Nürnbergs erste Streicherklasse

Die Musikschule Nürnberg eröffnete Streicherklasse an einer Grundschule


(nmz) -

Violine, Bratsche, Violoncello und Kontrabass – Schülerinnen und Schüler der zweiten Klasse an der Theodor-Billroth-Schule Nürnberg erhalten in diesem Schuljahr Unterricht auf Streichinstrumenten. Zurzeit besuchen 25 Kinder die Streicherklasse: Zwölf davon spielen Violine, vier Kinder spielen Bratsche, fünf Kinder spielen Violoncello und vier Kinder haben sich für den Kontrabass entschieden.

Ein Artikel von Susanne Lehnfeld

Der Unterricht findet zweimal wöchentlich statt und ist in den normalen Vormittagsunterricht eingebunden: eine Registerprobe an zwei Tagen in der Woche für die einzelnen Instrumentengruppen, jeweils 45 Minuten lang und eine Tuttiprobe über 60 Minuten. Fünf Lehrkräfte der Nürnberger Musikschule sind daran beteiligt. Für die Violinen und Bratschen sind die Lehrkräfte Dörte Vaihinger-Görg, Barbara Casino und Fred Torres-Hass zuständig. Die Lehrerinnen Christiane Schubert und Corinna Zimprich unterrichten Violoncello und Kontrabass. „Diese Musizierklasse ist eine gute Einstiegsmöglichkeit, um die Kinder an ein Streichinstrument heranzuführen“, so Rudolf Wundling, Leiter der Musikschule Nürnberg. Noch immer habe es Pioniercharakter, die gestrichenen Instrumente Grundschülern nahe zu bringen. Das mag daran liegen, dass die Durchführung einer Streicherklasse sehr aufwändig ist. Die Schwierigkeiten beginnen bereits bei der Bereitstellung der Leihinstrumente. Sie müssen aus hochwertigem Material sein, was die Anschaffung kostenintensiv macht. Dazu kommen sogenannte Pufferinstrumente für Kinder, die einen Wachstumsschub machen. „Ein Kind, das aus den Ferien kommt und um einen Zentimeter größer geworden ist, braucht sofort die nächste entsprechende Geigengröße“, erklärt Rudolf Wundling. Diese muss der Lehrer aus dem Schrank holen können. Das bedeutet einen zusätzlichen finanziellen Aufwand, den aber die Musikschule bereit ist, zu stemmen. „Wir wollen, dass die Kinder von Anfang an solide ausgebildet werden“, betont der Musikschulleiter, der selbst Cellist ist. Deshalb haben die Lehrkräfte auch viel Vorarbeit geleistet und einen eigenen methodisch-didaktischen Weg für die praktische Arbeit in der Streicherklasse gefunden. Wichtig war dem Musikschulteam dabei, dass das gesamte Projekt in enger Zusammenarbeit mit den Eltern stattfindet. Sie zahlen für den Streicherklassenunterricht ihres Kindes 28 Euro pro Monat. Darin enthalten sind auch die Gebühren für die Leihinstrumente sowie deren Versicherung.

„Die Nachfrage nach der Streicherklasse ist so groß“, so Rudolf Wundling, „dass wir im nächsten Schuljahr bereits einen zweiten Zug starten werden“. Erst vor kurzem haben Grundschulleitung und Musikschule die nötigen Rahmenbedingungen abgesteckt: Einbindung in den Stundenplan und Klärung der Raumsituation. Neu wird sein, dass für die zweite Streicherklasse der Regelmusikunterricht an der Grundschule verwendet wird. Das Kultusministerium sieht hierfür die Möglichkeit vor. „Natürlich müssen dabei die Lehrplaninhalte umgesetzt werden, das können wir aber mit der Musizierklasse gut bewältigen“, erklärt Wundling. Das Kennenlernen bestimmter Lieder in der zweiten Klasse geschieht beispielsweise über das gemeinsame Musizieren. Die Lieder werden gesungen, dazu einstudiert wird eine gezupfte Begleitung auf den Streichinstrumenten. „Die Betreuung einer Streicherklasse ist kompliziert und fordert den Lehrkräften viel Anstrengung und Geduld ab“, räumt Wundling ein. Dennoch: Der vielfältige Nutzen ist aus Sicht des Musikschulleiters ungleich größer als der enorme Einsatz personeller, organisatorischer und finanzieller Mittel. „Wir können aus der Erfahrung mit Bläserklassen sagen,“ so Wundling, „dass die Kinder, die ein Instrument lernen und gemeinsam musizieren oft weiter sind als andere“. Ein sozialer Aspekt steht gerade auch in der Streicherklasse im Vordergrund, denn „wir wollen die Kinder so früh wie möglich an das gemeinsame Musizieren gewöhnen“. Für den engagierten Musikschulleiter gibt es noch einen weiteren Grund, die Musizierklassen in der Grundschule zu etablieren. Die bildungspolitischen Entwicklungen führen in Richtung der so genannten offenen Ganztagsschule mit Nachmittagsangeboten. An vielen bayerischen Schulen gibt es diese Form mit Mittagstisch und Nachmittagsbetreuung bereits. „Jetzt müssen wir die Erfahrungen sammeln, damit wir in der offenen Ganztagsschule nicht nur den Fuß in der Tür haben, sondern mittendrin sitzen“, sagt Wundling. Auch die Schulen stehen dem Angebot der Musikschule offen gegenüber. Die Musizierklassen seien hervorragend geeignet, so Wundling, das umfassende Erlebnis Musik so vielen Schülern wie möglich zu vermitteln. Das beweisen auch die Bläserklassen an drei weiteren Grundschulen. Für das kommende Schuljahr planen die Nürnberger eine neue Bläserklasse am Gymnasium. Zuvor aber wird die junge Streicherklasse beim Tag der offenen Tür der Musikschule, die heuer auf 70 Jahre ihres Bestehens zurückblicken kann, eine erste kleine Kostprobe ihrer Arbeit geben. An den Stücken „Mississippi-Donau-Duett“ und „Mary had a little lamb“ wird bereits kräftig geprobt.

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