Personalia (2009/12)

Harnoncourt, Weber, Hamel, Bolin


(nmz) -
Der Dirigent und undogmatische Aufführungspraktiker Nikolaus Harnoncourt wird achtzig - GEMA-Stiftung und Union Deutscher Jazzmusiker ehren Eberhard Weber - Hamel bestätigt - Bill Lloyd - Norbert Bolin
Ein Artikel von nmz

Als Klangredner unermüdlich unterwegs

Der Dirigent und undogmatische Aufführungspraktiker Nikolaus Harnoncourt wird achtzig

„Zeitgenössische Künstler sind für mich so etwas wie Brückenbauer: Sie bauen Brücken in den Nebel hinein und wissen nicht, ob das andere Ufer überhaupt da ist. Sie komponieren und komponieren im totalen Vertrauen darauf, dass es ein anderes Ufer gibt und dass es dann irgendwo wieder weitergeht. Das finde ich groß. Und ich habe ein schlechtes Gewissen, dass ich nicht mit in diesem Nebel bin!“

Das schlechte Gewissen, das Nikolaus Harnoncourt 1997 in einem Interview angesichts seiner Ferne von der zeitgenössischen Musik packte, ist kennzeichnend für das Selbstverständnis eines Musiker, der wie kaum ein anderer Interpret des 20. Jahrhunderts das Nachdenken über eine den verschiedenen Epochen angemessene Musizierweise und damit immer auch sich selbst hinterfragt hat. Andererseits ist Harnoncourt, der am 6. Dezember seinen 80. Geburtstag feiert, nur allzu oft selbst in Gebiete aufgebrochen, die den meisten zu jener Zeit, als er seinen Concentus Musicus Wien gründete, nebulös vorgekommen sein dürften: Gambenfantasien von Henry Purcell, Musik der Hofkapelle Innsbruck, Baryton-Trios von Joseph Haydn …

Das Infragestellen eines einmal erreichten Kenntnisstandes bezog sich bei Harnoncourt bald auch auf die Frage nach dem vermeintlich „authentischen“ Instrumentarium, eine Kategorie, der er sich durch die Zusammenarbeit mit dem Amsterdamer Concertgebouw Orchester und später mit vielen anderen „modernen“ Klangkörpern von Weltrang immer wieder entzogen hat. Entscheidend sind stets jene Kategorien, die sich aus dem jeweiligen Repertoire ableiten. Harnoncourt ist hier längst bis weit ins 19. Jahrhundert hinein vorgedrungen, immer auf der Suche nach sprechender Artikulation, nach einer von den instrumentalen Voraussetzungen der Zeit ausgehenden Abmischung des Klangs und einer konsequenten Auslegung des Notentextes.

Wenn man ihm auch nicht in allen Entscheidungen und Erkundungen rückhaltlos folgen mochte, Eines steht fest: Ohne Harnoncourts stets von der Suche nach wahrhaftigem musikalischem Ausdruck geprägten Aufbrüchen in Nebelgebiete würden wir in Bezug auf so manchen Komponisten heute weniger klar sehen.

Zwei Publikationen sind anlässlich des 80. Geburtstages des Dirigenten anzuzeigen: In den 2005 erstmals erschienenen und nun bei Bärenreiter vorliegenden „Mozart-Dialogen“ kommt der eloquente Autor und Interviewpartner ausgiebig selbst zu Wort, wobei Mozart keineswegs alleiniger Bezugspunkt bleibt.

Johanna Fürstauer und Anna Mika wiederum haben den Versuch unternommen, unter dem Motto „Oper, sinnlich“ die „Opernwelten des Nikolaus Harnoncourt“ zu erforschen (Residenz Verlag). Im Mittelpunkt stehen wichtige Opernproduktionen von Monteverdi über Purcell und Händel zum Zentrum Mozart und von dort weiter über Beethoven, Weber, Schumann, Strauß, Verdi zu Strawinsky und Gershwin. Harnoncourt scheint unermüdlich weiter unterwegs zu sein, gut so. [Juan Martin Koch]

Deutscher Jazzpreis für den Botticelli des E-Basses

GEMA-Stiftung und Union Deutscher Jazzmusiker ehren Eberhard Weber in Berlin. Der Bassist und Komponist Eberhard Weber (Bild Mitte) ist mit dem Deutschen Jazzpreis ausgezeichnet worden. Die mit 15.000 Euro dotierte Ehrung der GEMA-Stiftung wurde dem 69-Jährigen am 6. November von Manfred Schoof, Präsident der Union Deutscher Jazzmusiker (auf dem Bild rechts), und Jürgen Brandhorst, dem neuen Geschäftsführer der GEMA-Stiftung, im Rahmen des Jazzfestes Berlin verliehen. Weber, der von Insidern auch gerne „Botticelli of the Bass“ genannt wird, ließ in seiner Dankesrede deutsche Jazzgeschichte lebendig werden. Stilprägend war Weber vor allem durch die Entwicklung eines quasi korpuslosen E-Bass‘ mit einer zusätzlichen C-Saite, der es ihm möglich machte, sehr sangliche Basslinien zu spielen.

