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Offenes Singen im Begegnungschor. Foto: Marie Schilp
Offenes Singen im Begegnungschor. Foto: Marie Schilp
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Nivellierung der musikalischen Grenzen

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Eindrücke von der fünften Ausgabe des Festivals Chor@Berlin im Radialsystem
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Welche neuen Impulse lassen sich im Chorleben zurzeit verorten? Beim Festival Chor@Berlin konnte man in Workshops und Konzerten hierzu aufschlussreiche Erkenntnisse gewinnen.

Als Moritz Puschke, Geschäftsführer des Deutschen Chorverbands, und der Veranstaltungsmanager Folkert Uhde vor fünf Jahren das Festival Chor@Berlin gründeten, ging es darum, der innovativen Berliner Chorszene ein eigenes Forum zu geben. Die Idee war, möglichst viele Akteure der Chormusik im Berliner Radialsys-tem zusammenzubringen, damit sie von und miteinander lernen und konzertieren. Zugleich wollte man den Chören der Berliner Szene eine Bühne geben, denn in den vergangenen Jahren haben sich hier zahlreiche neue Ensembles gegründet, die sehr aufgeschlossen sind für neue Stile und Genres.

So ging es bei Chor@Berlin immer auch darum, diese Entwicklung aufzugreifen, zu fördern und mit neuen Impulsen zu versehen. Doch anders als in den vergangenen Jahren holte man sich in diesem Jahr für die Workshops und Konzerte vor allem Chorleiter und Chöre von außerhalb. Ein wichtiger Fokus lag dabei auf der neuen Chormusik, die in einer großen Vielfalt thematisiert wurde. Neue Musik, so die Überzeugung, ist längst nicht mehr nur die Angelegenheit von Spezialensembles, denn immer mehr Chöre zeigen sich aufgeschlossen für das zeitgenössische Repertoire.

Folglich lud der Dirigent Hans-Joachim Lustig für seinen „Intensivkurs Chordirigieren“ mit Jakub Neske, Martin Lutz und Ugis Praulins Komponisten ein, mit denen er auch selbst schon zusammengearbeitet hat. Es ging ihm darum, bei den Chorleiterinnen und Chorleitern mögliche Berührungsängs-te abzubauen und zu zeigen, wie inspirierend die Zusammenarbeit mit Komponisten sein kann. Besonders ermutigend fanden die Kursteilnehmer die Unkompliziertheit und Offenheit, mit der die Komponisten mit ihnen arbeiten. Der junge polnische Komponist Jakub Neske brachte zum Beispiel sein Stück „Mironczarnia“ mit in den Workshop. Neske, der vor seinem Dirigier- und Kompositionsstudium Mitglied einer Rockband war, verarbeitete diese Einflüsse auch in seinem fetzigen, polyphonen Chorstück. So legen sich über einen flotten 7/8-Rhythmus, der sich aus vorwärtsdrängenden gesungenen Wortfragmenten konstituiert, poppige Melodiefloskeln, die mal an den Sound von „Queen“, mal an den von „Metallica“ erinnern. Allein an diesem Stück zeigt sich beispielhaft, was neue Chormusik häufig ausmacht: Die Grenzen zwischen E- und U-Musik verwischen und öffnen sich zugleich für weltmusikalische Einflüsse. Interessanterweise war es dann die junge türkische Chorleiterin Elif Ceyda Cekmeci, die Neskes Stück im Rahmen des abschließenden Workshop-Konzerts sehr souverän präsentierte. Sie verwies darauf, dass die Musik ihrer Heimat ständig komplexe rhythmische Untergliederungen aufweist, ihr also solche Dinge quasi im Blut lägen. Die enge Zusammenarbeit mit Neske hat die Chorleiterin außerdem dazu ermutigt, die drei anwesenden Komponisten nach Istanbul einzuladen, um dort mit ihnen, gemeinsam mit türkischen Chören, zu musizieren. Solche Initiativen zu stimulieren, gehörte zum erklärten Ziel des Workshopleiters Hans-Joachim Lustig, der auch selbst viel über den produktiven Austausch mit Komponisten erzählte.

Lustig ermutigte die Chorleiter dazu, einfach Kontakt zu Komponisten aufzunehmen – zum Beispiel über soziale Netzwerke im Internet – und sie aufzufordern, für das eigene Ensemble zu schreiben. Lustig, der mit seinem Kammerchor I Vocalisti und dem auch nach Berlin angereisten Sonux-Ensemble bereits viele Uraufführungen leitete, erklärte, dass er auf diese Weise schon viele gute Erfahrungen gemacht habe.

