Pest, Cholera?

Theo Geißler über „Bündnisse für Bildung“ und den Verlierer der Wahl: die Kultur


(nmz) -
Bald dürfen wir wählen. Wer regiert uns – auch bildungs- und kulturpolitisch betrachtet – eigentlich: Das selbstgewählte Elend? Betrachten wir kurz ein Beispiel aus dem Bund. Da spendiert – noch unter der Ägide von Annette Schavan – das Ministerium für Bildung und Wissenschaft ein knappes Viertel Milliärdchen zur Projektförderung von „Bündnissen für Bildung“. Die Ausschreibungs- und Verteilungsmodalitäten sind derartig bürokratisch und praxisfern, dass uns viele „begünstigte“ Institutionen bis heute nicht mitteilen konnten, ob sie die zugesagten Mittel unter der Controlling-Obhut unserer Deutschen Luft- und Raumfahrt-Gesellschaft „DLR“ (kein Witz!) vorgabengerecht verteilen können.
Ein Artikel von Theo Geißler

 Wie es aussieht, kann die DLR aus ihren Verwaltungskosten und nicht verwendeten Geldern dieses tröpfelnden Bildungs-Gießkännleins bald endlich ihre theoretischen Planungen zur Besiedlung der Venus weitertreiben.

Ein kurzer Blick ins sattschwarze Bayern: Mit ein paar Federstrichen entleibt der Zahnarzt und Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP) eine gewachsene zivilgesellschaftliche Kultur-Struktur – die „Landes-Arbeitsgemeinschaft Jazz in Bayern“. Die Vermutung sei gewagt, um jahrelange problematische Zuwendungspraktiken seines Hauses zu „reparieren“ (mehr in der beiliegenden JazzZeitung).

Angeblich um Geld, ums Sparen, um vier oder fünf Millionen geht es bei der Musikhochschul-Zerstörungsplanung im benachbarten Baden-Württemberg. Die offensichtlich in jeder Beziehung „grüne“ Ministerin Theresia Bauer hat mit Argumenten aus dem Tollhaus die de-facto-Vaporisierung der Musikhochschulen in Mannheim und Trossingen auf ihre Agenda gesetzt. Im peinlichen Schulterschluss mit den offensichtlich heftig konkurrierenden und nur auf ihre eigene Stabilisierung bedachten Instituten Freiburg, Karlsruhe und Stuttgart präsentierte sie ein Papier, das bei genauerer Betrachtung gar keinen Spar-Effekt generieren würde: Allein die Deformation der Trossinger Musikhochschule zu einer Sommerakademie-Prothese samt Schmalspur-Aufgabenfeld geriete teurer als der ersehnte Einspar-Effekt.

Von Ignoranz und Präpotenz strotzt das Bauersche Arguments-Geklitter: Die Hochschulen würden zu viele Musiker ausbilden – die deutsche Orchesterlandschaft schrumpfe schließlich. Arrogant das überkommene anbiedernde Exzellenz-Gerede der drei „stabilisierten“ Hochschul-Leitungen: Als bestünde die Hauptaufgabe unserer Musikhochschulen allein in der Züchtung strahlender Solisten etwa zum Ruhme ihrer Ausbilder. Solche „Leuchttürme“ braucht unser Land nur sehr begrenzt. Viel wichtiger sind kompetent und vielseitig gebildete Absolventinnen und Absolventen, die unserem seit wenigstens zwei Generationen verkarstenden und vergreisenden „Musikland Deutschland“, den Elternhäusern, Kindergärten und Schulen wieder Musikleben einhauchen.

Dafür liefern Mannheim und vor allem auch Trossingen beste Bedingungen. In die Beratungen über die geplante Umstrukturierung wurden sie allerdings nicht einbezogen. Demokratie heute. Mehr gleich nebenan – und auf den Seiten 3, 10, 11 und 30.

Das könnte Sie auch interessieren: