Nostalgie & Minimalismus

Neuerscheinungen der Popindustrie, vorgestellt von Sven Ferchow


(nmz) -
Verlässlichen Rock mit nostalgischen Nuancen und schönen Geschichten. Das sind The Killers. +++ Was für ein schönes Album von Hein Cooper. +++ „Happier Than Ever“ nennt Billie Eilish, die neue gefeierte Popikone, ihr zweites Album. +++ John Mayer, ein sehr guter Gitarrist und großer Popstar in Amerika, schickt sich mit seinem Album „Sob Rock“ an, in die Achtziger zu fliehen +++ Man kann diese Rubrik nicht ohne die posthume Veröffentlichung „Welcome 2 America“ von Prince beenden.
Ein Artikel von Sven Ferchow

Verlässlichen Rock mit nostalgischen Nuancen und schönen Geschichten. Das sind The Killers. Ihr siebtes Album „Pressure Machine“ macht da keine Ausnahme. Wenngleich die musikalischen Geschichten sich dieses Mal fokussierter zeigen. Frontmann Brandon Flowers berichtet in tristen Rückblicken und traurigen Erinnerungen aus seiner Heimatstadt Nephi (Utah).Und wahrscheinlich sind diese der Grund für ein Album, das weniger die opulenten, aber doch stets bekömmlichen Rockgesten der Band vortreten lässt, sondern insbesondere Brandon Flowers als Songschreiber vorstellt, der sich in dieser Rolle sichtlich wohlfühlt. Und folgerichtig in Songs wie „Quiet Town“ oder „Terrible Thing“ nicht nur in Art und Weise, sondern auch in Ton und Klang verdammt nah am Meister der musikalischen Erzählung vorbeischrammt: Bruce Springsteen. Natürlich wird „Pressure Machine“ auch mal lauter, aber die Zurückhaltung steht vielen Songs ganz wunderbar. (Island Records)

Was für ein schönes Album von Hein Cooper. „Turbulent Heart“ wurde zwar nur eine EP, aber die fünf Songs sind herzergreifend fröhlich. Basis sind sehr solide songwriterische Fähigkeiten, die sich ohne jede Anbiederung flockig zwischen Pop und Alternative einsortieren. Man könnte zweifellos jeden der fünf Songs in den neuen hippen Spartenprogrammen sämtlicher Radiostationen hören, gleichzeitig taugen sie jedoch auch als Soundtrack jedes sozialdramatischen Spielfilms im Sinne einer Milieustudie des Mittleren Westens der USA. (Nettwerk Music Group)

„Happier Than Ever“ nennt Billie Eilish, die neue gefeierte Popikone, ihr zweites Album. Leider braucht man auch bei diesem Album verdammt gute Nerven, um dieses minimalistische, ständig mit belegten Polypen und scheinbar entzündeten Nebenhöhlen vorgetragene Geschnute einmal durchzuhören. Natürlich. Da sind schon charmante Stellen zu finden. Wenn man hineininterpretiert, was eben gerade passen könnte. Und dass Billie Eilish, die die Songs zusammen mit ihrem Bruder schreibt und produziert, sehr wohl Talent hat, kann man gerne noch unterschreiben. „Dann mach auch was daraus“, möchte man ihr zurufen und „hau endlich auf den Putz“. Handbremse raus und auf die Zwölf. Auch wenn Minimalismus und „Ich bin nur ein armes ‚Hascherl‘ und meine Musik soll im Vordergrund stehen“ gerade en vogue ist, man kann auch ikonisch sein, dagegen zu schwimmen und laut zu sein. Trau dich, Billie. (Interscope)

John Mayer, ein sehr guter Gitarrist und großer Popstar in Amerika, schickt sich mit seinem Album „Sob Rock“ an, in die Achtziger zu fliehen. In eine Zeit der schmonzettigen Gefühle, der klebrigen Liebesgeständnisse und in eine Zeit, die sich unlängst Kollege Ryan Adams mit seinem Album „Wednesdays“ ebenso zurückwünschte. John Mayer hat sich wirklich alle Mühe gegeben. Schwülstige Keyboards pflastern den Weg, dezenter Gesang sorgt für Rosenduft und dahingeraffte Gitarrenakkorde vervollständigen die Zeitreise. Und ja. Klingt schon alles irgendwie nach Rick Springfield, vielleicht auch Don Henley oder Cock Robin. Es sind teils grauenhafte Momente der Achtziger, die John Mayer da zumindest zuckersüß und natürlich auch als Reminiszenz gedacht, ganz ordentlich hochhält und feiert. Ob man das öfter als einmal hören mag? (Columbia Records)

Man kann diese Rubrik nicht ohne die posthume Veröffentlichung „Welcome 2 America“ von Prince beenden. Musikalisch ein tolles Album, man muss Prince und seine Genialität hier nicht mehr verteidigen. Allerdings. Das Album benötigt eventuell schon Zusammenhänge, schließlich entstand ein Großteil der Songs bereits 2010. Damals umgab sich Prince – wieder einmal – mit einer fast komplett neuen musikalischen Entourage, so dass sich sein Focus extrem Richtung Funk der Siebzigerjahre verschob. Von daher ist es auf „Welcome 2 America“ nicht das Sperrige, das uns „einfache Leute“ so oft bei Prince irritiert. Es ist diesmal der Gesamtkontext, der das Album überraschender Weise zunächst sehr unnahbar macht. Von daher bietet es sich an, das Album einfach laufen zu lassen und nebenbei über Prince und seine verschollenen bzw. im heiligen Musiktresor aufbewahrten Hinterlassenschaften zu recherchieren. Eine sinnvolle wie hochspannende Beschäftigung (Legacy Recordings).

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