Orient und Okzident in der Stadt der Kontraste

Das Al-Bustan Festival in Libanons Hauptstadt Beirut hatte dieses Jahr Königinnen und Kaiserinnen zum Thema


(nmz) -
Fünf Frauen in fünf Wochen. Und jede Frau sagenhaft: nur Königinnen und Kaiserinnen! Mit Scheherazade, Semiramis, Medea, Cleopatra und Zenobia hatte das diesjährige Al-Bustan Festival in Libanons Hauptstadt Beirut legendäre Frauenfiguren erkoren, um die sich von Mitte Februar bis Ende März das musikalische Programm rankte.
Ein Artikel von Michael Ernst

„Queens & Empresses of the Orient“, Königinnen und Kaiserinnen des Orients, das klang magisch als Thema. Der Anspruch dahinter hatte handfeste Gründe. Myrna Bustani, die 80-jährige Gründerin des Festivals, will damit auf die Gegensätze zwischen historischem und heutigem Frauenverständnis im Nahen Osten aufmerksam machen.

Die Frauen im Libanon sind heute sehr frei“, so Myrna Bustani, „sie können sich kleiden, wie sie wollen, können ausgehen, einkaufen, Auto fahren und sich vergnügen.“ Nur in der beruflichen Verwirklichung würden ihnen auch heute noch sehr enge Grenzen gesetzt werden, von politischer Machtausübung ganz zu schweigen.

Madame Bustani war einst die erste Frau im libanesischen Parlament – weil sie auf den Posten ihres verstorbenen Mannes nachgerückt ist. Der war ein erfolgreicher Industrieller mit besten Aussichten auf das Präsidentenamt. 1963 kam Emile Bustani bei einem Flugzeugunglück ums Leben. Seine Witwe hält bis heute das Andenken hoch und gründete vier Jahre nach dem Ende des von 1975 bis 1990 tobenden Bürgerkriegs das Al-Bustan Festival. Ausgetragen wird es überwiegend im Emile Bustani Auditorium des familien­eigenen Hotels hoch über der Hauptstadt. Dieser Konzertsaal genießt augenscheinlich in ganz Beirut Bekanntheit. Für einige wenige Veranstaltungen gastiert man in umliegenden Kirchen.

Sagenhaft orientalisch

Beirut ist eine lautstarke Stadt. Vorherrschende Geräusche im einstigen „Paris des Nahen Ostens“: Autohupen und Motorenlärm, unentwegt dröhnende Baustellen, darüber dehnen sich Klänge von Kirchenglocken und von Muezzinrufen. Hier und da überraschen aber auch Gänsegeschnatter sowie krähende Hähne.

Beirut ist die Stadt der Kontraste. Ein Titel, der schon vielen widerspruchsreichen Orten angehängt worden ist, hier aber nicht nur von sprichwörtlicher, sondern auf Schritt und Tritt von ganz realer Bedeutung ist. Der furchtbare Bürgerkrieg, der 15 Jahre lang im Libanon tobte – angefacht letztendlich durch Stellvertreterschlachten von Israel, der Sowjetunion und den USA – hat das Land nachhaltig ruiniert. Nicht nur Bausubstanz und Infrastruktur haben darunter gelitten, auch die Natur. Nicht nur menschliches Leben und Leid sind zu beklagen gewesen, auch die Moral. Gehandelt wurde vor allem mit Drogen, Waffen und Wasser, skrupellose Subjekte haben Riesengewinne gemacht und sich nun auf Immobiliengeschäfte verlegt. Kriegsgewinnler wittern überall Profit, haben nach den Schlachten billig Grund und Boden aufgekauft und teuer verhökert. Heute wehren NGOs den absoluten Ausverkauf ab und setzen sich dafür ein, alte Bausubstanz zu erhalten. Sonst würde Beiruts Zentrum bald flächendeckend von Renditeobjekten aus Glas und Beton geprägt sein.

Während des Krieges haben viele Familien – mit ihnen ganze Berufsgruppen – das Land an der Levante verlassen. Beirut soll einst ein Zentrum der Glasbläser gewesen sein – derzeit gibt es noch einen einzigen Handwerker in diesem Metier. Er genießt ebenso wie einige wenige Instrumentenbauer Kultstatus – und kann der billigen asiatischen Plastikflut keinerlei Einhalt gebieten. Der Massengeschmack giert nach Autos und produziert unendlich viel Müll. Dieser banale Trieb überwindet offensichtlich sämtliche Standes- und Glaubensgrenzen. Ansonsten sind im Libanon – einem Land mit geschätzt vier bis sechs Millionen Einwohnern, die letzte Volkszählung gab es in den 1930er-Jahren – sämtliche Probleme sowie alle Fragen und Antworten dazu religiös motiviert. Hoch über der küstennahen Autobahn zwischen Beirut und Byblos segnet eine überdimensionale Christusfigur die wie an einer Perlenschnur aufgereihten Autohäuser sowie die Verkaufsstände weiterer Heiligenfiguren aus Gips. Die Gegend ist christlich geprägt und zubetoniert.

