Paul Maar, Musik und Inselluft vor der Corona-Pandemie

BUNTERKUNTe Projektwochen mit dem duo pianoworte


(nmz) -
Wangerooge/Hannover. „Ein Mann aus Mogadischu vermisste seinen Schischuh, doch weil‘s dort nie schneite, war‘s keine große Pleite“. Lauthals und voller Freude singen auf der Insel Wangerooge Kinder der Inselschule die erste Strophe der „Kleinen Länderkunde“ von Paul Maar. Wie es dazu gekommen ist?
Ein Artikel von Lana Westendorf

Im September 2018 lerne ich Bernd-Christian Schulze und Helmut Thiele – das duo pianoworte – als Studentin des Fächerübergreifenden Bachelors an der Musikhochschule Hannover bei dem Blockseminar „Musik, Sprache, Aufführung“ kennen. Die Aufgabe von uns Studierenden ist dabei, innerhalb einer Woche ein Schulkonzert für eine 5. Klasse mit einer Geschichte eigener Wahl aufführungsreif zu gestalten: Textbuch erstellen, Requisitenbeschaffung, intensive Proben, Licht, Technik oder Ton. Die Arbeit mit den beiden macht mir Spaß, und am Ende steht ein großartiges Ergebnis.

Als ich dann ein halbes Jahr später vom duo pianoworte gefragt werde, ob ich Lust hätte, als Assistentin bei mehreren Projektwochen zum Thema „Paul Maar“ mitzuwirken, habe ich zwar noch keine Ahnung, was da auf mich zukommt, willige aber freudig ein.

Das Duo hatte die Idee, in Verbindung mit Texten von Paul Maar Musik für Kinder im Grundschulalter erlebbar zu machen und dabei ganze Schulen in Projektwochen aktiv miteinzubeziehen. Der persönliche Kontakt zu dem Schriftsteller wurde hergestellt, dieser erklärte sich sofort bereit, das Ziel zu unterstützen und steuerte sogar den Titel BUNTERKUNT bei.

Der Felicitas und Werner EgerlandStiftung ist es schließlich zu verdanken, dass 2019 und 2020 fünf Projektwochen an niedersächsischen Schulen finanziert werden: zunächst an der Inselschule Wangerooge, dann je eine an Grundschulen in Osnabrück, Hannover und Sarstedt und schließlich an der Herman-Nohl-Schule für Erzieher in Hildesheim. Darüber hinaus wird im Vorfeld auch eine CD mit Auftragskompositionen renommierter Komponisten nach Texten Paul Maars finanziert. Es entstehen dafür Werke unterschiedlichster Form mit vertonten Texten für Erzähler und Klavier bzw. Perkussionsinstrumente sowie Lieder, die auf der Aufnahme vom Mädchenchor Hannover interpretiert werden.

Die Logistik einer solchen Projektwoche ist natürlich eine Herausforderung und ich steige von Anfang an voll mit ein. In täglichen Intensiv-Workshops sollen mit allen Klassen bzw. Kindergruppen der Schulen Anteile für ein Konzert am letzten Projekttag erarbeitet werden. Klingt vielversprechend!Geplant wird eine Klaviergruppe, die für die Geschichte „Die Tochter des Mäusekönigs“ unter Anleitung von Bernd-Christian außergewöhnliche Klänge im Flügelinnenraum erkundet und darüber hinaus mit Perkussionsinstrumenten ein Rhythmical

für den Baulärm im „Turm aus Kornspeichern“ einübt. Zu dieser Story gibt Helmut Workshops zu Sprache und Ausdruck sowie Schauspielunterricht für die Hauptdarsteller und arbeitet ebenfalls mit Schlaginstrumenten.Eine Chorgruppe für die Einstudierung der „Kleinen Länderkunden“ und eine Tanzgruppe für Bewegungschoreografien in „Die Tochter des Mäusekönigs“ ergänzen die Workshop-Palette zu einem umfassenden Angebot für die komplette Schule. Beide Gruppen sollen auf Wangerooge zunächst von mir angeleitet werden, bei den späteren Projekten ergänzen dann Nadine bzw. André von der Musikhochschule Hannover das Projektteam.

Darüber hinaus kommen die Kinder in der Projektwoche mit zahlreichen weiteren Inhalten in Berührung, z. B. mit dem Dichten eigener Länderkunden oder der Vollendung der Erzählung „Die böse Zauberin und ihre gute Tochter“ – dazu hat Paul Maar selbst nämlich gar kein Ende verfasst.Ich bekomme Noten und Aufnahmen der Musik, zu der ich Choreographien erstellen soll. In vielen Telefonaten und Meetings entsteht ein grobes Konzept für die erste Projektwoche auf Wangerooge. 36 Kinder der 1. bis 7. Klasse werden wir dort betreuen. Noch auf der Fähre entstehen die letzten Ideen.

Dann geht es los und auch das Kollegium der Schule zieht voll mit. Es werden eigene Kurzgedichte im Stil von Paul Maar verfasst, Geschichten von Paul Maar illustriert, Kostüme und vieles mehr gebastelt. Meine Nachmittage sind gefüllt mit Planungssitzungen und der Erstellung des Probenplanes für den jeweils folgenden Tag.Der Chor wird von Tag zu Tag besser. Die Tonart ändern wir, es ist offenbar doch ein Unterschied, ob der Mädchenchor Hannover oder ein Schulchor singt. Am Donnerstag bildet sich sogar noch ein Lehrerchor, der die Kinder am Freitag unterstützen wird. In der Tanzgruppe sind alle damit beschäftigt, die vier Heirats-Kandidaten in „Die Tochter des Mäusekönigs“ darzustellen: Den Mond eher akrobatisch mit Kerze und Brücke, die Wolke durch einfache Ballett-Figuren, den Wind mit einer Tücher-Choreografie und die Mauer durch energische, kraftvolle Tanzschritte.

Ich lerne jeden Tag dazu. Kinder haben einfach ein unglaubliches Energiepotenzial, das auch durch den Spaß an den Texten von Paul Maar beflügelt wird. Außerdem herrscht Ausnahmezustand in der Schule. Wir haben das Privileg, ein Programm anzubieten, das den normalen Unterricht ablöst, den Alltag durchbricht.Die einstündige Aufführung des duo

pianoworte zusammen mit den Kindern am Freitag für die Eltern wird ein voller Erfolg. Ich bin unglaublich stolz auf die Kinder und fahre mit einer großen Menge an Erfahrungen nach Hause, wie man sie nur bei solchen Projekten machen kann. Die nächsten Schulen warten schon auf uns und damit weitere Herausforderungen: In Osnabrück werden wir 180 Kinder zu betreuen haben, was natürlich eine ganz andere Logistik und viele Kreativanteile des dortigen Kollegiums erfordert. Aber da bin ich jetzt sehr zuversichtlich.Rückblickend betrachtet ist es kaum zu glauben, was alles mit vereinten Kräften, viel Motivation sowie Vertrauen in die Kollegen in wenigen Tagen geschafft werden kann und dann auch nachhaltig wirkt. Denn das tut es:
Als ich in den Ferien einige Wochen nach dem Projekt der Inselschule wieder einen Besuch abstatte, schallt mir sofort aus mehreren Mündern die erste Strophe der „Kleinen Länderkunde“ entgegen. Was für eine tolle Begrüßung!
  

 

 

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