlin und lebt seit vielen Jahren in Süddeutschland. Als Mensch, der immer wieder auch längere Zeit in Argentinien und Afrika verbracht hat, bezieht er immer wieder Elemente fremder Kulturen in seine Kompositionen mit ein, allerdings nicht klanglich, sondern als Texte. Drei Ersteinspielungen sind auf dieser CD vereinigt, zwei kürzere Chorwerke und seine großdimensionierte Symphony Nr. 6 „Desiderata“ von 1996 für Orchester, Chor, Solisten und Sprecher. Die Musiksprache Veerhoffs ist trotz aller Genauigkeit und Prägnanz in der strukturellen Gestaltung stark expressiv geprägt. Aus der Beschäftigung mit Dodekaphonie, der er zudem recht spät erst begegnet ist, hat er davon abgeleitete Kompositionstechniken entwickelt. Im Kern seines Schaffens stehen zwei zentrale Anliegen. Zum einen sind seine Kompositionen immer wieder auch ein Aufruf zur Erhaltung der Welt, des Lebens, der Erde. Zum anderen versteht Veerhoff Tradition als Verantwortung gegenüber dem Neuen, was sich nicht nur an der Hinwendung zu tradierten Formen, sondern auch an den zu hörenden Klängen zeigt, die doch recht klischeehaft die Beschreibung assoziieren: Spätromantik mit falschen Tönen.

Francisco Guerrero (1951–1997): Coma Berenices für Orchester (1996), Ariadna (1984) für 10 Violinen, 5 Violen und 5 Violoncelli, Sáhara (1991) für Orchester, Oleada (1993) für Streichorchester, Antar Atman (1980) für Orchester; Orquesta Sinfónica de Galicia, José Ramón Encinar

Der erste Eindruck hinterlässt auf den Hörer einstürzende Klangmassen, die sich beim weiteren Verfolgen jedoch immer weiter ausdifferenzieren. Der spanische Komponist Francisco Guerrero komponierte Kammermusik v.a. aber Werke für Orchester. Dabei variiert die Anzahl der Musiker zwischen einem nur mit Streichern besetzten Kammerorchester und großen Formationen mit reichhaltigem Bläser- und Schlagzeugsatz. Die hier eingespielten Werke geben einen Einblick in Guerreros Orchesterschaffen der letzten 20 Jahre, einer Zeit, in der er sich intensiv mit Fraktalen beschäftigt, wie auch mit mathematischen Formeln zur Beschreibung der komplexen Natur, mit der er seine musikalischen Strukturen vergleicht und auf deren Basis seine Kompositionen entstehen. Gemeinsam ist den Werken eine sehr dicht gearbeitete Struktur, eine Fülle sich zum Teil abrupt abwechselnder Ereignisse, die gleichwohl in einen strukturellen Fluss eingebettet sind und deren Komplexität in ihrer Gestaltung erkennbar bleibt. Auch ein spielerisches und dynamisch hohes Intensitätsniveau ist über weite Strecken konstant. Sind seine Werke aus den 80er-Jahren von hoher impulsiver Ereignisdichte geprägt, so wendet sich Guerrero später immer wieder der Arbeit mit Klangbändern zu. Eine Assoziation zu Ligetis Mikropolyphonie wird kurzzeitig geweckt, ist aber beim weiteren Hören nicht haltbar.

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