Der Bassist spielte unter anderem mit Gary Burton, der Pat Metheny Group und Jan Garbarek. Zusätzlich zu seiner Musikerkarriere arbeitete er jahrelang als Fernseh- und Theaterregisseur. In der Union Deutscher Jazzmusiker gehört er zum künstlerischen Beirat. Der Deutsche Jazzpreis – der Albert-Mangelsdorff-Preis – wird alle zwei Jahre an deutsche Musikerpersönlichkeiten verliehen, die in der kompositorischen wie in der spielerischen Dimension hohe Beachtung in der künstlerischen
und kulturellen Fachwelt erlangt haben.

Die GEMA-Stiftung wurde 1975 gegründet und ist eine öffentliche Stiftung bürgerlichen Rechts. Die gemeinnützige Förderung ist zweckgebunden und unterstützt Musikautoren bei ihrer Ausbildung oder bei der Umsetzung musikalischer Produktionen und Projekte.
Foto: GEMA

Hamel bestätigt

Der seit 1997 an der Hamburger Hochschule für Musik und Theater lehrende Münchner Komponist Peter Michael Hamel wurde zum dritten Mal für den Vorsitz der Musiksektion der Freien Akademie der Künste zur Wahl vorgeschlagen und mit großer Mehrheit wiedergewählt. Die dreijährige Amtszeit wird im Herbst 2012 mit seiner Pensionierung an der Musikhochschule enden.

Als sein Vertreter wird der aus Speyer stammende Kompositionsprofessor Dieter Mack fungieren, der an der Lübecker Musikhochschule lehrt und dort kürzlich zu einem der Vizepräsidenten gewählt wurde.

Hamel bemüht sich derzeit bei der Kulturbehörde erneut um einen Etat für musikalische Veranstaltungen, wie er in anderen Akademien, etwa in Berlin oder München, üblich ist. Die Musikabteilung der Freien Akademie musste ihre Portraitkonzerte bisher immer ohne Planungssicherheit durchführen und präsentierte in der Reihe „Ist komponieren lehrbar?“ ihre stets ehrenamtlich mitwirkenden Mitglieder wie Lachenmann, Ligeti, Rihm, Trojahn oder Zender mit deren ehemaligen Studierenden.

Die von dem Hamburger Schriftsteller, Orgelbauer und Forscher Hans Henny Jahnn gegründete Freie Akademie der Künste wird am 14. Juni 2010 ihren 60. Geburtstag feiern. www.fadk.de

Neuer Direktor

Bill Lloyd wird neuer Direktor für Künstlerprogramme am renommierten englischen Britten-Pears Young Artist Programme (BPP). Wie die Mutterorganisation Aldeburgh Music mitteilt, wird Lloyd, der derzeit als Dramaturg und Produzent für die BBC arbeitet und unter anderem das BBC Scottish Symphony Orchestra betreut, für die Meisterkurse des BPP sowie die Residence-Programme verantwortlich sein.

Das 1948 von Benjamin Britten gegründete Aldeburgh Music hat kürzlich durch die Eröffnung eines wesentlich erweiterten „Creative Campus“ von zirka 16 Millionen Pfund für Aufsehen gesorgt.

Bachakademie

Die Internationale Bachakademie Stuttgart gibt bekannt, dass sie sich von ihrem musikwissenschaftlichen Leiter Norbert Bolin in gegenseitigem Einvernehmen getrennt hat. Grund sei eine strukturelle Veränderung innerhalb der Bachakademie. Der Bereich Musikwissenschaft wird künftig mit dem Bereich Dramaturgie verschmolzen und von Michael Gassmann als Chefdramaturgen geleitet. Gassmann arbeitet seit dem 1. Oktober 2008 als Dramaturg für das neuprofilierte Musikfest Stuttgart bei der Bachakademie. Er ist A-Kirchenmusiker, promovierter Musikwissenschaftler und war mehrere Jahre als Journalist, insbesondere für die FAZ, tätig.
 

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