Aus einem etwas anderen Blickwinkel betrachtete der künstlerische Leiter des Deutschen Jugendkammerchors, Florian Benfer, die Neue Musik. In seinem Workshop „Schwere Literatur leicht gemacht“ ging es darum, Berührungsängste gegenüber Neuer Musik abzubauen, indem man mit einer spielerischen Herangehensweise das Einstudieren erleichtert. Dass Chorleiter und ihre Chöre dabei zu ganz eigenwilligen Interpretationen kommen, ist, so Benfer, durchaus im Sinne der Musik. Eine solche Haltung fand sich übrigens durch die Aussagen der eingeladenen Komponisten bestätigt, die für einen kreativen Umgang mit ihrer Musik plädierten. Für Benfer hat die Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Musik aber noch ganz andere Aspekte, wenn er sagt: „Chorsänger wollen mit neuen Stücken etwas erleben und die eigenen emotionalen Höhen und Tiefen ausloten. Dabei kann die Neue Musik eine unglaubliche Eigendynamik entwickeln, und mit der arbeiten wir. Das ist ein Lebenselexier für die Chöre!“ 

Viele der neueren Stücke, die im Rahmen der Konzerte bei Chor@Berlin zu hören waren, kamen aus den skandinavischen Ländern. So machte Benfer, der zurzeit in Schweden lebt, darauf aufmerksam, dass dort die Förderung für neue Chormusik einen hohen Stellenwert einnimmt. Chöre, die bei Komponisten Stücke in Auftrag geben, bekämen hierfür auch staatliche Unterstützung. Friederike Woebcken, Professorin für Chorleitung in Bremen, bot einen Workshop zur skandinavischen Musik an, wobei sie den Sammelband „I Himmelen“ in den Mittelpunkt stellte. Dabei fällt auf, dass man in Nordeuropa die zeitgenössische Musik eines Sven David Sandström oder Knut Nystedt genauso gerne singt wie etwa anspruchsvolle Volksliedsätze oder ein gut gemachtes Arrangement der Popgruppe ABBA. „Vielleicht hängt dies damit zusammen“, meint Woebcken, „dass in Skandinavien die Selbstverständlichkeit des Singens ausgeprägter ist als bei uns, wo eher die Grenze zwischen E- und U-Musik gezogen wird. Ich glaube, an dieser Selbstverständlichkeit und Natürlichkeit des Singens – aus der ja die Literatur erwächst – können wir uns ein Beispiel nehmen.“

Das bei Chor@Berlin eingeladene Frauenvokalensemble „Sjaella“ könnte man als ein gutes Beispiel für einen unvoreingenommenen Umgang mit der Musik vieler Genres sehen. Das Ensemble aus Leipzig begeisterte das Publikum in einem ausverkauften Konzert, bot aber auch einen Workshop mit dem Titel „Der perfekte Ensemble-Klang“ an. Die vom klassisch-romantischen Repertoire geprägte Formation erobert sich nun auch die Bereiche Jazz und Pop, zugleich arbeitet man eng mit Komponisten und Arrangeuren zusammen und erschließt sich durch Improvisation eigene Stücke. Mehr Mut haben und mit viel Experimentierlaune Dinge einfach ausprobieren, war am Ende eine wichtige Botschaft ihres Workshops.

Eine weitere Botschaft, die von Chor@Berlin ausging, war, dass Chorsingen nur dann eine Zukunft hat, wenn bereits die Kleinsten dafür gewonnen werden. So hat der Deutsche Chorverband zusammen mit Fachleuten das  eigene pädagogische Konzept „Die Carusos“ entwickelt, das ein kindgerechtes Singen schon im Kindergarten ermöglicht. Im Rahmen eines Workshops für Erzieherinnen und Erzieher, das der Komponist und Schulmusiker Peter Schindler leitete, wurden Lieder aus dem dazugehörigen neuen Buch „Alle Lieder sind schon da“ gemeinsam geprobt und es wurde erläutert, wie man diese Lieder in spielerische Prozesse einbinden kann. Das Buch beinhaltet auch Lieder in vielen Sprachen und aus verschiedenen Kulturkreisen. Damit will man auch einer sich verändernden Gesellschaft gerecht werden, in der zunehmend Menschen unterschiedlichster Herkunft leben.

Genau in diese Richtung denkt auch der Chorleiter Michael Betzner-Brandt, der mit seinem sogenannten „Begegnungschor“ ein offenes Singen veranstaltete. In diesem Chor singen Berliner mit hier lebenden Menschen, die aus unterschiedlichsten Ländern geflüchtet sind. Im Mittelpunkt steht dabei der kulturelle und musikalische Austausch. „Wie soll man sich besser integrieren“, sagt Betzner-Brandt, „als wenn wir zusammenkommen, um ,Bint El Shalabiya‘ genauso selbstverständlich zu singen wie ,Die Gedanken sind frei‘. Man trifft sich jede Woche und freut sich, dass man sich miteinander austauschen kann.“

Chormusik, das hat Chor@Berlin gezeigt, zeichnet sich auch mehr und mehr dadurch aus, dass Berührungs-ängste schwinden. Man interessiert sich füreinander und lernt miteinander: Komponisten und Ensembles, Profis und Laien, Kinder und Erwachsene, Deutsche und Nichtdeutsche. Hier ist der Raum, wo Menschen, egal welcher Herkunft und Hautfarbe, eine Partizipation am Musik- und Kulturleben eröffnet wird. Und auch die Grenzen zwischen den Stilen und Genres werden fließend, wodurch in vielfältiger Weise Neues entsteht.

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