Plädoyer für unerbittliche Genauigkeit

Konsequenzen der Prieberg-Dokumentation für die Musikforschung · Von Albrecht Dümling


(nmz) -

Wer es wagte, sich mit der Musikgeschichte des Dritten Reichs auseinander zu setzen, galt in der Bundesrepublik Deutschland lange Jahre als Außenseiter. Auch heute noch soll es ältere Musikwissenschaftler geben, die solche Forschungen als fachfremd abtun. Fred K. Prieberg hat sich diesen Widerständen schon früh widersetzt. Obwohl er seine Untersuchungen seit 1956 auf eigene Initiative und außerhalb des akademischen Betriebs durchführte, sind sie deswegen nicht minder seriös. Nach seinem längst zum Standardwerk avancierten Buch „Musik im NS-Staat” (1982), einer Furtwängler-Studie „Kraftprobe” (1986) und dem Essay-Band „Musik und Macht” (1991) legte er zuletzt als Zusammenfassung seiner Untersuchungen im Selbstverlag die umfassende CD-ROM-Dokumentation „Handbuch Deutscher Musiker 1933–1945” vor. Diese Dokumentensammlung zu circa 40.000 Musiktiteln und 5.500 Persönlichkeiten, die sich als work-in-progress versteht, ist schon heute weit umfassender als jede andere zur Musik unter der NS-Diktatur. Es ist deshalb unverständlich, dass ein führender deutscher Musikologe, zugleich Herausgeber des neuen MGG, dem Autor mangelnde Datenkenntnis vorwarf. Trotz notwendiger Lücken, die nicht Prieberg anzulasten sind, gibt die Sammlung einen repräsentativen Überblick über das Musikleben jener Jahre. Staunend erfährt man, welch hohen Stellenwert funktionale Musik, meist Lieder und Gelegenheitswerke, einmal besaß. Anders als heute wurde im damaligen Deutschland viel gesungen. Werktitel wie „Die stolze Wehrmacht“ oder „Glauben, gehorchen, kämpfen“ scheinen aus einer anderen Welt zu kommen. Und doch haben solche Machwerke, deren Existenz nach 1945 peinlich verschwiegen wurde, dieses Land einmal geprägt. Niemand, der sich mit der deutschen Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts befasst, kann Priebergs Dokumentation ignorieren.

Ein Artikel von Albrecht Dümling

Die hohe Zahl heroisch-vaterländischer oder offen nationalsozialistischer Titel belegt das Ausmaß, mit dem die Musiker sich der NS-Ideologie andienten. Es waren nicht nur einige wenige „Spezialisten“ wie Hans Baumann oder Herms Niels, die die Wünsche der NS-Organisationen erfüllten. Vielmehr stellte sich eine Mehrheit der damals tätigen Komponisten in den Dienst der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft”. Wohl in keiner anderen Berufsgruppe war die Zustimmung zum neuen Staat so groß wie gerade unter Musikern. Deren aktive Mitwirkung dokumentiert sich in ihren Werken, aber auch in ihrer NSDAP-Mitgliedschaft. Ausgehend von dem ihm zugänglichen Material nimmt Prieberg an, dass zwei Drittel der deutschen Musiker der Partei beitraten. Tatsächlich hatte der neue Staat mit beträchtlichen Investitionen die extreme Arbeitslosenquote im Musikbereich rasch abgebaut. Die Entlassung von Ausländern und so genannten Nichtariern machte weitere Stellen frei. Deutsche Musiker hatten also Grund, dem NS-Staat Dankbarkeit zu demonstrieren.