Kunstsinniger Anspruch

Dass Beirut ein eigenes Sinfonieor­chester besitzt, ist außerhalb des Landes nahezu unbekannt. Dabei ist der hauslose Klangkörper international besetzt und bietet wöchentlich neue Konzerte mit einem umfangreichen Repertoire an wechselnden Orten. Vorgesehene Anfangszeiten sollen nur sehr selten einzuhalten sein, der permanente Verkehrskollaps macht das pünktliche Erscheinen der Gäste unmöglich. Nicht selten wohl auch das der beteiligten Musikerinnen und Musiker.

Beim Al-Bustan Festival war dies ähnlich. Öffentlichen Nahverkehr gibt es so gut wie gar nicht, die Taxifahrer bemühen sich um eine äußerst zielstrebige Fahrweise, was aber nichts nützt, wenn die Automobile auf zwei-, dreispurigen Straßen in vier, fünf Reihen nebeneinander stehen, durchmischt von Zweirädern, die noch die kleinste Lücke für sich beanspruchen. An Vorankommen ist kaum zu denken, schon gar nicht an eine zügige Fahrt aus der so kontrastreichen City auf die Höhenlage von Madame Bustani. Deren Hotel und der Park drumherum sind von größtem Kunstsinn geprägt. Plastiken zieren den Garten, Leinwände füllen die Wände, selbst die Fahrstühle sind von ledernen Buchrücken geprägt. Mit jedem Blick ist der Anspruch der Festivalchefin zu spüren. Auch eine Sonderausstellung lässt sie zum Festival präsentieren, diesmal mit „Kunst-Attacken“ von Jad El Khoury, dessen farbige Abbilder zerschossener Fassaden auch im Straßenbild präsent sind. Allenorts bietet Beirut Erinnerungen an diesen Krieg und die damit verbundene Zäsur – und nur gut 100 Kilometer weiter westlich toben die Kämpfe zwischen Syriens Machthabern, Unterstützern und diversen Gegnern.

Königinnen und Kaiserinnen

Ist der Nahe Osten je friedlich gewesen? Fruchtbar war und ist er in jedem Fall, auch unter kulturhistorischem Aspekt. Die Herrscher, seien sie phönizischen Ursprungs, seien es römische Usurpatoren gewesen, sie haben Gebiete erobert, Dinge zerstört und Neues geschaffen. Noch heute künden die Ruinen von Baalbeck und Byblos davon. Für bleibende Spuren haben aber auch die sagenumwobenen Königinnen und Kaiserinnen gesorgt. Mit Nachwirkungen bis heute, man denke nur an die von Herodias und Salome inspirierten Kompositionen von Gounod, Mozart und Strauss, die zur Eröffnungsgala erklangen.

Der persischen Königin Scheherazade geweiht waren Konzerte des im vergangenen Jahr unter der musikalischen Leitung des Italieners Gianluca Marcianò gegründeten Festivalorchesters, das in diesem Jahrgang eine Orchesterakademie erhielt. Dass da Kompositionen von Ravel und Rimski-Korsakow auf dem Programm standen, versteht sich von selbst. Aber selbst grenzüberschreitende Musik war zu hören, so auch im Zeichen der Semiramis, der babylonischen Königin, die den inhaltlichen Schwerpunkt der zweiten Festivalwoche setzte. Ihr war ein Konzert der Sopranistin Anna Bonitatibus gewidmet, mit dem eine Aufführung von Rossinis „Stabat mater“ schillernd kontrastierte.

Prinzessin Medea, wie sie von Euripides bis heute mal als Kindsmörderin, mal als Opfer von Machtpolitik dargestellt wird, gab in der dritten Woche den Ton an – basierend auf Cherubinis gleichnamiger Oper. Mit Elgar und Rachmaninov glänzten der Geiger Renaud Capucon und die Pianistin Khatia Buniatisvili, die neben Solokonzerten auch einen Kammerabend gestalteten. Hier sowie in Ausflügen gen zu Tango und Piazzolla wurden die thematischen Eckpunkte des Festivals stark erweitert. Ebenso bewiesen der Schweizer Cellist Lionel Cottet und der Pianist Jorge Viladoms aus Mexiko genrebezogene Offenheit, da es zu den erklärten Zielen Myrna Bustanis gehört, mit musikalischer Vielfalt an die einst selbstverständliche multikulturelle Prägung der Levante zu erinnern.

Starken Themenbezug wiederum brachte das La Folia Barockorches­ter um Robin Peter Müller mit einem von der Schweizer Sopranistin Regula Mühlemann gesungenen „Cleopatra“-Projekt nach Beirut. Ins nahe Palmyra blickte schließlich das Abschlussprogramm, das an die von dort stammende Herrscherin Zenobia gemahnte und angesichts neuer Zerstörungsorgien große Nachdenklichkeit hinterließ.

2018 begeht das Al-Bustan Festival 2018 sein 25-jähriges Bestehen. Myrna Bustani will dieses Jubiläum mit Musik von Johann Sebastian Bach feiern.

www.albustanfestival.com

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