Oboe d’amore auf dem Kaufhausdach

Das Freiburger Barockorchester trotzte der Krise an besonderen Konzertorten


(nmz) -
„Bitte die Tauben nicht füttern“, steht auf der Dachterrasse der Freiburger Karstadt-Filiale, wo sich einige Mitglieder des Freiburger Barockorchesters für ein Parcourkonzert versammelt haben. Die Sonne knallt auf den Steinboden. Mit rot-weißem Absperrband ist der Zuschauerbereich markiert. Aber auch die Restaurantgäste können einen Blick auf das bekannte Orchester werfen und den Tönen lauschen, die sich auf ungewohntem Terrain einen Weg durch das Brummen der Klimaanlage bahnen. Wäscheklammern sichern die Noten.
Ein Artikel von Georg Rudiger

Antonio Vivaldis Concerto da Camera in g-Moll für Flöte, Fagott, Violine und Basso continuo klingt unter der Führung des künstlerischen Leiters Gottfried von der Goltz an der Violine federnd und tänzerisch. Im Variationssatz glänzt Fagottist Javier Zafra mit beeindruckender Virtuosität, die man dem Instrument gar nicht zutraut. Bei Tomaso Albinonis Concerto in D-Dur erweitert sich das Ensemble um zwei Oboen d’amore und zwei Naturhörner, denen Bart Aerbeydt und Gijs Laceulle launige Piano-Forte-Kontraste entlocken. Danach gibt es noch ein lus­tiges Gruppenbild vor dem leicht veränderten Warnhinweis. Jetzt ist da zu lesen: „Bitte die Musiker nicht füttern.“

Das Freiburger Barockorchester spielt wieder – das ist die entscheidende Nachricht des Sommerklang-Festivals, das die Musikerinnen und Musiker an ungewohnte Orte wie die Lorettokapelle auf dem Lorettoberg oder eben die Dachterrasse eines Kaufhauses mitten in der Innenstadt führt. Eigentlich waren für Juli und August 2020 Auftritte bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen, beim Gstaad Festival, dem Tanglewood Festival in Bos­ton und dem Mostly Mozart Festival in New York geplant. In der Corona-Pandemie tritt das FBO nun zu Hause in Freiburg vor wenigen Zuhörern auf. Die rund 1,5 Millionen Euro Verlust bis Ende des Jahres reißen zwar ein großes Loch in die Finanzen, aber Intendant Hans-Georg Kaiser ist es mit seinem achtköpfigen Team gelungen, das Schlimmste abzuwenden. „Die Existenz des Freiburger Barockorchesters ist nicht mehr gefährdet“, sagt er im Gespräch. Für das an drei Wochenenden stattfindende Sommerklang-Festival, das kleine Besuchergruppen in einem Parcours zu verschiedenen Kammermusikformationen des Orches­ters führt, ehe man sich am Abend vor dem Ensemblehaus zu einem Open-Air-Konzert versammelt, erhielt das FBO 200.000 Euro vom Förderprogramm des Bundes für freie Ensembles. „Damit können wir 40 Musikerinnen und Musiker drei Wochen lang beschäftigen“, sagt Kaiser. Besonders für sonst regelmäßig engagierte Gäste ist die finanzielle Situation prekär, weil seit  dem Frühjahr sämtliche Einnahmen weggebrochen sind.

Die nächste Station des Klangparcours führt ins Industriegebiet Nord. Hier hat der FBO-Mäzen Paul Ege, der im letzten Jahr verstorben ist, für seine Kunst-Sammlung das PEAC Museum eingerichtet. Der Blick aus dem Fenster fällt auf große Kabelrollen. Im weißen Ausstellungsraum treffen dreizehn Instrumentalisten auf zehn Zuhörer. Johann Sebastian Bachs Kantate „Non sa che sia dolore“ klingt hell timbriert mit großem, sinnlichen Ton. Dorothee Mields beglückt mit feiner Linienführung und großer Musikalität – und sorgt mit der als Zugabe gespielten Telemann-Arie „Mein Vergnügen wird sich fügen“ für weitere Glückshormone beim Publikum. Einmal quer durch die Stadt geht es zum Ensemblehaus im Freiburger Osten. Zum Abschlusskonzert trifft man sich auf der Wiese und sitzt auf loungig umgebauten Paletten oder Plastikstühlen – der Picknickkorb ist dabei. Das Freiburger Barockorches­ter spielt im Gebäude Konzerte von Antonio Vivaldi, darunter den „Sommer“ aus den „Vier Jahreszeiten“. Bild und Ton werden live und in guter Qualität, nur mit etwas zu viel Hall auf die Großbildleinwand draußen übertragen. Auch hier erreicht das Freiburger Barockorchester ein ganz neues Publikum, weil viele auf dem vorbeiführenden Fahrradweg stehen bleiben und dem Konzert zum Sonnenuntergang lauschen. Zum begeisterten Schlussapplaus kommen die Orchestermitglieder mit der Sängerin Carolyn Sampson, die noch eine Händel-Arie als Zugabe schenkt, aus dem Ensemblehaus und verbeugen sich vor ihrem Publikum. Ein besonderer Moment in besonderen Zeiten.

Die kommende FBO-Saison beginnt am 1. Oktober im Freiburger Konzerthaus hochkarätig mit Beethovens Violinkonzert, gespielt von Isabelle Faust. „Leonore“ mit Nicole Chevalier in der Titelpartie (Leitung: René Jacobs) ist das nächste Highlight (11.10. Freiburg, 13.10. Berlin). Viele der Konzerte werden ohne Pause zweimal am gleichen Tag gespielt, da im Freiburger Konzerthaus nur 488 Zuhörer zugelassen sind. Weitere Höhepunkte der Saison sind ein Mozartprogramm mit dem Tenor Daniel Behle im Januar, Händel-Arien mit der Sopranistin Anna Lucia Richter im Februar, Händels Oratorium „Saul“ im April und „Der Freischütz“ unter René Jacobs als Freiburger Saisonabschluss am 25. Juni 2021. Parallel zum offiziellen Konzertprogramm wird das Freiburger Barockorchester im Herbst in Baden-Württemberg unterwegs sein, um sich an besonderen Orten wie der Tauberphilharmonie in Weikersheim oder der Wallfahrtskirche in Birnau mit Sonderkonzerten bei Menschen zu bedanken, die in der Coronakrise geholfen haben.

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