Prieberg lässt die Dokumente selbst sprechen, sodass oft der Leser entscheiden muss, wieweit er die betreffende Person als Opfer, Täter oder Mitläufer einstuft. Ein Beispiel: Der Gewandhauskapellmeister Hermann Abendroth forderte einerseits die Rassenforschung und setzte sich andererseits für den „Nichtarier” Günther Raphael ein. Im Juni 1938 schrieb er mutig einem Veranstalter: „Zwar bin ich Arier von Geburt…, ich bin aber nicht gewillt, mich an einem Unternehmen zu beteiligen, das das Judentum planmäßig boykottiert. Die Juden sind Menschen wie wir.” Zivilcourage bewies auch die Witwe des Komponisten Max von Schillings, als sie gegen die Darstellung ihres Mannes als gläubigen antisemitischen Vorkämpfer des NS-Staats protestierte. Bislang galt Schillings, der als Akademie-Präsident die Entlassung ihrer jüdischen Mitglieder Franz Schreker und Arnold Schönberg verantwortete, tatsächlich als ein solcher Vorkämpfer. Um so ernster ist zu nehmen, wenn seine Witwe dieses damals nützliche Etikett noch während der NS-Zeit zurückwies. Auch der Geiger Gustav Havemann gehörte 1933 zu den Hauptverantwortlichen für „Säuberungen“. Der CD-ROM ist zu entnehmen, dass Staatskommissar Hans Hinkel ihn 1935 wegen seiner „philosemitischen Einstellung“ tadelte. Offenbar sind nicht nur bei Künstlern wie Furtwängler, Hindemith und Karajan, sondern auch bei den bislang eindeutig als Täter geltenden Musikern Differenzierungen angebracht. Die Frage der Wertung wird oft eine schwierige, nicht immer befriedigend zu lösende Aufgabe bleiben.

Angesichts des hohen Anteils von Parteimitgliedern überrascht, dass hochrangige Funktionäre wie Richard Strauss und Peter Raabe, beide nacheinander Präsidenten der Reichsmusikkammer, der NSDAP nicht angehörten. Das zu Raabe präsentierte Material zeigt, wie dieser angesehene Dirigent und Liszt-Forscher trotz erheblichen Widerstandes schließlich ein Werkzeug des Propagandaministers wurde. (Nina Okrassa ist in ihrem 2004 bei Böhlau erschienenen Raabe-Buch diesem Widerspruch nachgegangen.) Dass der Verzicht auf Parteimitgliedschaft nicht notwendig Distanzierung bedeuten muss, belegt die Karriere Werner Egks. Die Dokumentation beweist umfassend sein Wirken als NS-Ideologe. Sie belegt auch den antisemitischen Hintergrund seiner Erfolgsoper „Die Zaubergeige“: das Märchenspiel „Der Jude im Dorn“, das sich damals großer Beliebtheit erfreute.

Wie Werner Egk haben sich auch andere Komponisten zu Widerstandskämpfern stilisiert. Prieberg entlarvt solche Legenden. Den Vorwurf der „Geschichtsfälschung“ richtet er besonders häufig gegen den kanadischen Historiker Michael Kater, dem groteske Fehler unterliefen. So berechtigt Priebergs Forderung nach Genauigkeit ist, so schießen seine Vorwürfe doch gelegentlich übers Ziel hinaus. Auch seine eigene Dokumentation ist nicht fehlerfrei. Hermann Abendroth beispielsweise stieg nicht erst nach der Entlassung von Walter Braunfels zum Direktor der Kölner Musikhochschule auf, sondern hatte schon vorher gemeinsam mit diesem die Hochschule geleitet. Solche Fehler lassen sich leicht korrigieren. Fraglich ist auch, ob der für die Urheberrechtsgesellschaft STAGMA verantwortliche Leo Ritter als Musiker zu bezeichnen ist.

Insgesamt aber besticht diese Dokumentation durch Genauigkeit und Materialreichtum. Wer sie durchgearbeitet hat, wird auf manche liebgewordene Klischees verzichten und das Bild der Täter wie das der Opfer differenzieren müssen. Mit Betroffenheit nimmt man beispielsweise zur Kenntnis, wie verständnisvoll der große Fritz Kreisler sich 1933 über die neue Regierung äußerte. Entgegen den gängigen Lexika behielt er seinen Berliner Wohnsitz bis 1939 bei. Auch der mit einer Jüdin verheiratete Komponist Hanning Schröder wurde keineswegs, wie man bisher annahm, aus der Reichsmusikkammer ausgeschlossen. Fast unglaublich erscheint, dass Siegfried Borris dort noch bis 1941 als Mitglied geführt wurde. In der Summe fordern solche Korrekturen eine gründliche Revision der bisherigen Geschichtsschreibung heraus.

 

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